01. Mai 2008 23:28
In Tirol halten sich die Lkw-Fahrer offenbar an das auf der Inntalautobahn
seit Freitag geltende umstrittene neue Fahrverbot für bestimmte
Gütertransporte. Bis zu Mittag wurde noch kein einziges Fahrzeug mit
derartiger Ladung beanstandet, zog die Polizei eine erste Zwischenbilanz.
Laut IG-Luft ist ein Strafrahmen von bis zu 2.180 Euro vorgesehen. Einige
Fahrzeuge seien zwar etwa mit Erdaushub angehalten worden. Es habe sich aber
um Be- bzw. Entladungen im vorgesehenen Bereich gehandelt, erklärte der Chef
der Verkehrspolizei, Oberst Markus Widmann. Zudem sei das Lkw-Aufkommen
durch den Fenstertag geringer als an einem "normalen" Freitag.
Die Kontrollen erfolgen vor allem an den Autobahnüberwachungsstellen in
Kundl und Radfeld. Bei Kundl würden beanstandete Lkw wieder zur "Rollenden
Landstraße" zurück eskortiert. In jedem Fall erfolge eine Anzeige an die
zuständige Behörde. Ein Ausweichen auf Bundes- oder Landesstraßen sei durch
dortige Fahrverbote unmöglich.
Ausdehnung geplant
Die Maßnahme gilt zwischen Kufstein und Zirl
bei Innsbruck für alle Lkw über 7,5 Tonnen, die Abfälle, Steine, Erde oder
Aushub transportieren. Durch diesen ersten Schritt erhofft sich Tirol rund
35.000 Transitfahrten im Jahr weniger. Mit Jahreswechsel wird das Verbot
dann auf eine Reihe weiterer unverderblicher Güter ausgeweitet werden.
Darüber hinaus wird die Tirol mit 1. November dieses Jahres das
Nachtfahrverbot für Lkw abermals verschärfen und das generelle Fahrverbot
für alte Schwer-Lkw auf die Schadstoffklasse "Euro zwei" ausdehnen. Die
EU-Kommission hat gegen die sektoralen Fahrverbote ein
Vertragsverletzungsverfahren eingeleitet und wird am kommenden Dienstag ein
zweites Mahnschreiben an die Republik richten.
Tirol argumentiert die Fahrverbote mit der seit Jahren stetig gestiegenen
Stickstoffdioxid- (NO2) und Feinstaubbelastung. Als erste Maßnahme hat das
Land auf der Inntalautobahn 2007 schon Tempo 100 eingeführt.
Kritik aus Bayern
Kritik an dem Fahrverbot kommt aus dem
Ausland. Der bayerische Ministerpräsident Günther Beckstein wiederholte erst
am Donnerstag: "Das sektorale Fahrverbot gefährdet die Existenz viele
kleiner und mittlerer Unternehmen in Bayern." Die umgrenzenden Länder,
für deren Frächter Tirol eine wichtige Transitroute darstellt, sprechen von
Diskriminierung, weil Fahrten, die in Tirol beginnen oder enden, weiter
erlaubt sind. Der internationale Frächterverband IRU (International Road
Transport Union) meint, dass durch die Umwege 60.000 Tonnen CO2 zusätzlich
erzeugt werden und warnte zuletzt wörtlich vor einem "Transitkrieg".
Straßentransport sei die "Lebensader" aller menschlichen
Aktivitäten.
Schon einmal hatte der Europäische Gerichtshof (EuGH) gegen die geplante
Maßnahme entschieden. Vor drei Jahren hatte der EuGH das sektorale
Fahrverbot in Tirol für EU-widrig erklärt. Damals hatten die Richter in
Luxemburg kritisiert, dass es keine Alternativen zur Unterinntalautobahn
gebe. Darüber hinaus sei die Maßnahme damals überfallartig eingeführt
worden.
Neuerliche Klage droht
Diesmal hat sich Tirol deutlich mehr Zeit
gelassen. Außerdem haben die ÖBB die Kapazitäten auf der Rollenden
Landstraße (RoLa), bei der der Lkw von der Bahn "huckepack"
genommen wird, stark ausgeweitet. Anders als beim ersten Anlauf der Tiroler
2003 hat die EU-Kommission daraufhin diesmal auf einen Antrag auf
Einstweilige Verfügung verzichtet. 2003 war dadurch das sektorale Fahrverbot
erst gar nicht in Kraft getreten.
Mit der Einleitung der zweiten Stufe des Vertragsverletzungsverfahrens am
kommenden Dienstag wird Österreich innerhalb von 30 Tagen zu einer
Stellungnahme aufgefordert. Sollte die Stellungnahme die Kommission nicht
überzeugen, kann sie Österreich neuerlich verklagen, was allgemein als
wahrscheinlich gilt. Tirol hofft, dass bis zur Entscheidung des EuGH dann
schon neue EU-Gesetze gelten, die eventuell auch eine höhere Lkw-Maut mit
sich bringen könnten.