Mehr als 20.000 Kirchen-Austritte

Missbrauchs-Skandal

© APA / Hochmuth

Mehr als 20.000 Kirchen-Austritte

Schock, Enttäuschung, Frustration. Nach der Welle an Missbrauchs-Fällen in der Kirche ist der Großteil der 5,5 Millionen Katholiken verunsichert. In den Gottesdiensten am heutigen „Tag des Herrn“ erwarten sie zumindest eine Stellungnahme – wenn sie den Weg in die Kirche finden. Denn viele bleiben heute zu Hause – oder treten überhaupt aus.

„Die Menschen sind enttäuscht und ziehen jetzt ihre Konsequenz“, sagt Hans Peter Hurka vom Verein Wir sind Kirche. Seit Tagen laufen deshalb die Telefone in allen Erzdiözesen heiß. „Wir haben doppelt so viele Beschwerden wie sonst“, sagt Georg Plank von der Erzdiözese Graz. In der Steiermark rechnet man mit einem eklatanten Anstieg der Kirchenaustritte. „Geht es so weiter, wird sich die Zahl verdoppeln“, sagt Ingrid Bardeau von der Austrittstelle.

„Ich schätze, dass nun mehr als 20.000 Katholiken aus der Kirche austreten werden“, sagt Hurka. „Das war bereits vergangenes Jahr nach der Causa Wagner so und wird sich nun wiederholen.“ Dazu Wiens Dompfarrer Toni Faber: „Nun treten vor allem jene aus, die am Rand der Kirche gestanden sind und nur auf einen Auslöser gewartet haben. Den Opfern hilft man so aber nicht.“

Auch der Druck auf den Papst wächst: „Wir sind enttäuscht, dass der Papst bisher kein mitfühlendes Wort für eine Bitte um Vergebung und Versöhnung gefunden hat“, so ein deutscher Sprecher von Wir sind Kirche. „Man will den Papst in den Skandal hineinziehen“, weist man die Vorwürfe im Vatikan zurück.

Eisenstadt. Wieder klagt ein Opfer an: Anton L. (61) litt jede Nacht unter schrecklicher Angst vor Übergriffen des geistlichen Schuldirektors.
ÖSTERREICH: Was ist damals geschehen?
Anton L.: Ich besuchte ab meinem 14. Lebensjahr das katholische Gymnasium Eisenstadt. Der Direktor Eduard F. hat sich an Dutzenden Buben vergangen – auch an mir.
ÖSTERREICH: Was hat er Ihnen angetan?
L.: Er ist in der Nacht schwer alkoholisiert ins Zimmer gekommen, hat sich zu mir unter die Decke gelegt und mir auf den Genitalbereich gegriffen. Ich war starr vor Angst. Als er bei mir fertig war, hat er einen anderen mitgenommen.
ÖSTERREICH: War das gängige Praxis?
L: Jede Nacht hat er sich wen geholt und sich oral befriedigen lassen. Den Buben hat er dann teure Geschenke gemacht.
ÖSTERREICH: Mit wem konnten Sie sprechen?
L: Lange mit gar niemandem – alle haben zugesehen. Erst der Heimleiter Robert L. hat meinen Hilferuf gehört. Am nächsten Tag war der Direktor weg. Er hat zwei Jahre Haft bekommen.
(knd)

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