Die Akte F. - Teil 1 bis 4

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Die Akte F. - Teil 1 bis 4

Endlich frei. Die schwere Eisentür macht „klick“, dann springt sie einen Spalt weit auf. E. muss sich die Hand vor Augen halten, ­obwohl nur ein paar Lichtstrahlen einer Neonlampe nach innen dringen. Aber so viel Helligkeit ist sie nicht gewohnt. Nicht mehr gewohnt nach all den Jahren.

Die Luft riecht modrig, aber unter den fauligen Geruch mischt sich der Duft von frischem Gras. E. nimmt einen eiligen Zug, dann greift sie nach dem Körper des Mädchens zu ihren Füßen, hievt ihn hoch und legt ihren Arm um ihre Schulter. Der Mann an ihrer Seite macht eine kurze Kopfbewegung in Richtung Türöffnung. E. versteht sofort. Sie hat gelernt, dass es wehtun kann, wenn man dem Vater nicht gehorcht.

Geduckt schieben sie den Körper durch die niedrige Eisentür und weiter durch einen Werkzeugraum, ein Lager, voll mit Gerümpel und Kisten, den Heizraum mit dem Kessel bis hin zum Stiegenhaus. Das leblose Mädchen ist schwerer, als ihre 50 Kilogramm vermuten lassen. E. merkt, dass auch ihr Vater schnauft.

Mit letzter Kraft nehmen sie die Stufen. Plötzlich geht eine Tür auf, wie ein Wasserfall ergießt sich mit einem Mal Sonnenlicht in den Raum. E. ist einen Moment lang blind, wie benebelt von den Gerüchen, die auf sie einströmen. Langsam öffnet sie die Augen, sieht einen Garten, ein bläulich schimmerndes Glashaus, das ein Swimmingpool sein muss, daneben eine Garage mit Holzplanken. Darunter liegt es, ihr Gefängnis.

Der Vater drängt zu Eile. Behutsam legt sie den Körper des Mädchens vor das Eingangstor. Keine zwei Minuten später fällt die Eisentür ins Schloss. Sie ist wieder im Verlies, gefangen wie ein Tier. Seit 24 Jahren, ihr halbes Leben lang.

E. hört nicht, wie der Mann die Rettung ruft. „Ein Notfall, meine Enkeltochter ist bewusstlos.“ Sie bekommt nicht mit, was dann passiert, aber sie kann es sich ausmalen. Jetzt finden sie wohl den Brief, den sie für den Vater hatte schreiben müssen. „Sucht mich nicht, denn es wäre zwecklos.“

Unten Stille. Wie von Weitem hört sie die Fragen ihrer beiden Buben. „Wo ist die K.? Was ist da oben?“

E. kann nicht antworten. Sie ist gefangen von dem, was sie gerade erlebt und gesehen hat. Es ist Samstag, der 19. April 2008, noch früh am Morgen. Für fünf Minuten durfte E. die Freiheit schnuppern. Zum ersten Mal seit 24 Jahren.

26. April 2008
Die Kriminalbeamten können nur Bruchstücke aufnehmen, aber was sie hören, ist atemberaubend genug. Die Frau, die ihnen gegenübersitzt, erzählt. Sie redet schnell, stockt dann für lange Zeit, sucht nach den richtigen Worten, schluckt. Zwei Stunden lang redet sie sich von der Seele, was sie 24 Jahre erdulden musste. Am Ende halten die Kriminalisten ein Dossier, vier DIN-A4-Seiten dünn, in Händen. Ein Stoff wie aus einem Kriminalroman, aber so unglaublich, dass kein Verleger auf die Idee käme, so etwas zu drucken.

E. erzählt, wie sie ihr Vater Josef Fritzl am 28. August 1984 in den Keller verschleppte. Er bat sie, mit ihm eine Tür in den Keller zu tragen. Im Verlies betäubte er die Tochter, fesselte sie mit Handschellen an einen Türpfosten. Zwei Tage lang.

Sechs bis neun Monate lang (so genau kann E. das nicht mehr sagen) wurde sie dann angeleint (!), gehalten wie ein Hund. Die Leine war gerade lang genug, dass sie die Toilette erreichen konnte.

Und immer wieder stieg Josef Fritzl ins Verlies. Der Vater, den sie gehasst und doch auch geliebt hatte, weil er ihr Papa war. Aber seit sie elf Jahre alt war, kam er immer wieder in ihr Zimmer, zwang sie zum Sex. Als sie kleiner war, verstand sie nicht, was mit ihr passierte, aber sie ekelte sich und es tat weh. Später brannte es nur mehr in der Seele. E. mochte nicht unterscheiden, was schlimmer war.

