31. Mai 2010 07:01
Die israelischen Streitkräfte haben am Montag einen internationalen
Schiffskonvoi mit Hilfsgütern für den Gazastreifen gestürmt und mehrere
Aktivisten getötet. Nach jüngsten Angaben der Armee wurden neun Aktivisten
getötet. Außerdem seien sieben israelische Soldaten verletzt worden. Einer
von ihnen schwebe weiterhin in Lebensgefahr. Die Armee hatte zunächst von
zehn Toten gesprochen.
Der israelische Fernsehsender Kanal 10 korrigierte seine Angaben zu den
Todesopfern der Erstürmung der Gaza-Flottille. Es seien mindestens zehn
Menschen getötet worden, berichtete der Privatsender am Montag, nachdem er
zuvor 19 Tote und 36 Verletzte gemeldet hatte. Die genauen Opferzahlen waren
jedoch nach wie vor unklar. Eine türkische Nichtregierungsorganisation, die
sich an der Hilfsflotte beteiligte, sprach von mindestens 15 Toten, die
meisten von ihnen Türken.
Die internationale Gemeinschaft reagierte empört, die Türkei berief ihren
Botschafter ab.
Keine Österreicher an Bord
An Bord der Gaza-"Solidaritätsflotte"
waren offenbar keine Österreicher. Nach Angaben des Außenamtssprechers Peter
Launsky-Tieffenthal am Montag gebe es sowohl aus österreichischen wie auch
aus israelischen Kanälen derzeit keinen Hinweis auf die Anwesenheit von
Österreichern auf den Booten. Zuvor hatte es unbestätigte Meldungen gegeben,
wonach auch Österreicher an Bord eines der Schiffe gewesen seien.
Entgegen ersten Informationen haben sich nach Angaben des deutschen
Auswärtigen Amts zehn Deutsche an Bord der Hilfsflotte für den Gazastreifen
befunden. Ein Sprecher sagte am Montag in Berlin, Mitarbeiter der deutschen
Botschaft seien in der israelischen Hafenstadt Ashdod, wo einige der Schiffe
angelangt seien, und "bemühen sich um Zugang". Der
israelische Botschafter sei außerdem im Auswärtigen Amt in Berlin gewesen
und sei "um gründliche Aufklärung des Vorgangs insbesondere zur
Situation der deutschen Staatsangehörigen gebeten" worden, sagte
der Sprecher.
Die beiden deutschen Bundestagsabgeordneten der Linkspartei, die sich auf
dem von israelischen Soldaten gestürmten Schiff "Mavi Marmara" befanden,
sind wohlauf. Das teilte ein Sprecher des Auswärtigen Amtes am Montagabend
in Berlin mit. Auch drei weiteren Deutschen gehe es den Umständen
entsprechend gut. Nach Angaben der Linkspartei sei auch der frühere
Linken-Abgeordnete Norman Paech unverletzt.
Bangen um Mankell
Der schwedische Erfolgsautor Henning Mankell,
der sich an Bord eines der Schiffe des von Israel gestoppten Hilfskonvois
für den Gaza-Streifen befunden hatte, war am Montagabend gemeinsam mit vier
weiteren prominenten Aktivisten aus Schweden in Gewahrsam der israelischen
Armee in der Hafenstadt Ashdod. Das sagte der Pressechef im schwedischen
Außenministerium, Anders Jörle, gegenüber der schwedischen
Nachrichtenagentur TT.
Jörle dementierte Berichte skandinavischer Online-Medien vom Nachmittag,
wonach Mankell bei dem israelischen Angriff verletzt worden sei. Leichte
Gesichtsverletzungen im Tumult an Bord eines der Schiffe habe jedoch der
schwedisch-israelische Künstler Dror Feiler davongetragen, hieß es seitens
des Sprechers.
Laut Ministerium wurden insgesamt neun Schweden von der israelischen Armee
festgenommen. Vier davon befänden sich in einem Gefängnis in Beersheba. Die
fünf, unter denen sich Mankell, Feiler sowie der Grünen-Abgeordnete Mehmet
Kaplan befinden, seien vor die Wahl gestellt worden, Israel mittels "freiwilliger
Deportation" sofort zu verlassen oder ebenfalls ins Gefängnis zu gehen,
sagte der Sprecher.
