23. November 2008 18:38
Geprägt waren die Verhandlungen von einer Zögerlichkeit seitens der ÖVP und
einer sanften, aber beharrlichen Umarmung der SPÖ. Die selbst auferlegte
Deadline, bis spätestens Weihnachten fertig zu werden, haben die
Koalitionspartner deutlich unterschritten. Im Folgenden eine Chronologie der
wichtigsten Ereignisse seit der Wahl vom 28. September:
28.9. Bei der Nationalratswahl verpassen die Wähler der Großen
Koalition einen harschen Denkzettel: SPÖ und ÖVP fallen auf den historischen
Tiefststand. Beide stürzen auf unter 30 Prozent ab, während FPÖ und BZÖ
deutlich zulegen. Die SPÖ bleibt mit 29,3 Prozent aber stärkste Partei; die
ÖVP, die den vorgezogenen Urnengang zwei Jahre nach der letzten Wahl
provoziert hatte, wird mit nur 26,0 Prozent Zweite.
29.9. ÖVP-Chef Wilhelm Molterer kündigt den Rücktritt an, Josef Pröll
wird zum Nachfolger designiert. Pröll und der Parteivorstand halten sich
ausdrücklich alle Varianten - Rot-Schwarz, Rot-Blau-Orange oder auch die
Opposition - offen.
30.9. SPÖ-Chef Werner Faymann legt sich fest: Er will
Koalitionsverhandlungen nur mit der ÖVP führen.
8.10. Bundespräsident Heinz Fischer erteilt SPÖ-Chef Faymann den
Auftrag zur Regierungsbildung.
9.10. Faymann und Pröll treffen sich zu einem ersten "Vorbereitungsgespräch".
Ein Fahrplan mit "Österreich-Gespräch" (mit allen
Parteien) und weiteren "Vorbereitungsgesprächen" wird
vorbereitet. Angesichts der aufziehenden Wirtschaftskrise kündigen Faymann
und Pröll ein Konjunkturpaket an.
11.10. Der Kärntner Landeshauptmann BZÖ-Chef Haider stirbt bei einem
Autounfall.
13.10. Pröll beendet die zuvor verordnete "Abkühlungsphase":
Angesichts der Finanzkrise will er jetzt rasch mit den
Koalitionsverhandlungen beginnen. Tags darauf ermächtigt ihn der
Parteivorstand (mit vier Gegenstimmen) zum Verhandeln. Im Verhandlungsteam
sitzen auch einige Vertraute der Ex-Parteichefs Wolfgang Schüssel und
Molterer.
16.10. Auch das SPÖ-Verhandlungsteam steht und zeigt viele
altbekannte Gesichter.
17.10. Bundespräsident Fischer drängt auf eine rasche
Regierungsbildung.
20.10. Faymann und Pröll erklären, die Verhandlungen vor Weihnachten
abschließen zu wollen - und fixieren die Vorgangsweise: Jeden Donnerstag
tritt die große Runde zusammen; in Untergruppen werden die Sachthemen
aufbereitet.
21.10. Die große Verhandlungsrunde tagt erstmals - ohne Ergebnisse,
aber offenbar in besserer Atmosphäre als 2006.
29.10. Beim zweiten "Österreich-Gespräch" geraten
sich SPÖ und ÖVP über die Budgetpolitik in die Haare. Für Faymann ist
angesichts der Wirtschaftskrise die Maastricht-Grenze von drei Prozent "kein
Heiligtum", Pröll will sich dieser Grenze nicht einmal nähern.
30.10. Zweite große Verhandlungsrunde: Keine Ergebnisse, aber Faymann
und Pröll wollen das Tempo erhöhen.
2.11. In der ÖVP mehren sich die Stimmen - aktuell aus Vorarlberg,
zuvor schon Steiermark, Burgenland, ÖAAB - dafür, Teile der Steuerreform auf
2009 vorzuverlegen. Dies hatte die SPÖ schon vor der Wahl gefordert, die ÖVP
bisher aber abgelehnt.
4.11. Parteichef Pröll erklärt sich bereit, Teile der Steuerreform
auf 2009 vorzuziehen - und dabei ein höheres Budgetdefizit und ein
Überschreiten der Maastricht-Grenze von drei Prozent des BIP zu akzeptieren.
5.11. Die Finanz-Untergruppe tagt mehr als vier Stunden. Ein Ergebnis
wird noch nicht bekanntgegeben.
6.11. Einigung nach der dritten großen Verhandlungsrunde: Die
Steuerreform (mit einem Volumen von 2,7 Mrd. Euro) wird auf 2009 vorverlegt.