Anfangs wehrte sie sich gegen das Einsperren, klopfte, schrie, bis ihr die Stimme ausging. Wochen-, monatelang, so ­erzählt sie es den Polizisten jetzt am Revier. Aber niemand hörte sie, niemand half. Nur ihr Vater kam immer wieder und nahm sich, was ihm nicht gehörte.

Mit der Zeit brach ihr Widerstand. Sie ließ über sich ergehen, versuchte sich zu arrangieren. Sie merkte, dass die Schläge weniger wurden, wenn sie gehorchte, und sie fügte sich ihrem Schicksal.

Im Atombunker
Dann plötzlich ist sie schwanger. Sie weiß es gleich, obwohl sie keine Erfahrung hat mit solchen Dingen. Wie auch? Als sie eingekerkert wurde, war sie gerade einmal 18 Jahre alt, ein ganzes Leben lag vor ihr und war nun mit einem Schlag vorbei. Sie erzählt es ihrem Vater, fürchtet sich vor seiner Reaktion, aber er tut nichts. „Vielleicht“, so denkt sie sich, ist es ihm recht so, wie es kommt. „So kann ich ihm nicht mehr so leicht davon laufen.“

Irgendwann 1989 kommt K. auf die Welt. Über die Geburt mag E. vor der Polizei nichts erzählen und die Beamten fragen auch nicht nach.

Tod im Keller
Das Baby, es stört ihn nicht. Josef Fritzl will weiter Sex. Alle drei Tage kommt er ins Verlies, dann wieder wochenlang nicht. E. kann ihn immer schon von Weitem hören. Wenn er die Eisentür mit der Fernbedienung aufmacht. „Klick“.

Bald hat die Mutter Kinder wie Orgelpfeifen. Nach K. (heute 19) kommen S. (18), L. (16), M. (15), A. (12). Sein Zwillingsbruder stirbt, noch ehe sie ihm einen Namen geben kann. Der Vater verschwindet mit der Leiche. Später erfährt sie, dass er sie im Heizofen verbrannt hat. Als letztes Kind wird F. geboren.

Warum Josef Fritzl L., M. und A. „nach oben“ mitnahm, ist bis heute unklar. Wie so vieles in der Geschichte der Familie aus dem Untergrund.

Ohne Scham
Das Leben im Verlies – es muss die Hölle gewesen sein, vor allem für die Kinder. Türen gibt es keine, auch nicht in den hinteren Schlafräumen. Sex, Vergewaltigung, das alles fand vor aller Augen statt. All die Jahre lang.

Denn: Von 1984 bis 1993 bestand der hintere Teil des Verlieses nur aus einem Raum, erst dann baute Josef Fritzl aus. 1993 – da waren zwei Kinder schon auf der Welt, K. und S. lebten mit ihrer Mutter im Verlies. Sie mussten mit ansehen, wie ihre Mutter vergewaltigt und erniedrigt wurde. Lassen sich solche Spuren tatsächlich jemals aus der Seele löschen?

Fast grotesk muten die ersten Fotos an. Man sieht ein einfaches, aber fröhliches Zimmer. Kochzeile, Waschbecken, Dusche. Alles in unschuldigem Weiß gehalten. Dazu die bunten Kinderzeichnungen am Heizboiler und über der Duschwanne. E. versuchte, den Kindern das Idyll einer intakten Familie vorzuspielen. So gut es eben ging.

Aber dann gibt es da auch noch das Fotos vom Gang in die Schlafräume. Beängstigend eng. Schemenhaft erkennt man ein Bett. Beklemmungen steigen auf.

Mit Tod bedroht
Die kleine Welt im Keller der Ybbsstraße umfasst am Ende 60 Quadratmeter, die Räume sind knapp 1,70 Meter hoch. Josef Fritzl versorgt seine Gefangenen im Keller mit Lebensmitteln, vergewaltigt, wenn er nicht gerade in Thailand auf Urlaub ist.

Wenn er geht, droht er Tochter und deren Kindern mit Vergasung, „für den Fall, dass mir etwas passiert“.

Die Kinder leiden im Verborgenen. K. hat epileptische Anfälle, seit sie ein Kind ist. Josef Fritzl bringt krampflösende Tropfen, zu einem Arzt lässt er sie nicht.

