07. September 2007 11:59
Sehr geehrter Herr Bundespräsident,
sehr geehrter Herr
Bundeskanzler,
verehrter Herr Kardinal,
liebe Mitbrüder im
Bischofsamt,
sehr geehrte Damen und Herren,
liebe junge Freunde!
Mit großer Freude betrete ich heute zum ersten Mal seit Beginn meines
Pontifikates den Boden Österreichs, des Landes, das mir nicht nur wegen der
geographischen Nähe zum Ort meiner Geburt vertraut ist. Ihnen, verehrter
Herr Bundespräsident, danke ich für die freundlichen Worte, mit denen Sie
mich soeben im Namen des ganzen österreichischen Volkes willkommen geheißen
haben. Sie wissen, wie sehr ich Ihrer Heimat und vielen Menschen und Stätten
in Ihrem Lande verbunden bin. Dieser kulturelle Raum in der Mitte Europas
überwindet manche Grenzen und führt Anregungen und Kräfte aus verschie¬denen
Teilen des Kontinents zusammen. Und die Kultur dieses Landes ist wesentlich
geprägt von der Botschaft Jesu Christi und dem Wirken der Kirche in seinem
Namen. All dies und vieles mehr schenkt mir das lebendige Empfinden, unter
Ihnen, liebe Österreicherinnen und Österreicher, ein wenig „daheim“ zu sein.
Mütterliches Herz Österreichs
Der Anlaß meines Kommens
nach Österreich ist das 850-Jahr-Jubiläum der Gnadenstätte von Mariazell.
Dieses Heiligtum der Muttergottes repräsentiert gewissermaßen das
mütterliche Herz Österreichs und hat seit alters eine besondere Bedeutung
auch für die Ungarn und die slawischen Völker. Es ist Symbol einer
Offenheit, die nicht nur geographische und nationale Grenzen überwindet,
sondern in der Person Marias auf eine ganz wesentliche Dimension des
Menschen verweist: seine Fähigkeit sich Gott und seinem Wort der Wahrheit zu
öffnen!
Drei Tage pilgern
Mit dieser Blickrichtung möchte ich in diesen
drei Tagen hier in Österreich nach Mariazell pilgern. Das Wallfahren hat in
den letzten Jahren bei vielen Menschen verstärktes Interesse gefunden. Im
pilgernden Unterwegssein finden gerade auch junge Menschen einen neuen Weg
der Besinnung; sie begegnen einander und miteinander der Schöpfung, aber
auch der Geschichte des Glaubens und erfahren ihn oft unerwartet als Kraft
der Gegenwart. Meine Pilgerfahrt nach Mariazell verstehe ich als Mitpilgern
mit den Pilgernden unserer Zeit. In diesem Geist werde ich in Kürze im
Zentrum Wiens das gemeinsame Gebet anstimmen, das diese Tage im ganzen Land
gleichsam als geistliche Pilgerschaft begleiten soll.
Mariazell steht nicht nur für eine 850jährige Geschichte, sondern zeigt aus
der Erfahrung der Geschichte – und vor allem durch den mütterlichen Hinweis
der Gnadenstatue auf Christus – auch den Weg in die Zukunft. Aus dieser
Perspektive möchte ich mit den politischen Repräsentanten dieses Landes und
Vertretern der internationalen Organisationen heute noch einen Blick auf
unsere Gegenwart und Zukunft werfen.
Um Christus scharen
Der morgige Tag wird mich zum Fest Mariä
Geburt, dem Patrozinium von Mariazell, an den Gnadenort selbst führen. In
der Eucharistiefeier vor der Basilika werden wir uns dem Hinweis Mariens
folgend um Christus scharen, der in unsere Mitte tritt. Wir bitten ihn, ihn
immer klarer schauen zu dürfen, ihn in unseren Mitmenschen zu erkennen, ihm
in ihnen zu dienen und mit ihm den Weg zum Vater zu gehen. Als Pilger am
Gnadenort werden wir im Gebet und über die Medien mit allen Gläubigen und
Menschen guten Willens hier im Lande und weit darüber hinaus vereint sein.
Pilgerschaft ist ja nicht nur der Weg zu einem Heiligtum hin. Wesentlich ist
auch der Weg zurück in den Alltag. Unser wöchentlicher Alltag beginnt stets
mit dem Sonntag – dem befreienden Geschenk Gottes, das wir annehmen und
wahren wollen. So feiern wir diesen Sonntag im Hohen Dom von St. Stephan –
dabei sind wir auch mit allen verbunden, die in den Pfarren Österreichs und
der ganzen Welt die hl. Eucharistie feiern.
Auf den Nächsten "schauen"
Meine Damen und Herren!
Ich weiß, daß das Geschenk des freien Sonntags und ein guter Teil der
Freizeit in Österreich von zahlreichen Menschen zum freiwilligen Einsatz für
andere genutzt wird. Auch solches Engagement, freigebig und selbstlos
hingeschenkt zum Wohl und Heil der anderen, kennzeichnet den Pilgerweg
unseres Lebens. Wer auf den Nächsten „schaut“ – ihn sieht und ihm Gutes
erweist – schaut auf Christus und dient ihm. Von Maria geführt und ermutigt,
wollen wir unseren christlichen Blick schärfen für die Herausforderungen,
denen wir uns im Geist des Evangeliums stellen müssen, und dankbar und
hoffnungsfroh aus reich begnadeter Vergangenheit in eine verheißungsvolle
Zukunft aufbrechen.
Sehr geehrter Herr Bundespräsident, liebe Freunde! Ich freue mich auf diese
Tage in Österreich und sage zu Beginn meiner Pilgerreise Ihnen und Euch
allen ein herzliches „Grüß Gott!“.