Radikale Pionierin

Wiener Kulturszene trauert um "Kunstikone" Valie Export

15.05.2026

Einen Tag nach Bekanntwerden des Todes der weltbekannten österreichischen Kunst-Pionierin Valie Export herrscht in der Kulturszene große Betroffenheit. Zahlreiche Institutionen drückten am Freitag in Nachrufen ihre Bestürzung und Trauer aus. 

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© APA/GEORG HOCHMUTH
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Eine "unvergessliche Bahnbrecherin der feministischen Kunstbewegung", nannte sie Albertina-Generaldirektor Ralph Gleis: "Sie war die stilprägende Vorreiterin im Bereich der Aktions- und Medienkunst. Bekannt wurde sie durch provokante und körperbetonte Performances, die häufig feministische Themen und die Rolle der Frau in der Gesellschaft thematisierten. Ihre künstlerische Vielseitigkeit bewies VALIE EXPORT auch durch ihre beeindruckenden Werke in anderen Medien darunter Fotografie, Film und Installationen. Nicht nur als Künstlerin, auch als Lehrende wird uns Valie Export  in Erinnerung bleiben."

In der Albertina war 2023 eine umfassende Retrospektive von ihr zu sehen. "Mit ihrem kreativen Schaffen und ihrer Beharrlichkeit in der Herausforderung gesellschaftlicher Normen hat Valie Export  einen erheblichen Einfluss auf die moderne Kunstszene und insbesondere auf die feministische Kunstbewegung ausgeübt. Ihr Werk bleibt ein wichtiger Beitrag zur Erforschung von Identität, Geschlecht und Macht in der Kunst", so Gleis.

Filmmuseum-Direktor Michael Loebenstein:

"Ich bin tief betroffen - und mit mir das Team des Filmmuseums. Valie Export  war eine Pionierin im buchstäblichsten Sinn: Sie hat Terrain erschlossen, das es vor ihr nicht gab. Seit 1965 schuf sie ein dezidiert feministisches Werk von existenzieller Schlagkraft - in Film, Video, Performance, Fotografie, Installation -, das sich dem Druck allzu einfach gesetzter Identitätspolitiken nicht beugte, sondern mehr wollte: den binären Code der Gesellschaft aufbrechen, Geschlechterideologien verschieben", so der Direktor des Österreichischen Filmmuseums, Michael Loebenstein. "Ihr Anspruch war fundamental: durch Wahrnehmung Wirklichkeiten verändern. Das Kino war für Valie Export kein Konsumort. 'Kino' fand bei ihr nicht nur im Lichtspielsaal statt, sie ging dafür auch auf die Straße, und hat dabei Formen aktivistischer Bezugnahme auf den öffentlichen Raum und seine Kommodifizierung antizipiert, die wir heute für selbstverständlich halten.

"VALIEs Verbindung zum Filmmuseum reicht bis in die Gründungsjahre der Institution zurück. 1969 war sie als Mitglied der Austria Filmmakers Cooperative Teil einer Protestaktion gegen die als autoritär empfundene Struktur und Programmpolitik des Hauses. Bereits in den 1980ern aber vertraute Exportdem Filmmuseum Originalmaterialien ihrer filmischen Arbeit an. Sie hat das Filmmuseum, bei aller Reibung und über alle Jahrzehnte, als das verstanden, was es sein will: Schule des Sehens, Ort des Forschens, der Vermittlung, der Auseinandersetzung. 2020 übergab sie uns ihr filmisches Werk als Schenkung. Als wir ihr anlässlich dieser Schenkung 2021 eine Retrospektive widmeten, war der Kinosaal voll junger, neugieriger und begeisterter Gesichter. Was wir damals (wieder)sahen, hat uns zutiefst bewegt: die Rohheit dieses Werks, seine vielen Tonalitäten, die affektive Wucht - und seine Aktualität." Ein für Juni geplantes Werkstattgespräch mit Valie Export  werde nun zu einer Gedenkveranstaltung. "Was bleibt: ein Werk, das fordert und Aufforderung ist - zu körperlicher Selbstbestimmung, zu subversiver Aneignung. Eine Anstiftung zur kollektiven Renitenz. Es schlug wie ein Blitzschlag ins reaktionäre Nachkriegsösterreich ein - und tritt in Resonanz mit einer Gegenwart, die solche Gewitter mehr denn je braucht. Wir werden unseren Teil dazu beitragen, indem wir Valie Exports Werk bewahren, zeigen und weitergeben."

mumok - Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien:

"Valie Export war eine der radikalsten und einflussreichsten Künstlerinnen der Gegenwart. Mit ihren provokanten, gesellschaftspolitisch motivierten Aktionen hat sie sich in die internationale feministische Geschichte eingeschrieben. Ihr Werk macht die komplexen Netzwerke von Kunst, Politik und Gesellschaft sichtbar und prägte die Medien- und Performancekunst weit über Österreich hinaus. Valie Export setzte sich früh mit Fragen von Körper, Geschlecht und Macht auseinander", hieß es in einem Nachruf des mumok. "Mit dem Tod Valie Exports hat die internationale Kunstwelt eine ihrer wichtigsten Vertreterinnen verloren. Ihr Werk allerdings bleibt unvergänglich und gehört - unter anderem im mumok zu den ikonischen Sammlungsbeständen."

Ludwig und Kaup-Hasler: "Wien trauert um schonungslose Stimme der Kunst“ 

Mit großer Bestürzung reagieren Wiens Stadtchef Michael Ludwig und die Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (beide SPÖ) auf den Tod der Kunstikone. "Mit dem Tod von Valie Export verliert ganz Österreich eine radikale Pionierin der österreichischen Kunst und eine Künstlerin von internationaler Bedeutung“, würdigt Wiens Bürgermeister die Künstlerin. Ihre Arbeit, so der Bürgermeister weiter, "suchte die unmittelbare Reaktion des Publikums, provozierte und hat dazu gezwungen, Perspektiven zu hinterfragen. Wien gedenkt einer Künstlerin, die mutig und unbeirrbar die Grenzen zwischen Kunst, Öffentlichkeit und Politik ausgelotet hat."

"Valie Export  hat über Jahrzehnte die Kunst und Gesellschaft herausgefordert", ergänzt Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler. Ihr Werk kreiste um den weiblichen Körper, um patriarchale Strukturen, um die Grenze zwischen Öffentlichkeit und Privatheit – analog dazu ihre Praxis, wenn sie ihren eigenen Körper zur Projektionsfläche machte und er zum politischen Instrument wurde. "Das Tapp- und Tastkino (1968) oder Genital Panic (1969) sind nicht nur ikonische Momente der Performancegeschichte, sie sind präzise und radikale Hinterfragungen über Öffentlichkeit, Privatheit, Projektion und die Politiken des Körpers. Bilder und Handlungen, die bis heute verstören. Sie ging vom Individuum aus und traf doch immer die Gesellschaft im Kern."