Vorsorgeprogramm
Ärztekammer Wien warnt vor Vorsorgelücke bei Jugendlichen
20.01.2026Die Wiener Ärztekammer schlägt Alarm wegen einer Versorgungslücke bei Kindern und Jugendlichen. Zwischen dem sechsten und 18. Lebensjahr fehlt es an systematischer Vorsorge. Gleichzeitig klagen Ärzte über wachsende Bürokratie und fordern einen radikalen Kurswechsel.
Die Wiener Ärztekammer fordert ein Vorsorgeprogramm für Kinder und Jugendliche zwischen dem sechsten und dem 18. Lebensjahr. Nachdem die Eltern-Kind-Pass-Untersuchungen enden, würden sich Kinder nämlich nicht im Vorsorgeplan finden, sagte Vizepräsidentin Naghme Kamaleyan-Schmied bei einer Pressekonferenz am Dienstag. Ärztekammer-Präsident Johannes Steinhart drängte indes auf einen "Entbürokratisierungsgipfel".
Ein Screening-Programm für Kinder und Jugendliche könne sich am "Gesundheits-Check Junior" der SVS orientieren. Überhaupt gebe es bei der Vorsorge noch einiges an Verbesserungspotenzial, so Kamaleyan-Schmied, auch Obfrau der Kurie niedergelassene Ärzte. Sie forderte etwa ein organisiertes Prostatakrebs-Screening, zu dem Männer ab 50 Jahren persönlich eingeladen werden.
PC-Arbeit "nicht Aufgabe eines Mediziners"
Zudem brauche es eine Ausweitung des Impfprogramms für Schwangere, Maßnahmen für mehr Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung und die Aufnahme der Bestimmung des Eisenstatus und des Schilddrüsenwerts TSH in den Vorsorgekatalog für Frauen. In den Ordinationen würden u.a. kostenlose Influenza- und Coronatests fehlen - damit könne man Menschen "auffangen", bevor sie schwerwiegender erkranken und andere anstecken.
Steinhart und Eduardo Maldonado-González, Ärztekammer-Wien-Vizepräsident und Obmann der Kurie angestellte Ärzte, beklagten indes eine überhandnehmende Bürokratisierung im Ärzteberuf. Bei der ab Juli verpflichtenden Diagnosecodierung sei man damit beschäftigt, Kinderkrankheiten zu beheben, sagte Steinhart. Für Ärzte bedeute die Diagnosecodierung mehr Zeit vor dem PC, während gleichzeitig über einen Ärztemangel gesprochen werde. Am Bildschirm zu codieren sei "nicht die Aufgabe eines Mediziners", pochte auch Maldonado-González. Steinhart forderte einen "Entbürokratisierungsgipfel" mit Vertretern von Ärzteschaft, Sozialversicherungen, Spitalsorganisationen und der Politik, um Maßnahmen für einen Bürokratieabbau zu definieren. Zudem soll die Ärzteschaft in die Zielsteuerungskommissionen auf Landes- und Bundesebene einbezogen werden.
Kassenärzte: Motivation statt Zwang
Um den Mangel an Kassenärzten und -ärztinnen zu beheben, brauche es keine "Zwangsmaßnahmen", sondern Motivation, sagte der Ärztekammer-Präsident. Einen Fokus will er außerdem auf Frauen in der Medizin legen, etwa durch flexiblere Arbeits- und Ausbildungsbedingungen. Maldonado-González forderte eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen in Wiener Spitälern. Es brauche fixe Ausbildungszeiten im Dienstplan von mindestens 20 Prozent, während dieser sollten keine Routinetätigkeiten übernommen werden müssen. Wien hinke außerdem bei den Gehältern hinterher.
Auf die Debatte rund um Gastpatienten aus anderen Bundesländern angesprochen, betonte Steinhart, die Politik sei gefordert, sich zu einigen. "Wir behandeln jeden Patienten", egal welche Postleitzahl, meinte indes Maldonado-González, der in der Klinik Donaustadt tätig ist.