Im Verlies gibt es Kühlschrank und Tiefkühltruhe, die immer gut gefüllt sind. Josef Fritzl kauft im ganzen Bezirk ein, um nicht aufzufallen, karrt die Lebensmittel in seinem alten Mercedes meist in der Nacht an. Aber in der Dunkelheit fehlt es E. und ihren Kindern an natürlichem Licht. Vitamin D kann nicht aufgebaut werden. Ein Grundstoff für Knochen und Zähne fehlt.

Die Eingeschlossenen können sich nicht ausreichend bewegen, die Muskeln verkümmern, die Haut wird wächsern, weiß und dünn wie Pergament.

Der einzige Kontakt zur Außenwelt bleibt ein kleiner Fernseher. Aber er sorgt zumindest dafür, dass E. die Flucht aus ihrem ­Gefängnis gelingt.

Wirklich frei
Am 26. April 2008 hört E. Fritzl in der ORF-Sendung Niederösterreich heute, dass ein Arzt im Krankenhaus Amstetten nach ihr sucht. In dieses Spital hatte die Rettung ihre kranke Tochter Kerstin gebracht. Jetzt braucht sie ihre Hilfe.

Als ihr Vater diesmal ins Verlies kommt, erlebt er eine andere E., energisch, fast resolut. Sie überredet den 73-Jährigen, mit ihr ins Spital zu gehen. Viel spricht dafür, dass Josef Fritzl ahnte, dass seine Lügengeschichte nun ein Ende findet. Es ist ein Ende im Schrecken. Aber ein Ende, das vier Menschen neue Hoffnung gibt.

Nächste Seite: Lesen Sie Teil 3 der Serie.

Er veranlasste die Suchmeldung nach E., nahm jeden Hinweis persönlich entgegen, wollte Licht ins Dunkel bringen. Und war damit in Wahrheit der Erste, der auf den Hilferuf aus dem Keller reagierte – Primarius Albert Reiter.

Als die 18-jährige E. am 28. August 1984 in das Kellerverlies in der Ybbsstraße 40 geworfen wird, kämpft sie, schreit tagelang, hämmert an die kalten Kellerwände, versucht alles, um gehört zu werden. Vergeblich, es sind stumme Schreie, denn hier hört sie niemand und nach und nach wird ihr Wille gebrochen. Eine junge Frau, die die Tyrannei, die Vergewaltigungen und das Leben in einem Kellerverlies ohnmächtig annehmen muss.

Am 19. April beginnt E. zu kämpfen
Doch am Morgen des 19. April 2008 wird dieser Wille zurückkehren. An diesem Tag überkommt die jetzt 42-jährige Frau ein nicht mehr für möglich gehaltener Kraftschub: ihr Mutterinstinkt. Schon seit Tagen liegt ihre älteste Tochter K. im Bett und hat Krämpfe. Unerklärbare Krämpfe. An diesem 19. April beginnt E. wieder zu kämpfen. Für K.

Und ein Mann spürt diese Kraft, nimmt intuitiv jene Hilfeschreie wahr, die 24 Jahre ungehört blieben. Es ist Primarius Dr. Albert Reiter, der am 19. April eine junge Frau in seinem Krankenhaus sieht, deren Geschichte er nur schwer glauben kann. Ihr Großvater, Josef Fritzl, erzählt von einer Sekte, in der die Mutter der 19-Jährigen sei, zeigt einen Brief, der K. beigelegt wurde. Auf Fragen reagiert der alte Mann nicht, er wolle jetzt Hilfe für seine Enkelin und er sei hier nicht beim Verhör. Der Ton gefällt Reiter nicht und er macht ihn stutzig.

Alfred Reiter handelte sofort
„Ein Mensch, von dem es kein Foto gibt, wie soll das gehen? Ich wusste, dass nur die Mutter hier helfen kann“, schildert Reiter im ÖSTERREICH-Gespräch seine Gedanken. Doch er überlegt nicht nur, er handelt auch sofort. Reiter überredet Josef Fritzl, eine Suchmeldung für E. zu formulieren. Fritzl ist damit nicht einverstanden, muss sich jedoch fügen. „Das hat alles das Krankenhaus gemacht“, erzählt Josef Fritzl damals flapsig in einem ÖSTERREICH-Interview.

Der Arzt selbst richtet eine Hotline ein, jeder Anruf kommt auf Reiters Handy. „Ich kann nicht einfach zusehen, ich bin tief erschüttert über diesen Fall, ich habe so etwas noch nie gesehen“, so der Arzt.

