23. November 2008 18:26
Josef Pröll (40) kann kräftig durchatmen. Mission Nummer eins ist erfüllt.
Die von ihm gewünschte rot-schwarze Koalition ist unter Dach und Fach und er
somit Vizekanzler, und das trotz großer Ressentiments in der Volkspartei
gegen eine Wiederauflage der Zusammenarbeit mit der SPÖ. Ob ihm das bei
Mission zwei, der Kür zum ÖVP-Chef, ein Bein stellt, wird man am Freitag
wissen, wenn sich Pröll in Wels den Delegierten zur Wahl stellt.
Schwieriger innerparteilicher Start
Pröll war nach der
Wahlniederlage der Volkspartei am 28. September so eine Art letzte
Personalreserve der ÖVP. Wenn man jemanden den Gang in eine schwärzere
Zukunft zutraute, war es der Landwirtschaftsminister. Wirklich leicht
gemacht hat es ihm die Partei trotzdem nicht. Statt ihn einfach seinen Weg
gehen zu lassen, wurde kräftig gegen seinen Zug in die Regierung
quergeschossen, vor allem von Landesparteien, die sich in der Opposition
oder mit Blau-Orange bessere Zukunftsaussichten für sich erhofften.
Pröll hielt Linie
Der designierte VP-Chef benötigte zwar
einige taktische Verzögerungen in den Verhandlungen, um den kritischen Teil
der Basis bei Laune zu halten, aber er führte dann doch die Volkspartei
äußerst zügig in eine neue Große Koalition neuen Stils. Dass diesmal der
Stil wirklich neu wird, ist nicht unmöglich.
Denn Pröll und Kanzler Werner Faymann verstehen sich nicht schlecht und -
wohl noch wichtiger - beide sind mehr Pragmatiker denn Ideologen. Wichtig
wird für den einen wie für den anderen sein, die jeweils eigenen Reihen
dicht zu halten, auch wenn einmal eine regionale Wahl nicht so läuft wie
erwünscht. Geht alles gut, ist Pröll nicht chancenlos, auch von Platz zwei
aus den ersten Rang im Kanzleramt zu erreichen. Immerhin gibt es die Option,
viele zum BZÖ abgewanderte bürgerliche Stimmen wieder zurückzuholen.
Steiler Aufstieg in der ÖVP
Als er in das zweite Kabinett
Schüssel einzog, war die Überraschung groß. Kabinettchef von seinem
Vorgänger Wilhelm Molterer war er und dann noch der Neffe des
niederösterreichischen Landeshauptmanns Erwin Pröll. Mehr wusste kaum
jemand. Aus dem unbeschriebenen Blatt wurde jedoch vor allem dank einer
cleveren Medienpolitik und einem durchaus vorhandenen Hang zur
Selbstdarstellung rasch eine Art schwarzer Publikumsliebling.
Doch Prölls Weg nach oben war nach dem Anfangsapplaus ein steiniger. Vor
allem Wolfgang Schüssel beobachtete den Emporkömmling mit ständig wachsender
Skepsis. Als sich Pröll mit einem Perspektivenprogramm nach der Wahlschlappe
2006 positionieren sollte und wollte, war es der Altkanzler, der gemeinsam
mit dem konservativsten Parteiflügel liberale Gehversuche wie die
Homo-Partnerschaft zu Fall brachte. Überhaupt ist von den Perspektiven bis
heute kaum etwas umgesetzt.
Mit dem Fall seines einstigen Förderers Wilhelm Molterers war dennoch Prölls
Stunde gekommen. Da die Alternativen fehlten, stimmten auch jene für ihn,
die eine zu starke Machtposition der Pröll-Sippe befürchteten. Zweifler
konnte der Niederösterreicher auch im persönlichen Umgang bekehren. Pröll
gilt bei allem Machtinstinkt, der ihn mit Faymann verbindet, als
bodenständig, humorvoll und gesellig. Überhaupt kommt er im persönlichen
Umgang besser herüber als bei seinen oft einstudiert wirkenden öffentlichen
Ansprachen und Fernseh-Auftritten.
Auch die Medienkontakte des neuen ÖVP-Chefs sind bestens, nicht umsonst
weigerte sich der Landwirtschaftsminister, in der schwarzen
Anti-"Krone"-Wahlkampagne mitzusingen. Und Pröll scheut auch nicht den Tanz
am Society-Parkett. Erst vergangenen Spätsommer ließ er seinen 40er groß mit
Promi- und Medienaufmarsch in Niederösterreich feiern.
Vom Bauernbund ins Vizekanzleramt
Die politische Karriere Prölls
begann im Bauernbund, wo der gebürtige Stockerauer (14.9.1968) nach seinem
Studium an der Universität für Bodenkultur als Wirtschaftsreferent
anheuerte. Pröll arbeitete als Assistent der EU-Abgeordneten Agnes
Schierhuber, war dann Kabinettschef von Molterer und Direktor des Wiener
Bauernbunds, ehe man ihn für höhere Weihen auserkor. Neben der hohen Politik
wäre ihm auch der Weg in den Raiffeisen-Konzern offen gestanden,
Generalanwalt Christian Konrad sieht Pröll als potenziellen Nachfolger.
Vorerst hat sich dieser aber der Familien-Tradition folgend lieber aufs
Politisieren verlegt. Das Landwirtschaftsressort leitete er während der
letzten fünf Jahre souverän, wie man es von Bauernbündlern in Österreich
gewohnt ist. Im Umweltbereich "quälte" er sich deutlich mehr. Vor allem
Österreichs schlechte Klimabilanz versorgte ihn mit einigen
Negativ-Schlagzeilen. So richtig ernst wird es sachpolitisch aber erst
jetzt. Im schwierigen, aber umso bedeutsameren Finanzressort kann der
dreifache Familienvater nun erstmals zeigen, was er wirklich drauf hat.