Vater spricht

"Für Natascha bin ich der Böse"

Ludwig Koch lebt in einem kleinen Haus in Wien-Süßenbrunn, in einer dieser Satellitensiedlungen außerhalb der Stadt. Er wohnt in der Redengasse, und das passt sehr gut, weil er seit der Befreiung seiner Tochter eigentlich nichts anderes möchte als das: reden.

Jetzt geht ihm das Herz über, weil er Natascha seit zwei Monaten nicht mehr gesehen und seit drei Wochen auch nichts mehr von ihr gehört hat. Ruft er sie am Handy an, landet er immer in ihrer Mobilbox; hört er die eigene ab, ist ihre Stimme nie dabei. Der Vater sagt: „Momentan bin ich für Natascha der Böse. Momentan glaubt sie all die Lügen ihrer Mutter.“

Getrennte Wege
Gemeint ist Brigitta Sirny (Mädchenname: Kampusch), mit der Ludwig „Lucky“ Koch ein bengalisches Schicksal verbindet: Vor 20 Jahren waren sie ein Liebespaar ohne Trauschein, vereint auch in einem gemeinsamen Kleinbetrieb (Imbiss-Stube), als Brigitta schwanger wurde. 1988 kam beider Tochter Natascha zur Welt.

Zehn Jahre später wurde das Mädchen zum Opfer eines der größten Kriminalfälle in der österreichischen Geschichte. Und als sich Natascha fast genau vor einem Jahr (23. 8.) aus dem Kellerloch befreite, in das sie ihr Entführer Wolfgang Priklopil 100 Monate lang gesperrt hatte, nahm die ganze Welt am unglaublichen Happy End teil – die Eltern allerdings lieber jeder für sich allein.

Ludwig Koch sagt: „Wir haben uns schon vor Nataschas Verschwinden getrennt, aber erst in unserer Verzweiflung wurden wir uns fremd.“ Befremdend für Sirny, dass er sich nach dem Verlust der Tochter an Flaschen festklammerte, weil er den Halt im Leben verlor. Und dass er gleichsam öffentlich um sein Kind trauerte, indem er immer wieder Interviews gab und in Talkshows wie Vera auftrat: „Aber die Medien“, meint er, „haben mir in alle den Jahren sehr geholfen, das Thema Natascha am Leben zu erhalten.“

Schlammschlacht
Befremdend für ihn die Tatenlosigkeit und scheinbare Gefühlskälte der Kindesmutter, die sich nicht einmal durch brutale Provokationen aus der Reserve locken ließ. Brigitta Sirny litt stumm. Und machte erst jetzt in ihrem Buch Verzweifelte Jahre öffentlich, wie sehr sie die Gangart des Ex-Partners auf Tochtersuche verletzt hat:

„Einmal ist er mit einem Detektiv bei einem Teich gewesen und hat anklingen lassen, da hätte ich das Kind verscharrt. Er hat mir quasi gesagt, ich habe Natascha umgebracht. Jetzt sagt er, das war nicht böse gemeint, er wollte nur Gewissheit haben. Ich weiß nicht, wie ich das verstehen soll. Er hat sich bis heute nicht bei mir entschuldigt.“

Fast eine Familie
Reibung zwischen Menschen ist ein physikalisches Phänomen: Sie erzeugt Kälte. Doch das Paradoxon von Glück ist stärker: Freude wird größer, wenn man sie teilt. Und so wurden auch die zerstrittenen Eltern vor einem Jahr mit Natascha, die mittlerweile 18 war, fast wieder eine Familie. „Die Sirny“, sagt Ludwig Koch, „und ich waren uns einig, dass wir einen Schlussstrich unter die Vergangenheit ziehen und nur noch unser Kind zählt.“

