10. März 2010 18:43
Die katholische Kirche steckt in einer ihrer größten Krisen überhaupt:
Täglich melden sich neue Opfer, die in katholischen Einrichtungen sexuell
missbraucht wurden. Die Zahl der Betroffenen – die Vergehen liegen meist
Jahrzehnte zurück – ist mittlerweile in erschreckende Höhen gestiegen. Ein
Experte zu ÖSTERREICH: „Ich gehe von über 100 Fällen aus, weil sich Opfer
bei unterschiedlichen Stellen melden können und es keine zentrale Erfassung
gibt.“
Ombudsstellen: Doppelt so viele Fälle wie 2009
Wie tief der
Missbrauchs-Sumpf wirklich ist, beweist die Zahl jener, die sich bei den
Ombudsstellen der Erzdiözesen gemeldet haben. Österreichweit sind das seit
Jahresbeginn bereits 30 Betroffene. Eine Rekordzahl, die doppelt so hoch ist
wie jene im Vorjahr. 2009 gab es gerade einmal 17 Fälle.
Doch nicht alle wagen bei ihrem Geständnis den Weg zur Kirche. Die meisten
suchen Hilfe bei Opferschutzeinrichtungen wie dem Weißen Ring oder den
Kinderschutzzentren. Dort laufen dieser Tage die Telefone heiß. Durch die
Macht der Kirche eingeschüchterte Opfer rufen an. Sie wollen nicht länger
schweigen und packen aus.
Fest steht: Jetzt brechen alle Dämme. Anwältin Brigitte Forster-Ascher aus
Salzburg vertritt das Opfer des Erzabts von St. Peter. Sie sagt gegenüber
ÖSTERREICH. „Es ist wie ein Schneeball-Effekt. Je mehr Opfer sich melden,
desto eher sind Einzelne bereit, über das Erlebte zu sprechen. Die
Betroffenen sehen, dass sie nicht alleine dastehen.“
Experte: „Jetzt wird eine Lawine losgetreten“
Das
sagt auch Peter Trattner vom Kinderschutz-Zentrum: „Jetzt wird eine Lawine
losgetreten.“ Die Dunkelziffer aller Missbrauchten dürfte in die Tausend
gehen. Wie viele den Mut haben, zu sprechen, ist schwer zu schätzen.
„Mehrere Hundert Opfer sind möglich“, so Forster-Ascher
Der Ruf der Kirche ist jedenfalls schwer ramponiert. Nun meldet sich auch
Kardinal Christoph Schönborn, Oberhaupt der Kirche, in einer Stellungnahme.
Er sagt: „Es geht um Bekehrung. Es ist wichtig, die Opfer vor die Täter zu
stellen. Wir müssen nach Ursachen forschen.“
Auch wenn die Wunden nicht zu heilen sind – gibt es erste Konsequenzen. Der
74-jährige nach Innsbruck versetzte Priester, der vor 30 Jahren Schüler
missbraucht hatte, wurde beurlaubt. Jener steirische Geistliche, der 20
Kinder geschändet hat, legte am Mittwoch sein Amt nieder.
Ministerin Bandion-Ortner will „abwarten“
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Bis Missbrauchs-Opfer in der Lage sind, über das Erlebte zu sprechen
und das auch zur Anzeige zu bringen, vergehen meistens Jahrzehnte.
Dann kann das Delikt freilich schon verjährt sein – und der Täter
bleibt straffrei. So sieht es jedenfalls die heimische Rechtssprechung
vor. „Bei strafbaren Sexualdelikten beginnt die Verjährung ab dem
28. Lebensalter des Opfers. Die Verjährungsfrist hängt von der Schwere
und von der Folge der Tat ab – und dauert von fünf bis höchstens 20
Jahre“, erklärt eine Sprecherin von Justizministerin Claudia
Bandion-Ortner. Soll heißen: Wird ein Kind im Alter von sieben Jahren
von einem Priester missbraucht, beginnt die Verjährungsfrist erst im
Alter von 28, also 21 Jahre später. Aber: Wird das Delikt als nicht
„schwer“ eingestuft, endet die Verjährung schon fünf Jahre später. Der
Priester kann danach nicht mehr vor ein Gericht gebracht werden. Bandion:
„Beobachten Lage“. Während in Deutschland eine Abschaffung der
Verjährungsfristen diskutiert wird, will die heimische Justiz trotz
des Skandals weiter abwarten. „Wir beobachten die internationale
Entwicklung. Im Moment gibt es keine konkreten Pläne, die Frist
abzuschaffen oder zu verlängern. Der Nachdenkprozess hat begonnen. Nur
wenn wirklich Bedarf besteht, kommt es zu einer Änderung“, so das
Justiz-Ministerium.
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