Noch weiß Reiter nicht, was er mit seinen Ambitionen auslösen wird. Ahnt nicht, dass sein Bauchgefühl in wenigen Tagen das Martyrium von 24 Jahren Gefangenschaft beenden soll. Inzwischen versucht er, die komatöse K. zu stabilisieren, holt Spezialisten aus Wien.

Dann kommt der 26. April, es ist ein Samstag. E. bedrängt ihren Vater ein zweites Mal. Sie muss in dieses Krankenhaus, sie muss helfen. Und ein zweites Mal gibt er nach, fährt mit seiner Tochter zu Kerstin.

Hinweis
Die Kriminalpolizei wird an diesem Tag durch einen anonymen Hinweis, der aus dem Spital kommt, mobilisiert. Wer auch immer es war, er zählt zu den stillen Helden des grausamsten Kriminalfalls der österreichischen Geschichte.

Nächste Seite: Lesen Sie Teil 2 der Serie

SERIE TEIL 2:

Jetzt ist er ganz unten. Josef Fritzl hat jede Kontrolle verloren. In seiner Zwei-Mann-Zelle in der Justizanstalt St. Pölten beeindruckt der Despot von einst niemanden. Im Gegenteil: Die Aggressionen der Mithäftlinge, die dem Sex­u­altäter ohne jeden Respekt begegnen, werden täglich heftiger.

Und Fritzl hat Angst. Wohl zum ersten Mal seit seiner Kindheit. Denn bis zu seiner Verhaftung letzten Samstag war der 73-Jährige jener, der Angst verbreitete und nie selbst verspüren musste. Er sorgte für Angst und Schrecken bei seiner Familie, seiner Zweit-Familie im Keller und im Kreis seiner Verwandten, die ihn ebenso für einen irren Tyrannen hielten wie seine Kinder. Und selbst seinen Geschäftsfreunden flößte er Angst ein: Denn Josef Fritzl galt als genialer Planer, als perfekter Techniker und war süchtig nach Kontrolle. Sein teures Doppel­leben finanzierte er mit dubiosen Immobilien-Spekulationen – und wurde so zum Millionär.

Beispiel eins:
Eine Liegenschaft in St. Pölten, Julius-Raab-Promenade 47. Im Jahr 2005 trifft Fritzl auf Anton Kraushofer. Der Sohn des ehemaligen Eigentümers der Immobilie ist schon beim ersten Gespräch etwas irritiert, kann aber nicht einordnen, warum. „Er kam mit seinem Sohn und er stellte sich als Rechtsanwalt bei mir vor. Er sei aber schon in Pension, wolle aber das Haus unbedingt kaufen und viele Wohnungen daraus machen“, erinnert sich Kraushofer. Schnell einigt man sich auf den Kaufpreis: Für rund eine Million Euro soll das Miethaus den Besitzer wechseln, Kraushofer behält sich nur eine Wohnung für sich selbst.

Dass der „Rechtsanwalt“ die technischen Details, Pläne und baulichen Möglichkeiten so perfekt durchschaut, schreibt Kraushofer einer besonders ausgeprägten Form von Interesse bei dem vermeintlichen Juristen Fritzl zu. Dass aber der gelernte Elektrotechniker in Wahrheit von Planung und Kontrolle regelrecht getrieben ist, soll Kraushofer erst im April 2008 erfahren, als das ganze Drama um den Inzest-Vater öffentlich wird. Was ihn aber bereits 2005 stutzig macht, ist, dass der „Anwalt“ 70 Prozent des enormen Kaufpreises bar auf den Tisch legt – das sind immerhin stolze 600.000 Euro.

Der Hintergrund: Josef Fritzl ist ein brillanter Spekulant. Er kauft Liegenschaften, baut Wohnungen aus (zum Teil auch mithilfe seines in Amstetten wohnenden Sohnes S.) und verkauft sie mit enormem Mehrwert. Seiner Frau R. erzählt er, er würde nur Baupläne zeichnen und diese Firmen anbieten. So stellt er sicher, dass sie niemals von seinem echten Reichtum erfährt, niemals fragen kann, woher das viele Geld ist, das er für die Versorgung seiner eingesperrten Keller-Familie benötigt.

Beispiel zwei:
Ein schmuckes Einfamilienhaus in der Waidhofener-Straße 68 in Amstetten. 2002 luchst Fritzl der Besitzerin, einer alten Dame, das Haus mit Erker und 2.500 Quadratmetern Grund in bester Lage um den Spottpreis von 130.000 Euro ab. Sein Kaufargument: „Ich möchte ein zweites Domizil für meine Familie“, erklärte Fritzl dem erstaunten Nachbarn Otto Popp. Damals ahnte noch niemand, dass das Wort „Familie“ für Fritzl in Wahrheit ein unvorstellbar belasteter Begriff war.

