Sicherheit-Check

Über 3.500 Mängel am Bau entdeckt – Arbeitsinspektorat schlägt nach Unfall Alarm

01.04.2026

Wiens Baustellen geraten immer stärker ins Visier der Behörden wegen gravierender Mängel beim Arbeitsschutz. Tausende Verstöße gegen die Sicherheitsregeln zeigen den dringenden Handlungsbedarf.

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Der Schock sitzt auch zwei Wochen nach der Katastrophe auf einer Baustelle am Alsergrund noch tief. Vier Männer verloren ihr Leben, als im Innenhof eines Hauses plötzlich die Welt über ihnen zusammenbrach. Während die Experten noch immer fieberhaft nach der genauen Ursache für den Einsturz des Schalungsgerüstes suchen, tritt eine bittere Wahrheit ans Tageslicht. Auf Wiens Baustellen herrscht oft ein lebensgefährlicher Schlendrian, den auch immer schärfere Kontrollen bisher nicht stoppen konnten.

Bei dem Unglück sollten eigentlich neue Laubengänge entstehen. Die Arbeiter waren gerade dabei, die Tragkonstruktion für die schweren Stahlbetondecken auf fünf Ebenen zu errichten. Doch das gewaltige Gerüst hielt der Belastung nicht stand und krachte in sich zusammen. Laut Dietmar Haslinger vom Wiener Arbeitsinspektorat ist dieser Vorfall nur die Spitze eines Eisbergs. Zwar war seine Behörde auf genau dieser Baustelle vor dem Unglück nicht vor Ort, doch die Statistik der Kontrolleure zeichnet ein düsteres Bild für die gesamte Stadt.

Tausende Verstöße trotz strenger Kontrollen

Die Beamten sind mittlerweile so aktiv wie nie zuvor. Wurden im Jahr 2021 noch rund 1.450 Baustellen Wien unter die Lupe genommen, so stieg diese Zahl bis zum Jahr 2025 auf satte 2.769 Überprüfungen an. Die Bilanz dieser Besuche ist jedoch erschreckend, wie der ORF berichtet. Die Kontrolleure stießen im Vorjahr auf über 3.500 Beanstandungen. Besonders oft hapert es am grundlegendsten Schutz, denn viele Firmen sparen sich offensichtlich die notwendigen Absturzsicherungen oder Dachfanggerüste. Wer hier ohne Netz und doppelten Boden arbeitet, spielt russisches Roulette mit der eigenen Gesundheit.

Sub-Unternehmen als Problem

Ein großes Problem im System ist die unübersichtliche Kette an Firmen. Oft bekommt ein Generalunternehmer den Zuschlag und reicht die Arbeit sofort an Sub-Betriebe weiter. Am Ende weiß oft niemand mehr genau, wer eigentlich für die Sicherheit geradezustehen hat. Häufig fehlt auf den Baustellen die wichtige Aufsichtsperson, die als verlängerter Arm des Chefs für Ordnung sorgen müsste. Zwar schreibt das Gesetz einen detaillierten Sicherheitsplan und einen eigenen Koordinator vor, doch in der harten Realität der Baubranche bleiben diese Schutzmaßnahmen viel zu oft ein reiner Papier-Tiger ohne echte Wirkung vor Ort.

Finanzpolizei jagt Bau-Sünder

Neben der körperlichen Sicherheit steht auch die rechtliche Absicherung der Dienstnehmer oft auf tönernen Füßen. Die Finanzpolizei des Amtes für Betrugsbekämpfung ist den schwarzen Schafen der Branche dicht auf den Fersen. Allein im letzten Jahr rückten die Beamten zu 857 Einsätzen auf Wiener Baustellen aus. Dabei wurden hunderte Betriebe und über 1.600 Arbeiter kontrolliert. Das Ergebnis waren fast 200 Strafanträge. In vielen Fällen waren die Männer schlichtweg nicht korrekt versichert oder wurden komplett illegal beschäftigt. Die Strafen für diese Vergehen haben es in sich, denn im Jahr 2025 summierten sich die beantragten Geldbußen auf stolze 610.000 Euro.