Überlastet

Ausbau der Schulpsychologie in NÖ zu wenig

16.04.2026

Die psychische Belastung von Kindern und Jugendlichen ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Nicht zuletzt deshalb wird Schulpsychologie in ganz Österreich ausgebaut. In NÖ zeigt sich ein etwas anderes Bild. 

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Nach der Corona-Pandemie gibt es zwar gewisse Entspannung, dennoch bleibt die Situation angespannt, sagt Christoph Pieh. Er leitet die Universitätsambulanz für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Universität für Weiterbildung Krems, wo mittel- bis schwergradige Erkrankungen mit Leitsymptom wie Depression, Angst, Trauma oder gestörter Schlaf behandelt werden. Pieh nennt u.a. hohen Zeit- und Leistungsdruck, ständige Erreichbarkeit, aber auch das Thema Screentime (Bildschirmzeit, Anm.) als Gründe für die gestiegenen Belastungen bei jungen Menschen. „Social-Media-Nutzung und alle diese Sachen zusammen machen es dann aus, dass die Belastung doch recht hoch ist.“ 

Fortschreitender Ausbau

Österreichweit sind laut Bildungsministerium derzeit rund 250 Schulpsychologen im Einsatz, zusätzliche Stellen sind vorgesehen. Auf einen Psychologen kommen in Österreich aktuell mehrere tausend Schüler. Fachlich empfohlene Betreuungsverhältnisse liegen deutlich darunter. In NÖ wurde zuletzt aufgestockt. Laut Bildungsdirektion sind derzeit 40 Schulpsychologen tätig, alle vom Bildungsministerium zugewiesenen Planstellen sind besetzt. Weitere 22 Stellen seien genehmigt worden und sollen 2026 für Entlastung sorgen. Bereits bis zum Ende des laufenden Jahres sei mit weiterer personeller Verstärkung zu rechnen, heißt es aus der Abteilung Schulpsychologie in der Bildungsdirektion. In NÖ würden pro Schuljahr zwischen 2.200 und 2.500 schulpsychologische Gutachten erstellt – im Gegensatz zu privaten Praxen kostenlos. Damit leiste man „einen wesentlichen Beitrag zur sozialen Gerechtigkeit und finanziellen Entlastung der Familien im Land“. Bei der Terminvergabe orientiere man sich an der Komplexität der Fragestellung und der Dringlichkeit des Falls. Ziel sei es, Wartezeiten so kurz wie möglich zu halten, ohne die Beratungsqualität zu gefährden, heißt es. 

Eltern fordern Ausbau

Elternvertreter berichten von Schwierigkeiten im Alltag: Zugang zu schulpsychologischer Unterstützung sei oft unklar, wenig transparent und nicht ausreichend niederschwellig organisiert, so Paul Haschka vom Landesverband der Elternvereine. „Im Moment ist es eine Blackbox – man hat nicht den Eindruck, dass man irgendwo leicht anrufen kann und in der nächsten Woche einen Termin bekommt“, so Haschka. Zudem sei das Angebot je nach Schule sehr unterschiedlich. In vielen Fällen würden Elternvereine oder Gemeinden zusätzliche Angebote finanzieren. „Ohne die Elternvereine würde es nicht funktionieren", sagt Haschka. 

Mehr Unterstützung für Lehrkräfte

Auch aus Sicht der Lehrervertretung „reichen die bestehenden Angebote nicht aus“. In den letzten Jahren sei der Bedarf an psychologischer Begleitung „deutlich gestiegen“. Immer mehr Kinder würden emotionale, soziale oder psychische Schwierigkeiten zeigen, „die über das hinausgehen, was im regulären Unterricht aufgefangen werden kann“. In Akutsituationen werde zwar meist schnell und professionell reagiert, sagt Claudia Andre, Vorsitzende des Zentralausschusses der Landeslehrer an allgemein bildenden Pflichtschulen bei der Bildungsdirektion. Im Schulalltag fehle allerdings „häufig die Kapazität für eine kontinuierliche und niederschwellige Begleitung“. Viele Lehrpersonen würden laut Andre berichten, „dass sie sich in belastenden Situationen oft zunächst selbst helfen müssen“. Sie fordert mehr Supervisionsangebote für Lehrpersonen durch die Pädagogischen Hochschulen in NÖ und Wien. Schulleiter, die anonym bleiben wollen, berichten zudem von gestiegenen Krankenständen im Lehrkörper als Folge der Überlastung im Schulalltag.

Vorbeugung besser als Eingriff danach

Aus wissenschaftlicher Sicht sei die Situation klar: Die bestehenden Strukturen würden nicht ausreichen, um den Bedarf zu decken. Dabei sei die Schule ein zentraler sozialer Raum für junge Menschen und könne daher eine wichtige Rolle bei frühzeitiger Unterstützung spielen. „Prävention ist immer besser als Intervention“, betont Pieh mit Verweis auf die geringe Zahl der Schulpsychologen und den Betreuungsschlüssel von eins zu mehr als 5.000. „Die Zahl sagt es schon: Es reicht einfach bei weitem nicht“, so Pieh. Die Zuständigkeit für die Schulpsychologie liegt formal beim Bund. Aus dem Büro von Bildungslandesrätin Christiane Teschl-Hofmeister (ÖVP) heißt es, dass bei der letzten Landesbildungsreferentenkonferenz auf Initiative des Landes beschlossen worden sei, dass das Bildungsministerium gemeinsam mit den Ländern ein Gesamtkonzept für die Finanzierung von Maßnahmen für den Ausbau der Schulsozialarbeit, des administrativen Supportpersonals, der Schulpsychologie sowie des schulärztlichen Dienstes erarbeiten soll. Gleichzeitig setze das Land auf ergänzende Maßnahmen wie Schulsozialarbeit oder Präventionsprogramme.

Fachleute sehen neben quantitativem Ausbau auch Bedarf bei der Struktur der Angebote. Schulpsychologie könne eine wichtige erste Anlaufstelle sein, müsse aber ausreichend verfügbar sein. Darüber hinaus brauche es ein breiteres System an Unterstützungsangeboten, das von niederschwelligen Zugängen bis hin zu spezialisierten Behandlungen reiche. „Wenn ich es mit einem Wort sagen müsste, dann sind es fehlende Ressourcen auf allen Ebenen", so Pieh.