Doch Fritzl, der versichert, wie sehr er das Haus mit dem kleinen Bach im Hintergrund schätze, verfolgt ganz andere Pläne. Er will ein riesiges Wohnhaus-Projekt mit einer Tiefgarage auf das Grundstück mit den historischen Gärten stellen, das Häuschen abreißen und das gesamte Areal um einen Millionen-Betrag verkaufen – und zwar nach genau dem Modell, das dem Spekulanten schon so viel Geld gebracht hatte.

Diesmal allerdings versagte seine perfekte Planung erstmals: Der romantische Mühlbach machte ihm einen Strich durch die Rechnung. „Das ist Hochwasserschutzgebiet, und dort eine Tiefgarage zu errichten, ist unmöglich“, erinnert sich Thomas Huber, Landesgeschäftsführer der Grünen und Gemeinderat in Amstetten, an das Gespräch mit Fritzl. Doch ein „Nein“ kommt für den Immobilien-Tycoon nicht infrage. Fritzl stellt sich auf Kampf ein, „er war drauf und dran, alles zu probieren, damit sein Plan durchgeht“, erzählt Popp. Das Verfahren läuft bis heute.

Versicherung: Wie skrupellos Fritzl mit Planungsänderungen stets umging, bewies er aber schon vor Jahren bei seinem Gasthaus am Mondsee, das er jahrelang als Sommer-Pension führte. 1982 gerät er – der sein ganzes Leben bisher perfekt inszenieren konnte – in den Verdacht, das Haus abgefackelt zu haben, um die Versicherung zu kassieren. Doch die Brandstiftung wird ihm nie nachgewiesen ...

Lesen Sie Teil 1 der Serie: Die Fahrt in die Freiheit

SERIE TEIL 1

„Ein richtiges Auto“, flüstert der Bub. Dann beginnt für ihn und seinen Bruder aus dem Keller die Fahrt in die Freiheit. Es ist das erste Mal im Leben des fünfjährigen F., dass er in einem Auto sitzt, das sich wirklich und nicht nur auf dem Fernsehschirm bewegt.

Der blaue Kleinbus rollt die Landstraße entlang. Knapp sieben Kilometer sind es von Amstetten nach Mauer-Öhling. Es ist Samstag, der 26. April 2008, und im Schutze der Dunkelheit werden fünf Kinder und ihre Mutter endlich ins Leben zurückgebracht. Und von ihrem alten Leben befreit: einem Leben im Keller. Leopold Etz, Chef der Mordgruppe Niederösterreich, erinnert sich. „Die Kinder waren ganz still, nur manchmal, wenn ein Auto entgegengekommen ist, sind sie aufgeschreckt. Sie kannten so etwas ja gar nicht. Lichter, Autos, Bewegungen. Ungefähr so, wie wenn wir am Mond wären“, versucht er das Unerklärliche zu erklären.

Wenige Stunden später wird die ganze Welt über diese Familie sprechen. Über Josef Fritzl, dessen perfektes Lügenkonstrukt zusammengefallen ist, über seine Tochter E., die 24 Jahre seine Sex-Sklavin war, und über sechs Kinder, deren Vater und Großvater ein und dieselbe Person ist: Josef Fritzl.

Leopold Etz ist ein echter Kriminalist, bullig, zuweilen schroff im Umgang, jedenfalls abgebrüht. Seit 25 Jahren klärt er Mordfälle, schwere Verbrechen. Er hat alles gesehen – aber das hier ist neu, selbst für ihn. Er und seine Mannschaft haben soeben den grausamsten Kriminalfall Österreichs aufgedeckt.

Der Bus rollt fast lautlos durch die Landschaft, die Fahrt dauert nicht viel länger als 30 Minuten, dann erreichen sie das Landesklinikum Mostviertel-Mauer. Ein Ort, an dem Psychologen, Ärzte, aber auch ein Zimmer mit echten Fenstern auf die Kinder warten. In wenigen Stunden werden sie zum ersten Mal die Sonne aufgehen sehen. „Das ist aber schön“, tuschelt F. zu seinem älteren Bruder S. (18), der ebenfalls sein Leben bis ­dahin im Keller verbrachte. Was den Buben so beeindruckt: die vorbeiziehenden Straßenlaternen, der schimmernde Mond, das Armaturenbrett im Bus.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Ankunft im Krankenhaus

