Langzeitstudie
Siebenschläfer im Wienerwald spüren Wucht des Klimawandel
17.02.2026Im Wienerwald kämpfen Siebenschläfer ums Überleben, weil sich ihr Futterrhythmus dramatisch verschiebt. Steigende Temperaturen bringen den Takt der Buchenmast durcheinander und treffen vor allem die Jüngsten. Eine Langzeitstudie zeigt nun, wie stark die Überlebenschancen bereits sinken.
Den im Wienerwald lebenden Siebenschläfern (Glis glis) hat der Klimawandel schon ein merkbar verändertes Lebensumfeld beschert: Laut einer über 17 Jahre laufenden Studie hat sich der Rhythmus der Saisonen mit gutem Bucheckern-Angebot (Buchenmast-Jahre) stark verändert. Besonders junge Siebenschläfer können die Futterausfälle schlecht kompensieren, ihre Überlebensrate sinkt in mageren Jahren stark. Laut den Forschern könnten die Zeiten für die Nagetiere noch härter werden.
Für ihre im Fachjournal "Scientific Reports" erschienene Untersuchung greifen die Forschenden um Lukas Hochleitner von der Veterinärmedizinischen Universität (Vetmed) Wien auf Daten aus insgesamt 17 Jahren zurück. Seit 2006 verfolgen die Wissenschafterinnen und Wissenschafter den Zustand der Siebenschläferpopulation tief im Wienerwald engmaschig. Sie dokumentieren den Zustand und die Anzahl der Tiere, die es sich gerne in eigentlich für Vögel vorgesehenen Nistkästen im Wald gemütlich machen und dort teils auch ihren Nachwuchs aufziehen. Die nachtaktiven Tiere wurden zusätzlich auch mit Mini-Chips versehen, was das Nachverfolgen ihres Zustandes über mehrere Jahre hinweg ermöglicht, wie Hochleitner im Gespräch mit der APA erklärte.
Jungtiere oft zu 90 Prozent auf Bucheckern angewiesen
Auf dieser Basis lässt sich wissenschaftlich nachzeichnen, wie die in etwa von April bis Oktober aktiven Winterschläfer auf die rapiden Veränderungen durch die im Mittel steigenden Temperaturen reagieren. Besonders wichtig für die Siebenschläfer ist die Buchenmast. Das sind Jahre, in denen die Bäume besonders viele Bucheckern tragen. Vor allem die jüngeren Nagetiere wiederum sind stark auf diese Kost fokussiert. "Die Jungtiere sind in der Zeit zwischen ihrer Geburt bis zu ihrem ersten Winterschlaf so etwa zu 90 Prozent auf die Bucheckern angewiesen", so Hochleitner. Sie können mit der fettreichen Kost besonders schnell Gewicht zulegen.
Seit 1976 hat sich das Muster der Buchenmast mit den steigenden Temperaturen deutlich gewandelt: Waren es früher oft zwei bis drei Jahre mit fettem Angebot für die Waldbewohner, die dann von ein paar dürren Jahren gefolgt waren, gab es zuletzt einen jährlichen Wechsel. An den althergebrachten Rhythmus, den es vermutlich so schon sehr lange in der Region gab, haben sich die Tiere angepasst. "Der aktuelle Rhythmus ist aber komplett neu für sie und sie können sich nicht schnell genug darauf einstellen", so der Wissenschafter.
Jährlinge leiden besonders unter neuen Abläufen
Das betrifft laut der Studie, die über 2.500 Tiere umfasst, vor allem sogenannte Jährlinge - also Siebenschläfer, die zwar schon geschlechtsreif, aber noch nicht vollständig ausgewachsen sind. Das dürfte sie besonders anfällig für negative Effekte des jährlich variierenden Bucheckern-Angebots machen. Sie müssen nämlich ihre Energie in die Reproduktion und das Körperwachstum investieren. In Jahren mit wenig Bucheckern sinken die Überlebensraten in diesem Alterssegment dann auch signifikant, weil sie ihr Energie-Investment in Wachstum und Nachwuchspflege offenbar schlechter austarieren können, erklären die Forschenden. Sie kommen mit dem neuen Zwei-Jahres-Rhythmus der Analyse nach schlechter zurecht als mit dem althergebrachten, eigentlich unvorhersehbareren Buchenmast-Muster. Die schon erwachsenen Tiere haben hingegen scheinbar mehr Möglichkeiten, auch mit weniger Bucheckern auszukommen. Ihre Gesamtüberlebensrate blieb stabil.
Die Untersuchung zeige, wie sehr sich ein durch die Erderwärmung gestörter biologischer Ablauf auf ein komplexes Beziehungssystem zwischen einem Samenproduzenten und -konsumenten auswirkt. Es gebe auch Spekulationen darüber, dass die Buchenmast vielleicht einmal zusammenbrechen könnte - man also mehr oder weniger nur noch Jahre hätte, in denen es zum Beispiel durchschnittliche oder unterdurchschnittliche Erträge gibt. Durch weiter steigende Durchschnittstemperaturen in Kombination mit weniger Regen könnte sich nämlich die Energieversorgung im Baum selbst so verändern, dass sich keine Mastjahre mehr ausgehen, befürchtet Hochleitner. Wie es dann Waldbewohnern wie dem Siebenschläfer gehen wird, könne man noch nicht