21. März 2010 10:16
Die Bevölkerung von 72 südburgenländischen Gemeinden hat am Sonntag bei
einer Volksbefragung dem Bau eines Asyl-Erstaufnahmezentrums eine deutliche
Absage erteilt. In den Bezirken Oberwart, Güssing und Jennersdorf stimmten
insgesamt 94,49 Prozent mit Nein, 5,51 Prozent votierten mit Ja. Die
Wahlbeteiligung blieb mit 27,67 Prozent deutlich unter jener bei anderen
Urnengängen im Burgenland.
Insgesamt gaben am Sonntag 23.880 von 86.309 wahlberechtigten Bürgern ihre
Stimme ab. 21.720 sprachen sich gegen ein Erstaufnahmezentrum in ihrer
Gemeinde aus, 1.266 stimmten dafür. 894 Stimmen (3,74 Prozent) waren
ungültig.
100 Prozent dagegen
Am deutlichsten fiel die Ablehnung mit 97,94
Prozent in der Gemeinde Wolfau aus. In Stinatz fanden sich hingegen mit 15,2
Prozent die verhältnismäßig meisten Befürworter. Am höchsten war die
Wahlbeteiligung mit 54,34 Prozent in Eberau, obwohl die Bürger dort am 21.
Februar in Sachen Erstaufnahmezentrum schon einmal zu den Urnen gebeten
worden waren. Die wenigsten Wahlberechtigten (13,02 Prozent) gaben in
Burgauberg-Neudauberg ihre Stimme ab.
In einigen Ortsteilen haben die Nein-Stimmen ein dreistelliges Ergebnis vor
dem Komma erreicht. Eine 100-prozentige Ablehnung gab es zunächst etwa im
Eberauer Ortsteil Winten sowie in Deutsch Ehrensdorf (Gemeinde Strem),
Allersdorf (Weiden bei Rechnitz), St. Martin in der Wart (Oberwart) und in
Kroatisch Tschantschendorf und Tudersdorf (beide gehören zur Gemeinde
Tobaj).
Niessl: Ergebnis muss bindend sein
Als einen "Sieg der Demokratie
und der Vernunft" hat Burgenlands Landeshauptmann Hans Niessl (S) das
Ergebnis der Volksbefragung bezeichnet. Niessl wiederholte seine Forderung,
das Ergebnis der Befragung müsse bindend sein. Als "desaströs für die
SPÖ-Politik im Land", bezeichnete hingegen Landeshauptmannstellvertreter
Franz Steindl (V) das Ergebnis des Urnenganges.
Innenministerin Maria Fekter (S) solle nun die Beschwerden bei den
Höchstgerichten ehestens zurückziehen, verlangte Niessl erneut. Einen "Sieg
der Demokratie" ortet der Landeshauptmann, "weil eine Entscheidung über die
Köpfe der Menschen hinweg verhindert werden konnte." Einen "Sieg der
Vernunft" gebe es, weil sich "eine beeindruckende Mehrheit" gegen ein
überdimensioniertes Asylzentrum im Südburgenland ausgesprochen habe. Trotz
Versuchen der ÖVP, die Volksbefragung zu "torpedieren", sei das Ergebnis
eine "klare Abfuhr" für die Pläne der Volkspartei, erklärte
SP-Landesgeschäftsführer Robert Hergovich. Die Bevölkerung habe sich dennoch
nicht von ihrem demokratischen Stimmrecht abhalten lassen.
"Teure SPÖ-Kampagne"
"Wenn 27 Prozent der
Bevölkerung zur Befragung gehen, haben die Menschen mitgekriegt, dass es
sich um einen Wahlkampfgag der SPÖ handelt", meinte Steindl. "Da sind nicht
einmal die SP-Parteimitglieder zur Wahl gegangen." Die Volksbefragung
bezeichnete der ÖVP-Chef als "teure SPÖ-Kampagne, finanziert mit Steuergeld,
die das Asylproblem nicht gelöst, sondern eher noch verschärft hat." An die
Sozialdemokraten appelliere er, sie sollten "damit aufhören, das Land
schlecht zu reden - Wahlkämpfen können wir noch früh genug."
Die Freiheitlichen bezeichneten das Ergebnis als "totalen Bauchfleck" für
die SPÖ und "eine schallende Ohrfeige" für Landeshauptmann Niessl. "Die
Bürger erkennen, wer in dieser Frage der Schmied ist, nämlich die FPÖ",
stellte Parteiobmann Johann Tschürtz in einer Aussendung fest. Der Ausgang
der Befragung überrasche nicht: "Die Bevölkerung hat schon lange die Nase
voll von der verlogenen und inkonsequenten Ausländerpolitik von Rot und
Schwarz", so Tschürtz.
Als "eine deutliche Abfuhr für die populistische und fremdenfeindliche
Kampagne, die Landeshauptmann Niessl seit Monaten fährt", betrachtete
Grünen-Spitzenkandidat Michel Reimon das Ergebnis des Urnenganges. Niessl
habe mit der Volksbefragung "die direkte Demokratie missbraucht, um nach
fremdenfeindlichen Stimmen zu fischen." In Wien habe es "sogar eine höhere
Beteiligung bei der Befragung zur Wiedereinführung der Hausmeister" gegeben.