Das Krankenhaus
„Sie verständigen sich“, sagt Dr. Berthold Kepplinger“, Chef der Landesklinik Amstetten-Mauer, „aber von einer normalen Ausdrucksweise sind sie weit entfernt.“ Aber immerhin: Sie sprechen. Auch mit ihren neuen Geschwistern L. (16), M. (15), und A. (12). Noch wissen sie nicht, wie und warum sie Geschwister sind, noch kann es ihnen E. (42), ihre Mutter, nicht recht erklären. Sie findet noch keine Worte dafür, dass sie die Mutter aller Kinder hier ist, dass ihr Vater auch der Vater dieser Kinder ist. Und dass die Krankheit des sechsten Kindes, K. (19), die Befreiung aus einer 24-jährigen Gefangenschaft erst möglich gemacht hat. Erst als das kranke Mädchen von Fritzl ins Krankenhaus gebracht wurde und er damit – vielleicht sogar aus Menschlichkeit – den ersten Fehler in seinem perfekten System machte, ist die Wahrheit nicht mehr aufzuhalten.

So vieles ist unklar im „schlimmsten Kriminalfall der Geschichte“, wie selbst die Polizei sagt. Seit Sonntag Früh erfährt die Welt im Stundentakt mehr und mehr vermeintlich Wichtiges, erhascht einen Zipfel der unglaublichen Geschichte, um wenig später festzustellen, wie klein dieser Zipfel ist. Und dass alles doch ein bisschen anders ist, als man gedacht hatte. Und dass 24 Jahre offenbar niemand auch nur irgendwas vermutet hätte.

Es ist Samstag, 26. April, als in der Intensivstation der Landesklinik Amstetten die Tür aufgeht. Ein hagerer Mann in grauer Hose und braunem Hemd tritt ein. Er blickt unsicher um sich. Knapp dahinter eine unscheinbare Frau, 1,65 Meter groß, kurze, weißgraue Haare. Die Haut merkwürdig weiß, dünn wie Pergament. Man könnte sie für 60 Jahre alt halten, für eine Oma. Tatsächlich ist sie 42. Es ist E., die Mutter aus dem Verlies. Die Frau, über die wenige Stunden später ein ganzes Land sprechen wird.

Es ist ein gespenstisches Bild, das sich Primarius Albert Reiter bietet. Der Arzt ist einer der Helden in dieser an Helden so armen Geschichte. Eine Woche zuvor, am 19. April, war eine junge Frau in seine Klinik eingeliefert worden. Auch ihre Haut weiß wie Alabaster. Sie war nicht ansprechbar, ihre Erkrankung rätselhaft. Der Mann, der sie begleitete, Josef F. nämlich, erzählte eine seltsame Geschichte.

Die junge Frau sei seine Enkelin, von der Mutter fehle jede Spur. Sie sei bei einer Sekte, womöglich. Aber wo genau, wisse man nicht.

Primarius Reiter stand vor einem Mysterium. „80 Prozent einer Diagnose werden durch die Anamnese gemacht, die Krankheitsgeschichte“, sagt er. Aber hier gab es nichts. Keine Versicherungsnummer, kein Krankenblatt, keine Vorgeschichte, nichts. Vor ihm im Bett lag ein Phantom, ein Mensch ohne Spuren in der Bürokratie. Nie beim Arzt, nie krank, nie ­erfasst.

Der Arzt tat das einzig Richtige. Er alarmierte die Öffentlichkeit. Und trat damit den „Kriminalfall Josef F.“ los.

Via ORF und Zeitungen rief der Primar um Hilfe bei der Suche nach der Mutter. Nur sie könne ihre Tochter vor dem Tod bewahren. Kerstin F., 19 Jahre alt, war inzwischen ins Koma gefallen. Sie kämpfte mit dem Tod und tut das bis heute.

Es ist Freitag, der 25. April, als wenige Straßen vom Krankenhaus entfernt ein Fernseher eingeschalten wird. Die Abendnachrichten laufen. Wer aller zuschaut an diesem finsteren Ort, ist ungeklärt, aber mit Sicherheit ist E. darunter. Sie sitzt am Bettrand und starrt in den kleinen, schäbigen TV-Schirm, als eine Geschichte erzählt wird, die sie fesselt. Ein Mann im weißen Mantel ist zu sehen. Er sieht vertrauenserweckend aus und er berichtet über ein Mädchen, das E. wohlbekannt ist: K., das Phantom aus dem Krankenhaus, das ins Koma gefallen ist und dem nur seine Mutter helfen kann.

