Pilotprojekt
Keine Kameras, keine Wachen: Wien plant "Auszeit-WG" für junge Intensivtäter
22.01.2026In Wien soll ab April eine sogenannte Auszeit-WG starten, in der unter 14-jährige Intensivtäter vorübergehend untergebracht werden. Das Projekt setzt auf pädagogische Begleitung statt Polizeikontrolle. Die Stadt reagiert damit auf eine Lücke im Umgang mit strafunmündigen Jugendlichen.
Wien will im Frühling ein Pilotprojekt zur geschlossenen Unterbringung von strafunmündigen Intensivtäterinnen und -tätern starten. Wie die Magistratsabteilung für Kinder- und Jugendhilfe (MA 11) entsprechende APA-Recherchen bestätigte, befindet sich ein Konzept nun in der genaueren Ausarbeitung. Eckpunkte stehen schon jetzt fest. Demnach sollen strafunmündige Jugendliche bei hoher Selbst- und Fremdgefährdung bis zu sechs Wochen in einer "Auszeit-WG" angehalten werden können.
Geht es nach der Stadt Wien, soll das Heimaufenthaltsgesetz die rechtliche Grundlage dafür bilden. Die Kriterien unter denen eine solche Anhaltung gesetzeskonform erfolgen kann müssen laut der Magistratsabteilung noch festgelegt werden. Das Projekt befinde sich noch in der Entwicklungsphase. Der Auftakt sei aber spätestens für Anfang April geplant.
Vorerst zwei Plätze in Wohngemeinschaft
In der Praxis soll nach gravierenden Straftaten durch unter 14-Jährige eine sofortige Anhaltung erfolgen. Die Bewohnervertretung überprüft ab diesem Zeitpunkt den Fall. "Entscheidet man dort, dass eine Anhaltung nicht gerechtfertigt ist, geht der Fall zum Bezirksgericht, dann müssen wir die freiheitsbeschränkende Maßnahme wieder aufheben und den Jugendlichen in einer niederschwelligeren Einrichtung unterbringen", erklärte die Sprecherin der MA 11, Ingrid Pöschmann.
Derzeit sind zwei Plätze in der WG vorgesehen. Pöschmann sprach in diesem Zusammenhang von einem "Modellprojekt". "Aus der Forschung wissen wir, dass kleine Settings hier wesentlich wirkungsvoller sind. Man warte noch auf eine bundeseinheitliche Regelung."
"Ob das Heimaufenthaltsgesetz, das für die Zulässigkeit von Freiheitsbeschränkungen voraussetzt, dass die gefährliche Person entweder psychisch krank oder kognitiv beeinträchtigt ist, novelliert werden soll oder eine andere Lösung gefunden wird, ist noch offen", hieß es dazu aus dem Justizministerium. Das Modellprojekt der Stadt Wien werde aber mit rechtlicher Expertise unterstützt. Parallel dazu prüft eine Arbeitsgruppe im Ministerium derzeit neue Möglichkeiten im Umgang mit unmündigen Intensivtätern. Man arbeite an einer praxisorientierten Lösung, die sowohl den Kinderschutz als auch das Kindeswohl gewährleiste, hieß es.
Fokus auf Pädagogik, keine Überwachung
Ein Standort für die Einrichtung ist bereits fixiert. Dort könnten Eltern oder Angehörige auch für Besuche kommen. Die Sprecherin betonte, dass die Einrichtung "sehr stark pädagogisch ausgelegt" sein werde. Naturgemäß werde die WG deshalb auch nicht durch Sicherheitskräfte bewacht sowie auf Überwachungskameras verzichtet.
Die Trägerschaft des Projekts soll eine Partnerorganisation übernehmen. Rekrutieren werde sich das Personal ausschließlich aus "gestandenen Praktikerinnen und Praktikern" mit pädagogischem, psychologischem, psychotherapeutischem oder ähnlichem Hintergrund. Das Personal sei dabei rund um die Uhr anwesend und solle für die Einhaltung der Regeln sorgen. Dazu zählt, dass das Verlassen der WG in der ersten Phase der Anhaltung lediglich für Arzt- oder Behördenbesuche - in Begleitung von Betreuerinnen und Betreuern - gestattet wird. Gefährliche Gegenstände seien naturgemäß nicht erlaubt. Bei Verstößen drohen Sanktionen in Form von pädagogischen Maßnahmen. Ob Handys behalten werden dürfen, sei dagegen noch nicht endgültig geklärt, teilte die Sprecherin mit.
Schrittweise Ausgänge
Bei gutem Fallverlauf seien auch schrittweise Ausgänge geplant. "Das Ziel ist, die Kinder so kurz wie möglich anhalten, um dann in eine Lockerung zu gehen", so Pöschmann. Selbstverständlich sei das Team stets auf die Mitarbeit der Kinder und Jugendlichen angewiesen. "Aber wir können hier erstmals auch die Tür der WG zusperren", sagte sie. "Man hat dadurch die Möglichkeit, immer neu an die Kinder heranzukommen und Vertrauen aufzubauen."
Wie tief die Stadt für die "Auszeit-WG" in die Tasche greifen muss, steht noch nicht fest. Die Kosten könnten noch nicht abgeschätzt werden, hieß es seitens der MA 11.