01. März 2010 07:31
Nach dem verheerenden Erdbeben in Chile häufen sich im Katastrophengebiet
die Plünderungen. In Concepcion musste die Feuerwehr sogar zeitweilig die
Bergung von Überlebenden einstellen, weil die Polizei Tränengassalven auf
Menschen abfeuerte, die massenhaft Waren aus einem halb zerstörten
Supermarkt davontrugen. Deshalb wurde ein Ausgangsverbot von 21.00 bis 6.00
Uhr verhängt. Die in Santiago lebenden rund 50 Österreicher sind wohlauf,
berichtete das Außenamt, nach Concepcion habe man allerdings keine
Verbindung. Auch SOS-Kinderdörfer wurden beschädigt.
Ausmaß noch nicht absehbar
Präsidentin Michelle Bachelet
ermächtigte die Streitkräfte, für Recht und Ordnung zu sorgen. Zugleich
wurde das Militär mit der Verteilung von Lebensmitteln, Trinkwasser und
Decken sowie mit der Räumung von Trümmern beauftragt. Die Elektrizitätswerke
wurden aufgerufen, vorrangig in Krankenhäusern die Stromversorgung
wiederherzustellen, um die medizinische Behandlung der Verletzten
sicherzustellen.
Nach jüngsten Regierungsangaben kamen bei dem Beben der Stärke 8,8
mindestens 708 Menschen ums Leben. Das genaue Ausmaß der Katastrophe war
noch immer nicht absehbar, zumal immer neue Nachbeben das Katastrophengebiet
rund 320 Kilometer südlich der Hauptstadt Santiago erschütterten. Diese
brachten viele beschädigte Gebäude endgültig zum Einsturz und lösten bei der
Bevölkerung Panik aus.
Vorwurf an Marine
Der chilenische Verteidigungsminister Francisco
Vidal warf unterdessen der Marine vor, keine Tsunami-Warnung ausgegeben zu
haben. Hafenkapitäne hätten jedoch in Eigenregie Vorkehrungen für eine
riesige Flutwelle getroffen und damit hunderte, wenn nicht tausende Menschen
gerettet, sagte Vidal im Rahmen einer Pressekonferenz.
Mehrere Küstengebiete wurden am Samstag von hohen Wellen getroffen, eine
noch unbekannte Anzahl Menschen fiel ihnen zum Opfer. Die Behörden mussten
später einräumen, dass es sich in der Tat um Tsunami-Wellen gehandelt habe.
Die Marine hat für solche Fälle einen Notfallplan, der es den lokalen
Behörden erlaubt, die Bevölkerung auch ohne amtliche Anweisung zu warnen,
wie Vidal erklärte: "Dank dieses Systems konnten die Menschen trotz des
Diagnosefehlers der Marine alarmiert werden und sich auf Hügel retten."
Zwischen dem Beben und den Flutwellen verstrichen nur etwa 30 Minuten.
Keine weiteren Opfer
Nach dem schweren Erdbeben gab die
Tsunami-Warnzentrale auf Hawaii einen Alarm für 53 Pazifik-Anrainerstaaten
heraus. Allerdings blieben die Auswirkungen dort begrenzt, es wurden keine
weiteren Opfer aus Australien, Tonga, Japan, Russland oder Hawaii gemeldet.
Die zerstörte Küstenstadt Concepcion war auch am Montag weder via Landweg
noch via Telefon erreichbar. Deshalb konnte man im Außenministerium auch
noch nicht sagen, ob bzw. wie viele Österreicher sich dort möglicherweise
aufhalten, berichtete Sprecher Peter Launsky-Tieffenthal. Zu den rund 50
Auslandsösterreichern, die in der Hauptstadt Santiago leben, wurde Kontakt
hergestellt. Alle seien "den Umständen entsprechend wohlauf".
SOS-Kinderdörfer beschädigt
Auch SOS-Kinderdörfer
wurden von den Erdstößen beschädigt. Besonders heftig waren die Auswirkungen
in Bulnes, wo sechs Familienhäuser in Mitleidenschaft gezogen worden sind.
Dort und in den anderen drei SOS-Kinderdörfern der Region gab es weder Strom
noch Wasser. Verletzte waren aber nicht zu beklagen - Kinder, Familien und
Mitarbeiter seien wohlauf, hieß es am Montag in einer Aussendung der
Organisation.
Die EU-Kommission hat indes für die Versorgung der Erdbebenopfer drei
Millionen Euro Soforthilfe bereitgestellt, teilte die zuständige Kommissarin
Kristalina Georgiewa am Montag in Brüssel mit. EU-Kommissionspräsident Jose
Manuel Barroso sprach der chilenischen Bevölkerung sein Beileid aus.