Die Mutter, das ist E. Aber sie sitzt hier unten, zwei Meter unter der Erde, in ihrem 60 Quadratmeter großen Gefängnis aus Stahl und Beton. Sie will raus und ihrer Tochter helfen, aber sie kann nicht. Denn ihr Vater, Josef F., hat die 300-Kilo-Eisentür mit einem Türcode gesichert. Hinaus kann niemand, hinein nur er. Und das seit 24 Jahren.

Inzest-Krankheit
Das Verlies, es ist fast ein Vierteljahrhundert das Gefängnis von E. Offiziell ist sie weggelaufen. Tatsächlich ist sie so nah. Die Redewendung „vom Erdboden verschluckt“ bekommt plötzlich eine neue Bedeutung.

Die Sendung Niederösterreich heute hat E. aufgewühlt. Ihre Tochter zwischen Leben und Tod. K. litt schon länger an unerklärlichen Krämpfen, an Epilepsie. Vermutlich ein genetischer Defekt als Folge des Inzest. Fritzl besorgte krampflösende Mittel gegen die epileptischen Anfälle, aber an diesem Tag halfen auch die nichts mehr. K. erholte sich nicht. E. realisierte, wie ernst es war. Dass es nun um Leben und Tod ging und sie überredete ihrer Vater, das Mädchen ins Krankenhaus zu bringen.

Das erste Mal in 24 Jahren öffnete sich für sie die schwere Eisentür und sie durfte hinaus. Ein paar Meter nur, hinauf ins Stiegenhaus. Josef Fritzl konnte die bewusstlose Tochter nicht alleine schleppen. Und so zerrte er gemeinsam mit seiner Tochter, seiner Sklavin, K. hinaus aus dem Verlies, durch den Heizungskeller, den Vorraum, die Stufen hinauf und legte sie vor seine eigene Eingangstür. Dann sperrte er E. wieder in den Keller, verschloss die Eisentür mit dem Zahlencode, schickte sie in die Dunkelheit zurück.

Die passende Geschichte dazu hatte er sich längst zurechtgelegt und sie war so abenteuerlich wie alles, was der vermeintlich nette Opa mit der Sturmfrisur und dem sorgsam getrimmten Schnurrbart in den letzen Jahren ersonnen hatte. Noch im Verlies hatte er seine Tochter gezwungen, einen herzzerreißenden Brief zu schreiben. Er legte ihn neben die kranke K., holte dann die Rettung. „Sucht mich nicht, denn es wäre zwecklos und würde mein Leid und das meiner Kinder nur erhöhen. Auch zu viele Kinder und Bildung sind dort nicht erwünscht.“ Spuren, die auf die Fährte einer Sekte führen sollten. Ein Schwindel. Der letzte, der das Lügengebäude von Josef F. endgültig zum Einsturz brachte.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Mysteriöser Anruf bei der Polizei

Kontrollverlust
Es ist Samstag, 26. April, als bei der Polizei Amstetten das Telefon läutet. Ob die Beamten wissen, wer am Apparat ist, bleibt bis heute unklar. Aussagen von Oberst Franz Polzer, Leiter des Landeskriminalamtes NÖ, legen aber nahe, dass der Anruf aus dem Krankenhaus Amstetten kommt. Eine Krankenschwester? Ein Arzt? Der Informant jedenfalls will anonym bleiben, aber er gibt der Polizei den entscheidenden Hinweis. Er erzählt von Josef F. und seiner Tochter E., den beiden Kindern und davon, dass die vier gerade im Krankenhaus Amstetten eine rätselhafte, verworrene, unglaubwürdige Geschichte erzählten.

Die Beamten rasen los. Sie kommen gerade rechtzeitig, als die Familie das Spital verlassen will. Gegen E. liegt eine Vermisstenanzeige vor. Sie wird gesucht, weil sie seit Jahren verschwunden ist. Nur dreimal tauchte sie angeblich auf, um jeweils Kinder vor der Tür ihres Vaters in der Ybbsstraße in Amstetten abzulegen. Immer begleitet von Briefen, handgeschrieben, schwülstig zum Teil, aber ebenfalls voller Rätsel. Der Großvater solle sich um die Kinder kümmern. Und das tat er. Denn es sind ja auch seine.

Gewusst haben das angeblich nur E. und ihr Vater Josef. Der Rest der ­Familie will nichts bemerkt haben. Auch nicht Josef Fritzls Frau, R. Ob verdrängt, weggeschaut, ignoriert wurde oder tatsächlich alle so ahnungslos waren, wie es jetzt den Augenschein hat, werden die nächsten Wochen weisen.

