Psychiaterin Kastner

So blickte ich in Fritzls Seele

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Ihr Psychogramm legte die Basis für Josef Fritls Verurteilung. Das Interview mit der Frau, die das Monster entschlüsselte.

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Wie nähert man sich einem Menschen, der 24 Jahre seine Tochter im Kellerverlies gefangen hielt? Wie blendet eine Frau Emotionen aus, wenn sie einem massenhaften Vergewaltiger gegenübersitzt? Der seinem eigenen Baby die Rettung verweigert hat? „Offen und respektvoll“, sagt Adelheid Kastner, 46.

Sie ist Josef Fritzl gegenübergesessen, hat ihn sechs Mal getroffen und nach stundenlanger Beschäftigung mit einem, der für viele nur „das Monster“ war, jenes Gutachten verfasst, das zur Grundlage für den Schuldspruch wurde. Ihr gegenüber zeigte sich Josef Fritzl ohne Maske, ihr offenbarte er seine Gedanken und (Schuld-)Gefühle, sie behandelte er mit einem Respekt und einer Höflichkeit, die er Frauen sonst wohl nie erwies.Wie muss so eine Frau beschaffen sein, die es schafft, einen Fritzl „in die Knie“ zu zwingen?

Vertrauen schaffen
Ein unglaubliches Selbstbewusstsein strahlt sie aus, das keiner aus der Ruhe bringen kann. Kühle Sachlichkeit, die dem Gesprächspartner aber nicht das Gefühl gibt, dass er sie kalt lässt. Die so viel Vertrauen schafft, dass er sie dennoch in die hintersten Winkel der Seele vordringen lässt. Neugier treibt sie an. Wie sieht sie es selbst? „Ich glaube nicht, dass ich an den Job anders rangehe als ein Mann, außer dass man den Frauen vielleicht eine größere Neugier als den Männern nachsagt“, analysiert Kastner.

Die dunklen Seiten der Menschen haben die Linzerin schon von Kindheit an interessiert. Schon im Kindergarten wollte sie Ärztin zu werden, als Teenager beschloss sie die Seele von Schwerverbrechern zu entschlüsseln. „In England, wo ich auf Sprachferien war, entdeckte ich die „True-Crime“-Storys, die es bei uns in dieser Form nicht gab. Die hab ich verschlungen.“ Kein Wunder, dass sie gleich zugriff, als man ihr nach dem Psychiatrie-Studium eine Konsiliarstelle im Gefängnis Garsten anbot. „Da war ich da, wo ich immer hinwollte.“

Angst vor den „schweren Jungs“ kennt sie keine. Im Gegenteil: Bei ihren Gesprächen besteht sie darauf, alleine mit dem Häftling sein zu können. Ihre Gegenüber wissen das zu schätzen. Anders als das bei Kollegen schon mal der Fall sein kann, musste sie ein Gespräch noch nie wegen eines Aggressions-Ausbruchs abbrechen.

Kein Fernsehen
Ihre Leidenschaft, die Gewalt, die in Mitmenschen schlummert, zu ergründen, beschränkt sich freilich auf die Praxis. Von Krimis hält sie wenig. Ferngesehen wird nur „punktuell“ – höchstens jeden zehnten Tag. Zwischen 2004 und 2006, sagt sie, hätte sie den Fernsehkonsum total verweigert. Entspannt wird lieber beim Kochen mit Freunden, im Garten oder – das Höchste – bei der Musik von Johann Sebastian Bach. Das sind Momente, bei denen sie die Härte des Schutzschilds aufweichen kann, mit dem sie sich bei ihrem Job umgeben muss.