27. Jänner 2010 15:17
Kein Sparbudget vor den Landtagswahlen - mit diesem Vorsatz geht die Große
Koalition ins Wahljahr 2010. Nachdem Finanzminister Josef Pröll (ÖVP)
bereits am Vortag Verzögerungen beim Budget hatte durchblicken lassen,
bestätigten seine Staatssekretäre am Mittwoch, dass auch der offizielle
Budgetbeschluss ins Jahr 2011 verschoben werden dürfte. Offizieller Grund:
Man will die Verwaltungsreformverhandlungen mit den Ländern abwarten.
Angenehmer Nebeneffekt für die Politik: Gewissheit über allfällige
Sparmaßnahmen oder Steuererhöhungen gibt es erst nach den Landtagswahlen im
Burgenland, der Steiermark und in Wien.
Hellseher Pröll
Eigentlich sollte die Regierung dem
Parlament im Herbst einen detaillierten Budgetplan für das kommende Jahr
vorlegen - so sieht es das seit dem Vorjahr geltende neue Haushaltsrecht
vor. Doch Pröll weiß offenbar bereits jetzt, dass die Zeit dafür nicht
reichen und die Budgetverhandlungen erst im "Spätherbst" abgeschlossen
werden. Der Beschluss des Finanzgesetzes, so bestätigten die
Finanzstaatssekretäre Andreas Schieder (SPÖ) und Reinhold Lopatka (ÖVP) am
Mittwoch, könnte dann Anfang 2011 erfolgen.
Zur Begründung nennt das Finanzministerium die "schlimmste Wirtschaftskrise
seit den 30er Jahren" und daher schwierige Detailverhandlungen mit
Ministerien und Ländern und notwendige Sparmaßnahmen. Einen Vergleich mit
dem Doppelbudget 2009/2010 - damals hatte Pröll den Bundeshaushalt trotz
akuter Wirtschaftskrise binnen weniger Wochen nicht nur für ein, sondern
gleich für zwei Jahre ausverhandelt - lehnt Pressesprecher Harald Waiglein
ab: Beim Doppelbudget 2009/2010 sei der größte Streitpunkt - die
Steuerreform - nämlich schon im Vorfeld geklärt worden. Die Sparmaßnahmen ab
2011 müssten aber erst gemeinsam mit Ländern und Gemeinden vereinbart werden.
Hoher Spardruck und Wirtschaftskrise
Dass die Regierung mit der
Verzögerung nur vermeiden möchte, die Bevölkerung im Wahljahr 2010 mit einer
Debatte über ein Sparbudget zu konfrontieren, wies SP-Finanzstaatssekretär
Schieder im Ö1-Mittagsjournal zurück: "Man kann weder auf Landtagswahlen
noch andere Fragen Rücksicht nehmen. Was gilt ist, zu schauen, wie es mit
der Krise weitergeht." Sein VP-Kollege Lopatka begründete die Verzögerung
mit dem hohen Spardruck und den daher schwierigen Detailverhandlungen mit
den Ministerien.
Über den Haufen geworfen wird mit der Ankündigung der Regierung jedenfalls
der Budgetfahrplan des Parlaments: Dort hätte Pröll gemäß des bereits
beschlossenen Terminplan am 20. Oktober seine Budgetrede halten sollen. Die
Schlussabstimmung war demnach für 19. November - also noch zeitgerecht vor
Jahresende - vorgesehen. Nationalratspräsidentin Barbara Prammer (SPÖ) wurde
von der Verzögerung übrigens nicht informiert. "Bei uns ist diesbezüglich
noch nichts eingelangt", hieß es dazu in ihrem Büro.
Protest von den Grünen
Scharfer Protest gegen die
Vorgehensweise der Regierung kommt von den Grünen. "Den
Budgetbeschlusstermin aus wahltaktischen Gründen zu verschieben kommt gar
nicht in Frage", deponierte deren Budgetsprecher Werner Kogler. Er
befürchtet, dass die Regierung die Wiener Landtagswahl (voraussichtlich am
10. Oktober) abwarten und erst danach "milliardenschwere Kürzungen im
Sozialbereich und die Erhöhung von Massensteuern" präsentieren könnte.
"Budgetwahrheit muss zumutbar sein", forderte Kogler.
Keinen sachlichen Grund für die Verschiebung sieht Wifo-Budgetexpertin
Margit Schratzenstaller (SPÖ). Sie verweist darauf, dass dies bisher nur in
Wahljahren üblich war. Formal möglich wäre ein Beschluss erst im kommenden
Jahr allerdings schon, wie der Chef des Staatsschuldenausschusses, Bernhard
Felderer, am Mittwoch sagte. In diesem Fall würde ein provisorisches Budget
("Zwölftelregelung") die Finanzierung des Staates zumindest für einige
Monate sicherstellen. Für die aktuelle Verschiebung signalisiert er
Verständnis und verweist auf die schleppenden Verwaltungsreformverhandlungen
mit den Ländern. Dass das Budget 2011 aus diesem Titel größere Einsparungen
enthalten wird, glaubt er aber auch so nicht: "Das ist viel zu früh." Es
gehe vielmehr um ein "Streamlining" der Verwaltung über die kommenden fünf
Jahre.