Der schönste Augenblick in seinem Leben, schnurrt der Vater, sei gewesen, als er seiner Tochter am 23. August („Es war ein Mittwoch“) auf der Polizeistation zum ersten Mal wieder gegenüberstand. Nach mehr als acht Jahren der Ungewissheit konnte er Natascha wieder in die Augen sehen: „Sie hat gesagt, ich hab dich lieb. Und ich habe geweint.“

Narbe
Papa Lucky wusste sofort, wer vor ihm stand. Weil aber die Cops noch Zweifel hatten, fragte er das magere Mädchen, ob es sich an einen Unfall in der Kindheit erinnere. Und als Natascha dann eine kleine Narbe an der Schulter zeigte, waren auch die Beamten überzeugt. Zum Abschied flüsterte sie ihm noch was ins Ohr, das klang wie: „Du kannst nichts dafür.“ Dann war das kurze Wiedersehen vorbei. Denn Natascha wurde sofort nach ihrer Flucht von Polizei, Fürsorge und Psychologen in Generalobhut genommen.

Der hilflose Zorn in diesen Wochen ließ die Eltern alles Trennende vergessen. Ludwig Koch schwankte zwischen Tragik und Trance. Als Bäcker arbeitet er fünf Mal die Woche in einem Betrieb am Wiener Gaußplatz von 18 Uhr bis zwei Uhr früh. Um sieben Uhr standen Reporter und TV-Teams aus aller Welt vor seinem Haus: „Es gab damals jeden Tag mehr als 100 Interview-Anfragen.“

Fassungslos
Koch nütze die Chance (bis hin zu Günther Jauchs stern-tv), einem Millionenpublikum zu sagen, was ihn und seine Ex noch heute fassungslos macht: „Natascha wurde uns wieder entrissen. Sie gehörte anderen: den Psychiatern, den Medien, der ganzen Welt. Aber uns hat man jeden Kontakt mit ihr verwehrt.“

Anfangs habe man dem Schutzgewahrsam zugestimmt, sagen die Eltern: „Der Entführer war ja noch auf der Flucht.“ Doch dann warf der sich vor einem Zug. Natascha kam trotzdem weder zu ihrem Vater noch zu ihrer Mutter zurück. Geduld sollten sie haben, sagte ihnen der Psychiater Prof. Max Friedrich. Geduld? „Natascha war wieder eingesperrt“, sagt die Mutter. Und Papa Lucky stimmt ihr zu.

Geburtstag
Erst nach Nataschas TV-Interview glätteten sich die Wogen. Beide Eltern bekamen Besuchsrecht. Und beide versuchten, diesem Kind, das sie nur als Zehnjährige kannten und jetzt als junge Frau vor ihnen stand, wieder Lebensmensch zu sein. Papa Koch: „Wir haben viel über ihre Kindheit gesprochen, vom Ferienhaus in Ungarn, wo wir früher oft gemeinsam waren. Und ich habe auch gehofft, dass ihr meine neue Ehefrau ein bisschen Rückhalt geben kann, weil die studierte Pädagogin ist.“

Der Vater war stolz, im Februar zu Nataschas 19. Geburtstag, dem ersten wieder in Freiheit, ein Fest auszurichten. Die Tochter bekam wunschgemäß eine Torte in Form einer Schildkröte. Journalisten, die sich bei Ludwig Koch nach Nataschas Befinden erkundigten, bekamen einen Korn: „Weil ich nichts sagen will, was ihr nicht recht sein könnte.“

Klage
Seine kleine Welt schien heil nach höllischen Jahren – bis Brigitte Sirnys Buch erschien, in dem sie plötzlich mit dem Ex abrechnet, in ihren Augen offenbar ein mediengeiler Trinker und schlechter Vater.

Zwölf klagbare Passagen hat Anwalt Manfred Boran ausgemacht. Mandant Koch sagt: „Ich bin vor allem wieder traurig.“ Nach neun Jahren hat er jetzt erstmals wieder Urlaub gemacht. Fünf Tage in Kärnten: „Ich hätte Natascha gern mitgenommen.“ Er war allein.

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