09. Jänner 2010 16:33
„Es war die Hölle. Ich war in einem 12-Bett-Zimmer mit Algeriern, Arabern,
Afghanen untergebracht. Kontakte gab es keine, null Kommunikation – schon
wegen der Sprachbarriere. Ich war der Einzige, der Deutsch konnte“, erinnert
sich Alen A. Der Kriegsflüchtling aus dem Kosovo lebte 2001 acht Monate in
Traiskirchen (Bez. Baden).
Glücklich
Aus Angst, beraubt oder in Gewaltorgien verwickelt
zu werden, schlief der heute 30-Jährige lieber im Badener Kurpark als im
Lager. „Im Asylheim wurde gestohlen und es kam immer wieder zu brutalen
Übergriffen.“ Erst als Alen A. mit Kosovaren zusammenziehen konnte, blieb er
wieder im Auffanglager. Kurze Zeit später erlangte er seinen
Flüchtlingsstatus, besorgte sich einen Job und mietete eine Wohnung. Heute
ist er integriert, spricht perfekt Deutsch und ist glücklich, in Österreich
zu leben.
Eine Erfolgsgeschichte – auch die gibt es in Traiskirchen. Aber: Es ist eher
Ausnahme als Regel.
Neun Jahre später, drei Wochen, nachdem Innenministerin Maria Fekter mit
ihren Plänen für ein drittes Erstaufnahmelager in Eberau (Burgenland) die
Nation aufschreckte, durfte ÖSTERREICH (mit Genehmigung des Ministeriums)
erstmals offiziell ins Lager Traiskirchen. Anschauen, was sich verändert hat.
Konflikte
Fazit: Alle mühen sich redlich, viel wurde behübscht
(das Hauptgebäude erst im Vorjahr komplett saniert). Aber: Traiskirchen
(104.000 Quadratmeter groß) bleibt ein Ort am Rande der Zivilisation, ein
10. Bundesland. Jeder zweite Asylantrag Österreichs wird hier gestellt.
Sprachengewirr, vollgepferchte Zimmer, Chaos, Schlägereien – das ist hier
Alltag.
Im April 2009 gerieten bei der Essensausgabe Afghanen und Tschetschenen
aneinander. Wochen später eskalierte ein Fußballspiel der beiden
Volksgruppen. Seither findet die Essensausgabe separiert statt. Um 11 Uhr
wird für Mütter mit Kindern serviert. Ab 11.30 Uhr sind – nach
Nationalitäten getrennt – alle anderen an der Reihe. Jugendliche Burschen,
jene Altersgruppe, deren sexuelle Übergriffe Auslöser der Schlägereien
waren, können erst danach ihr Essen ausfassen.
„Wir trennen die Leute am Schlafplatz und im Speisesaal nach Nationalitäten,
ihr Zusammentreffen im Freizeitbereich lässt sich jedoch nicht verhindern“,
sagt Franz Schabhüttl, Leiter der Betreuungsstelle Ost in Traiskirchen.
Schon deshalb hält er eine dritte Erstbetreuungsstelle für „unabdingbar“.
„Nur so könnten wir brutale Übergriffe verhindern.“
46 Nationen
Es war schon schlimmer. Bis zu 1.800 Insassen lebten
hier vor zehn Jahren eingepfercht, heute sind es meist um die 700. „Keiner
von ihnen kommt ohne Schlepper ins Land“, sagt Schabhüttl. Der
Freitags-Appell ergab: 667 Asylwerber, davon 300 Afghanen, 150
Tschetschenen, 50 Georgier. Der Rest teilt sich auf weitere 43 Nationen auf.
Darunter 44 alleinreisende Frauen mit 27 Kindern.
Offiziell hielten sich Freitagmittag 202 Jugendliche im Lager auf – aber so
genau weiß das keiner. Bürgermeister Fritz Knotzer: „Hier blüht der
Missbrauch. Viele geben sich als minderjährig aus, weil sie dann Vorteile
genießen.“ Schabhüttl bestätigt: „Der älteste ‚Jugendliche‘ entpuppte sich
nach Prüfung als 52-Jähriger ...“
Versichert
Betreut werden die Insassen von „European Homecare“,
einer vom Innenministerium beauftragten Privatfirma, die als Hausmeister
fungiert. Jeder Flüchtling bekommt 40 Euro pro Monat und ist kranken-,
jedoch nicht sozialversichert. Täglich werden drei warme Mahlzeiten, dazu
ein Schlafplatz angeboten. Es gibt am Areal Sportplätze, eine Turnhalle,
Freizeiträume.
Alle Lager-Insassen können sich jederzeit frei bewegen, müssen sich
lediglich am Tor registrieren. Bleiben sie allerdings der
Betreuungseinrichtung mehr als 48 Stunden fern, werden sie abgemeldet. 408
Bedienstete hat das Lager, 41 Polizisten vom benachbarten Posten sorgen für
Sicherheit, so weit möglich. Explodiert der Kochtopf wieder einmal, müssen
sie Verstärkung holen.
Wie hoch die Kosten sind, weiß nicht einmal der Lagerleiter, nur das
Ministerium (und verrät es nicht). Am 26. Jänner ist wieder Lostag in
Traiskirchen. Bei einem Asylgipfel mit Innenministerin Maria Fekter wird
festgelegt, wie stark das Lager belegt wird – oder ob der Kochtopf
explodiert. Wieder einmal.
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Traiskirchen-Chef Franz Schabhüttl im interview
ÖSTERREICH: Wie viele Personen haben Sie derzeit zu
betreuen? FRANZ SCHABHÜTTL: Aktuell leben 667
Asylwerber bei uns.
ÖSTERREICH: Wie lange ist deren durchschnittliche
Verweildauer? SCHABHÜTTL: Bei einer Erstaufnahme
kann das bis zu 35 Tage dauern.
ÖSTERREICH: Kehren Flüchtlinge auch freiwillig heim? SCHABHÜTTL:
Ja. Dafür haben wir eine Rückkehrberatung eingerichtet. Im Vorjahr
haben sich dafür 300 der Migranten entschieden.
ÖSTERREICH: Wie können sich die Flüchtlinge in ihrer
Freizeit beschäftigen? SCHABHÜTTL: Für die
Kleinsten und ihre Mütter betreiben wir einen betreuten Kindergarten
und eine Jugendgruppe. Erwachsene können Deutschkurse besuchen oder im
Fitnesscenter trainieren. Für einige gibt es auch Jobmöglichkeiten.
ÖSTERREICH: Zur Konfliktvermeidung werden die Ethnien
im Lager getrennt. Und draußen? SCHABHÜTTL:
Dafür sorgt die hohe Polizeipräsenz im benachbarten Posten. 41
Polizisten überwachen unser Lager, die Stadt und ihre Schutzzonen.
ÖSTERREICH: Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es
nicht? SCHABHÜTTL: Kann nicht sein. Die Situation
verbessern können wir aber mit einem dritten Auffanglager. Das halte
ich für unumgänglich.
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