Drei Monate

Kaunertal-Kraftwerk: Tiwag-Chef bei UVP-Verzögerung "tiefenentspannt"

04.03.2026

UVP-Bescheid könnte erst 2027 vorliegen. 

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© TIWAG
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Tirol. Der landeseigene Tiroler Energieversorger Tiwag sieht eine offenbar anstehende Verzögerung von drei Monaten bei der laufenden Umweltverträglichkeitsprüfung zum Kraftwerk Kaunertal gelassen. "Ich bin da tiefenentspannt", sagte Vorstandsdirektor Alexander Speckle am Mittwoch bei einer Pressekonferenz. Der "Tiroler Tageszeitung" (Mittwoch) zufolge könnte 2027 ein Bescheid ergehen. Speckle kritisierte indes generell eine Verfahrensdauer von rund 15 Jahren bei Großprojekten.

"Ich selbst beurteile das nicht als Verzögerung", sagte Speckle. Eine wohl anstehende Verzögerung von rund drei Monaten falle bei einem so aufwendigen Projekt nicht ins Gewicht. Laut "TT" dürfte das Umweltverträglichkeitsgutachten nicht vor dem Sommer vorliegen, die mündliche Verhandlung würde sich ebenso verzögern. Daher könnte der Bescheid dann erst im kommenden Jahr ergehen - nicht wie zuvor avisiert bereits heuer. "Der Zeitplan, den sich die Behörde vorgenommen hat, war extrem sportlich", sagte der Tiwag-Vorstandsdirektor dazu. Immerhin würden die Beurteilungen von 51 Gutachtern aus 46 Fachgebieten in das gesamte schlussendlich Tausende Seiten lange Gutachten einfließen. Ob ein Baustart wie avisiert 2029 erfolgen könne, ließ Speckle auf Nachfrage offen: "Wir sind voll auf Zug, Tirol braucht dieses Projekt".

Kritik an langer UVP-Verfahrensdauer

Indes sei die generell lange Verfahrensdauer bei der Umweltverträglichkeitsprüfung zu Projekten dieser Größenordnung kritisch zu sehen. "Wir brauchen bei derartigen Projekten 15 Jahre bis zum rechtskräftigen Bescheid", rechnete Speckle vor. Das verursache einen volkswirtschaftlichen Schaden. "Es ist unverantwortlich, dass man in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten zulässt, dass Verfahren so lange verzögert werden können", kritisierte der Tiwag-Chef und nahm den Gesetzgeber in die Pflicht. "Wir brauchen wieder einen pragmatischen Ansatz", forderte er - neben einer ebenso notwendigen strengen Prüfung. Etwa seien gewisse Parteienstellungen in bestimmten Instanzen zu überdenken: "Irgendwann muss dann fertig sein."

"Die Tiwag ist nicht nur ein Motor der Energiewende, sondern auch ein Turbo für die Wirtschaft in Tirol", warf Speckle indes einen generellen Blick auf die Projekte des Landesenergieversorgers. Diese seien essenziell, um den steigenden und bis 2040 wohl doppelt so hohen Strombedarf wie aktuell decken zu können. Gleichzeitig habe man mit dem Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen bis 2050 ein "klares Ziel". Gerade die vergangenen Tage hätten erneut die aktuell große Abhängigkeit von diesen verdeutlicht.

Man investiere 2,4 Mrd. Euro bis zum Jahr 2030, rechnete Speckle vor, alleine heuer 585 Mio. Euro. Für die bereits im Bau befindlichen Kraftwerksprojekte im Kühtai, in Osttirol (Tauernbach-Gruben) sowie in Imst-Haiming werden laut Tiwag während der Bauphase 1,6 Mrd. Euro investiert. Rund 27 Prozent dieser Summe - fast 430 Mio. Euro - flössen dabei direkt an Tiroler Betriebe, freute sich der Tiwag-Chef. Auch hob Speckle weiterführende Effekte für die betroffenen Gemeinden wie die anfallende Kommunalsteuer in jeweils sechs- bis siebenstelliger Höhe hervor.

Kaunertal-Kraftwerk mit volkswirtschaftlichen Effekten

Volkswirtschaftsprofessor Christian Helmenstein (Privatuniversität Schloss Seeburg) präsentierte indes Erkenntnisse einer Studie zu generellen volkswirtschaftlichen Effekten beim geplanten Pumpspeicherkraftwerk Versetz (Kraftwerk Kaunertal). Geplante Investitionen von 1,6 Mrd. Euro würden fast eine Mrd. Euro Bruttowertschöpfung in Tirol auslösen, analysierte der Chefökonom der Industriellenvereinigung. "Das Projekt ist ein Gamechanger wenn es darum geht, die Energiewende hinzubekommen", fasste der Experte zusammen. Auch zahlreiche Arbeitsplätze entstünden durch das Projekt. 3.200 Menschen seien während der Bauphase mit dem Projekt beschäftigt. Auch kämen weiterführende fiskalische Effekte zum Tragen. Bei einer Investitionssumme von 1,6 Mrd. Euro flössen 654 Mio. Euro an den österreichischen Staat zurück.

WWF ortet "Tunnelblick", Grüne fordern Alternativen

Die Umweltschutzorganisation WWF kritisierte die Tiwag indes für einen georteten "Tunnelblick". Man ignoriere durch den einseitigen Blick auf wirtschaftliche Effekte langfristige Schäden für die Biodiversität und kommende Generationen. "Anstatt mit sündteuren Uralt-Projekten wie dem Kaunertal-Ausbau das Tiroler Naturerbe zu zerstören, muss eine naturverträgliche Energiewende im Vordergrund stehen", wurde WWF-Expertin Bettina Urbanek in einer Aussendung zitiert. Der WWF forderte einen "Kurswechsel" und Maßnahmen wie die naturverträgliche Modernisierung bestehender Kraftwerke sowie ein deutlich stärkerer Ausbau der Photovoltaik.

Die Tiroler Grünen erneuerten ihre Kritik am geplanten Kraftwerk Kaunertal - auch aufgrund der langen Umsetzungsdauer. Eine Fertigstellung nicht vor 2035 sei "keine adäquate Antwort auf die heutigen Verwerfungen am Energiemarkt", sagte Landessprecher Klubobmann Gebi Mair am Mittwoch in einer Aussendung. Es gebe "kluge und effiziente" Alternativen. Die Tiwag müsse ihr Investitionsprogramm umplanen, unter anderem gehörten über alle Großparkplätze in Tirol Photovoltaik-Anlagen errichtet. In Kombination mit inzwischen leistungsfähigen Akku-Technologien könne man ausreichend Speicherkapazitäten für Tirol schaffen.

Pläne erstmals 2009 eingereicht

Die Pläne für das Mega-Pumpspeicherkraftwerk waren zum ersten Mal im Jahr 2009 eingereicht, die UVP erstmals 2012 gestellt worden. Sowohl frühere Landesregierungen als auch die aktuelle aus ÖVP und SPÖ bekannten sich bisher zum Kaunertaler Kraftwerksausbau. Die Tiwag betonte stets, am Kraftwerksprojekt führe kein Weg vorbei, um die in Tirol für 2050 anvisierte Energieautonomie zu erreichen.