Von alledem haben die Polizisten keine Ahnung. Sie wollen lediglich verhindern, dass E. wieder wegläuft. Vom Erdboden verschluckt wird.

Alles bricht auf
Ob Vorahnung oder als Folge des anonymen Hinweises – die Polizisten jedenfalls trennen Josef und E., sprechen getrennt mit ihnen. Der vermeintlich nette Opa von nebenan präsentiert sich wie immer. Freundlich, aber einsilbig. Dass seine Geschichte von vorne bis hinten gelogen ist, erkennt nur, wer die Vorgeschichte weiß. Aber den Beamten fällt auf, dass Josef F. unruhig wirkt, immer wieder zur Tür blickt. Es ist im gar nicht recht, dass E. nicht bei ihm ist. Zu diesem Zeitpunkt hat er die Kontrolle über sie verloren. Für immer.

Ein Zimmer weiter sitzt eine verstockte Frau, die meist zu Boden blickt, an ­einem Glas Wasser nippt. Ihre Schultern sind schmal, die Muskeln verkümmert. Die Polizisten gehen behutsam vor, plaudern, wollen Vertrauen schaffen. Sie sei sicher hier, sicher auch vor ihrem Vater. Dann bricht es aus E. heraus und sie erzählt die Geschichte ihres Lebens, die so unglaublich ist, dass sie die menschliche Vorstellungskraft sprengt.

Mit elf Jahren, schildert E., sei sie das erste Mal von ihrem Vater missbraucht worden. Und dann immer wieder. Niemand merkte etwas. Sie ging in die Hauptschule, dann aufs Polytechnikum. Kontakt hatte sie wenig, nur mit einer Klassenkameradin ist sie flüchtig befreundet. Schicksal verbindet. Beide durften selten weggehen, wurden von den Eltern streng erzogen, kontrolliert. Auch das ist eine Form der Machtausübung.

Als E. von der Schule geht, beginnt sie eine Lehre als Kellnerin. Arbeitskollegen erinnern sich heute daran, dass sie „ruhig, unauffällig, aber sehr gewissenhaft“ war. Dann ist sie plötzlich weg. Was keiner ahnt: Ihr Vater lässt es nicht beim Missbrauch bewenden. Er will mehr, ­eine Sklavin, eine Frau, die nur für ihn da ist und die er unter totaler Kontrolle halten kann. Es ist ein teuflischer Plan und er muss über die Jahre gereift sein. Denn Josef F. beginnt den Keller seines Hauses auszubauen. Er sucht um Bewilligung an, einen Atomschutzbunker zu errichten. Es sind die Siebzigerjahre, man fürchtet sich vor dem Kalten Krieg und den bösen Russen, die Marschflugkörper nach Europa schicken. Atombunker werden propagiert und von den Gemeinden ­gefördert. Josef F. hat seine Genehmigung in Windeseile. Er baut den Bunker, der zum Gefängnis wird.

Dann kommt der 28. August 1984. An diesem Dienstag vollendet Josef F. sein teuflisches Werk. Er betäubt seine Tochter und schleppt das schlaftrunkene Mädchen in seinen Atombunker. Er fesselt das Mädchen mit Handschellen und terrorisiert es die nächsten Wochen und Monate, bis sein Wille gebrochen ist. Er missbraucht sie, schlägt sie, bedroht sie, schüchtert sie ein. Elisabeth lebt in ständiger Angst vor dem Mann vor der Tür, der ihr Vater ist und sie beschützen sollte, aber nun zu ihrem schlimmsten Feind wurde.

Josef F., der Elektronik-Freak, hat seinen Keller in monatelanger Arbeit zu einem High-Tech-Gefängnis ausgebaut. Eine 300 Kilogramm schwere Stahltür trennt das Verlies vom eigentlichen Keller. Wie der Mann die Tür in den Keller bekam, bleibt bis heute rätselhaft. Gab es doch Mitwisser, Helfer, Getäuschte oder einfach Leute, die nicht nachfragen wollten?

Das Verlies war für 24 Jahre das einzige Leben von E. und ihren Kindern. Alle gezeugt von ihrem eigenen Vater. Jetzt ist es leer, gestern holte die Spurensicherung ein paar persönliche Sachen für die Buben F.und S. Denn bis Samstag hatten sie dort ihre Kinderspielsachen. F. wollte unbedingt seinen Teddybär herzeigen. Es ist der erste Schritt zu einer gemeinsamen Familie.

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