01. Juli 2010 16:24
Mal schraubt Facebook
an den Datenschutz-Regeln
herum, mal gibt es unerlaubt Daten
an Dritte weiter: Das große soziale Netzwerk hat in letzter Zeit viel an
Vertrauen eingebußt. In diese Lücke stoßen kleine, zumeist studentische
Projekte. Die Macher wollen das ermöglichen, was ein Widerspruch zu sein
scheint: Netzwerken, aber trotzdem die Privatsphäre wahren.
Datenschutz als größtes Problem
Das Problem liegt im
System: Wer sich bei einer der kommerziellen Freundes-Plattformen anmeldet,
geht einen unausgesprochenen Deal ein. Die Dienste sind allesamt kostenlos.
Im Gegenzug dürfen die Betreiber aber die persönlichen Informationen der
Nutzer auf ihren Servern speichern und für Werbung verwenden.
"Die zentrale Datenspeicherung bedeutet für den einzelnen einen
Kontrollverlust", sagt Prof. Hendrik Speck von der Fachhochschule
Kaiserslautern. Was passiert beispielsweise mit den Daten, wenn ein soziales
Netzwerk den Besitzer wechselt? AOL verramschte jüngst das einst hoch
gehandelte Bebo an einen amerikanischen Finanzinvestor. Und was ist, wenn
Hacker eine Sicherheitslücke finden und Millionen von Datensätzen auslesen?
Alternativen
Die Alternativ-Netzwerke wollen den Nutzern die
volle Kontrolle geben. Die Konzepte ähneln einander: Die Daten lagern nicht
bei einem einzigen Anbieter, sondern dezentral - in einer verschlüsselten
Datei zum Beispiel auf dem Rechner des Netzwerk-Mitglieds. "Die Idee
ist, Angreifern kein Ziel zu bieten", sagt Prof. Thorsten Strufe von
der TU Darmstadt. Er arbeitet mit seinen Informatik-Studenten an einem
dezentralen Netzwerk, das den Arbeitstitel "Safebook" trägt und
2011 in die offene Testphase gehen soll.
Wer das Profil oder die Handynummer sehen darf, können Nutzer bei den
dezentralen Netzwerken für jeden Kontakt einzeln einstellen. "Sie
gestalten dafür Visitenkarten mit unterschiedlichen Freigaben",
sagt Informatik-Professor Speck, der mit seinen Studierenden das Projekt "HelloWorld"
entwickelt hat. HelloWorld ermögliche im Gegensatz zu Facebook und Co. ein "gestaffeltes
Freundschaftsmodell". Nicht jeder Kontakt ist schließlich gleich ein
Freund.
Open Source
Die Software von "HelloWorld" und "Safebook"
ist quelloffen. Jeder kann mitmachen, jeder kann sie weiterentwickeln und
beispielsweise eigene Programme daraus stricken. "Wir wollen nichts
verkaufen, sondern der Gesellschaft eine offene Technologie zur Verfügung
stellen", sagt Speck. Klar ist: Wenn persönliche Daten direkt vom
Nutzer verwaltet werden, wird auch personalisierte Werbung nur mit Rücksicht
auf Verbraucherwünsche angeboten werden können. Was die Investoren von
Facebook und Co. wohl davon halten?
Doch eine gute Idee und ein bisschen Open-Source-Software werden wohl nicht
reichen, um die Nutzer zu einem Umstieg zu bequemen. Die
Netzwerk-Alternativen müssten "die Quadratur des Kreises"
schaffen, meint Martin Weigert vom Blog Netzwertig.com: "Einerseits
dezentral und sicher aufzutreten, anderseits aber all das zu ermöglichen,
was Nutzer von Facebook & Co gewöhnt sind."
Wer mag schon einen eigenen Server einrichten, wo ein Profil bei Facebook
und Co nur ein paar Mausklicks entfernt ist? Und wer mag auf die vielen
Funktionen verzichten, welche die großen Anbieter nahtlos in ihre Oberfläche
eingebaut haben, etwa Fotoalben und Chat.
Schwierige Aufgabe
Die Herausforderer müssen beweisen, dass sie
Datenschutz können - aber den Rest ebenso. Etliche stehen jedoch noch ganz
am Anfang der Entwicklung. Und anders als Facebook können sie nicht
Millionen von Euro in die Entwicklung neuer Features stecken. Facebook-Chef
Mark Zuckerberg nimmt die Alternativen bisher offenbar nicht sehr ernst:
Weil Diaspora eine "coole Idee" sei, habe er dem Projekt Geld
gespendet, sagte er dem US-Magazin "Wired". Angst klingt anders.
(Quelle:
dpa)