Pröll und Faymann betonen, dass die Fortsetzung der Großen Koalition damit
noch nicht fixiert ist.
8./9.11. Die Verhandlungs-Untergruppe zur Staatsreform meldet die
Beendigung ihrer Arbeit, große Würfe sind demnach nicht geplant. Alle
Arbeitsgruppen sollen innerhalb einer Woche ihre Arbeit vollenden, dann
nochmals die Finanzgruppe tagen, anschließend sollen die letzten offenen
Fragen von der großen Verhandlerrunde geklärt werden.
9.11. Der vom Post-Management geplante Abbau von 9.000
Post-Mitarbeitern wird zum Streitthema bei den Koalitionsverhandlungen.
Faymann sieht Finanzminister Molterer gefragt: Dieser hätte schon längst
aktiv werden müssen. Sollte es wirklich zu dem Job-Abbau kommen, fordert
Faymann ein Köpferollen im Post-Management.
11.11. Faymann kündigt eine Universaldienstverordnung an, mit derer
für die nächsten sechs Monate (ab Jahresbeginn 2009) kein Postamt
geschlossen werden darf.
12.11. Molterer übt scharfe Kritik an Faymann: Dieser habe die
Post-Liberalisierung selbst mit zu verantworten. Außerdem zweifelt er die
Rechtmäßigkeit von Faymanns Verordnung an. Pröll erklärt, es sei zu wenig,
die Angelegenheit auf die lange Bank zu schieben.
14.11. Pröll tritt auf die Bremse: Die "Ereignisse der
letzten Tage" hätten zu einer "angespannten Situation"
geführt. Gemeint war offenbar das Vorgehen Faymanns angesichts der Sparpläne
der Post. Erst rund um den ÖVP-Parteitag (28.11.) werde klar sein, "ob
es geht oder nicht", so Pröll.
15.11. Die Finanz-Untergruppe beendet nach einem langen Arbeitstag
ihre Rechentätigkeiten, Details werden nicht bekannt. Am Abend platzt dann
die für den (Sonn-)Tag darauf geplante große Verhandlungsrunde: Pröll
verlangt "nach den Ereignissen der letzten Tage" eine Aussprache
unter vier Augen mit Faymann. Er wolle klären, ob es noch ein Vertrauen gebe.
16.11. ÖVP-Obmann Pröll setzt die Verhandlungen nach dem
Vieraugengespräch vorerst aus und legt der SPÖ zehn Fragen zur Beantwortung
vor - diese sollen aber "keine Ultimaten und keine Frist"
darstellen. Von den Antworten hänge aber ab, ob die ÖVP eine Große Koalition
eingehen werde. SP-Chef Faymann kündigte an, die Fragen binnen vier Tagen zu
beantworten.
17.11. Der Wiener Bürgermeister Michael Häupl (S) spricht am
Vormittag von einer "Pflanzerei der SPÖ". Am Nachmittag
antwortet SPÖ-Chef Faymann auf die zehn Fragen von Pröll in nicht einmal 24
Stunden. Der ÖVP-Chef erachtet daraufhin weitere Gespräche mit den
Sozialdemokraten als "sinnvoll".
18.11. SPÖ und ÖVP vereinbaren vertrauliche Gespräche in kleineren
Zusammensetzungen. Bundespräsident Fischer zeigt sich optimistisch, die neue
Regierung spätestens Mitte Dezember angeloben zu können. Faymann hält
Einigung bis Sonntag (23.11.) für möglich.
19.11. Opposition beantragt Sondersitzung zu staatsnahen Unternehmen
wie Post und AUA für 25. 11., bei der noch die scheidende Koalition auf der
Regierungsbank sitzen wird.
20.11. Die Koalitionsverhandlungen gehen in die Endphase. Die Leiter
der Untergruppen kommen mit den Parteichefs sowie den Finanzverhandlern zum
sogenannten "Beichtstuhlverfahren" zusammen, um die diversen
Wünsche noch einmal in den Budgetrahmen zu pressen. Immer mehr Details aus
dem Regierungsprogramm sickern durch.
21.11. Mit Wilhelm Molterer zieht sich ein weiteres Mitglied der
Schüssel-Ära zurück. Der scheidende Vizekanzler, Finanzminister und ÖVP-Chef
will der nächsten Regierung nicht mehr angehören, er bleibt einfacher
Abgeordneter.
22.11. Regierungsverhandlungen befinden sich im Endspurt: in einer
vertraulichen Runde werden letzten noch offenen Details geklärt.
23.11. Faymann und Pröll verkünden am Tag 56 nach der Wahl die
Einigung auf eine rot-schwarze Regierung.