17. Oktober 2008 10:59
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oe24.at: Wie lässt sich dieser riesen Ansturm auf die Gedenkfeiern
für Jörg Haider erklären?
Alexander Gaiger: Jörg Haider war populär und medienpräsent im Leben
und ist es daher auch in seinem Tod. Er war eine vielseitige Persönlichkeit
– der Rebell, der “ewig Junge“, oft wechselten diese Aspekte seiner
Persönlichkeit so schnell, dass er für Außenstehende kaum mehr greifbar war
– ein „bunter Hund“.
Gerade dadurch aber hat Jörg Haider viele Schubladen bedient und damit viele
verschiedene Identifikationsmöglichkeiten geschaffen: Einerseits verkörperte
er den „ewigen Jungen“. Hat sich immer mit jungen Menschen umgeben und hat
ganz bewusst die Rolle des jugendlichen Helden eingenommen: Wir erinnern uns
an Bilder, wo wir einen Jörg Haider beim Bungee Jumpen sehen, oder Jörg
Haider im Porsche, etc. Mit diesem jugendlichen Helden haben sich viele
identifizieren können.
Andererseits war er der Rebell, der sich aufgelehnt hat gegen "die da
oben". Er hat ausgesprochen, was sich viele gedacht haben und sich kein
Blatt vor den Mund genommen. Auch damit konnten sich viele seiner Anhänger -
auf politischer Ebene - identifizieren.
Ebenso auf politischer Ebene bediente Haider den rechten Rand der
Gesellschaft und fand auch hier eine ganz wichtige Projektionsfläche.
Alles in allem verkörperte Haider einen "bunter Hund": ein
unberechenbarer Mensch, der einen immer aufs Neue überraschen konnte, eine
vielseitige, niemals langweilige Identifikationsfigur, eine nicht greifabre,
schillernde, geheimnisvolle Persönlichkeit, ähnlich einem Popstar. Vor allem
diese Eigenschaft bewirkt extreme Reaktionen, die nach dem Tod noch
intensiver ausgelebt werden.
oe24.at: Glauben Sie, kommt es zu einer Art "Mythenbildung"?
Alexander Gaiger: Ich denke sie findet gerade statt, wird von
Anhängern, Gegnern und besonders den Medien gleichermaßen betrieben und
durch die Vermischung von „öffentlich“ und „privat“ gefördert.
oe24.at: Wie kann die Familie den Schmerz bewältigen?
Alexander Gaiger: Man muss die persönliche Trauer um einen Menschen,
der aus der Mitte des Lebens gerissen wurde, anders sehen und trennen von
der Trauer um eine "öffentliche Person". Der plötzliche Tod
eines Vaters, Sohnes, Bruders, Freundes bedeutet für die Getroffenen eine
Katastrophe. Der Schmerz ist in dem Fall besonders groß, weil seine nächsten
Freunde und Verwandten keine Zeit mehr hatten, sich von ihm zu
verabschieden, Offenes vielleicht noch zu klären. Das bedeutet, die
Beziehung zu diesem Menschen ist nicht abgeschlossen. Bewältigung ist nur
beschränkt möglich, denn der Sohn, Bruder, Vater, Partner ist und bleibt tot
und fehlt. Trauern kann hier bedeuten mit dieser Wunde leben zu lernen, das
heißt, nach Monaten neben dem Schmerz auch wieder Alltag und auch Freude zu
spüren und die Spannung zwischen diesen Gegensätzen auszuhalten.
oe24.at: Danke für das Gespräch.
Alexander Gaiger ist Arzt (Internist, Onkologe) und Psychotherapeut.