Widersprüche
Was genau sich in den frühen Morgenstunden im
Mittelmeer abspielte, war unklar. Ein Reporter berichtete von einem der
Schiffe, die Israelis hätten schon geschossen, bevor sie an Bord gekommen
seien. Die israelischen Streitkräfte wiederum erklärten, die Soldaten seien
mit Messern, Eisenstangen und scharfer Munition attackiert worden.
Die israelischen Streitkräfte haben nach Angaben von Ministerpräsident
Benjamin Netanyahu aus Notwehr gehandelt. Die Soldaten seien angegriffen
worden, sagte Netanyahu am Montag nach einem Treffen mit dem kanadischen
Regierungschef Stephen Harper in Toronto. Die Schiffe hätten nach Waffen
durchsucht werden sollen, und das sechste habe bei der Kontrolle nicht
kooperiert.
"Free Gaza"
Die Organisation "Free Gaza",
die den Konvoi zusammengestellt hatte, nannte das israelische Vorgehen "abscheulich".
"Wir sind Zivilisten", sagte Sprecherin Greta Berlin auf Zypern.
Die israelische Marine schleppte bis Montagnachmittag vier der sechs Schiffe
in den Hafen von Ashdod. Das türkische Passagierschiff "Marmara"
mit rund 570 Aktivisten an Bord war zu diesem Zeitpunkt jedoch noch auf See.
Israel hat angekündigt, all jenen den Prozess zu machen, die Soldaten
verletzt hätten. Die anderen Aktivisten sollen ausgewiesen werden. Falls sie
nicht freiwillig das Land verlassen, sollen sie inhaftiert werden.
Empörung in der Türkei
Die Türkei hat am Montag im
UN-Sicherheitsrat die scharfe Kritik an Israel erneuert. Israel habe "jegliche
internationale Legitimität verloren", sagte der türkische
Außenminister Ahmed Davutoglu in New York. Davutoglu warf Israel ein "schweres
Verbrechen unter Missachtung aller Werte, die wir seit der Gründung der
Vereinten Nationen zu verteidigen geschworen haben" vor.
Israels Erstürmung des internationalen Hilfskonvois sei eine "schwere
Verletzung des internationalen Rechts". "In einfachen Worten, das
kommt Banditentum und Piraterie gleich, Mord im Auftrag des Staates".
Ein Staat, der einen solchen Weg einschlage, habe seine Legitimität
verloren, sagte Davutoglu in einer emotionalen Rede im Rat. Der
UN-Sicherheitsrat war am heutigen Montag zu einer Sondersitzung wegen des
israelischen Angriffs auf einen internationalen Schiffskonvoi mit
Hilfsgütern für Palästinenser zusammengekommen.
Ausschreitungen in Paris und Athen
Bei Protesten gegen die
israelische Erstürmung eines Schiffskonvois mit Hilfslieferungen für den
Gazastreifen ist es am Montag in Athen und Paris zu gewaltsamen
Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei gekommen. Vor der
israelischen Botschaft in Athen demonstrierten rund 2.500 Menschen,
Sicherheitskräfte setzten Tränengas und Blendgranaten ein. Einige
Demonstranten warfen Steine und versuchten zum Botschaftsgebäude
vorzudringen. In Paris ging die Polizei mit Tränengas und Pfefferspray gegen
mehrere hundert Demonstranten vor.
An dem Protest in der französischen Hauptstadt beteiligten sich laut Polizei
rund 1.200 Menschen. Sie brachten den Verkehr nahe der israelischen
Botschaft zum Erliegen, viele riefen "Israel, Mörder" und "Wir
alle sind Palästinenser".
Spindelegger bestürzt
Außenminister Michael Spindelegger
(V) zeigte sich bestürzt über die "blutige Eskalation". "Ein
solches Blutvergießen ist schockierend, und ich erwarte mir eine rasche und
lückenlose Aufklärung", erklärte der Außenminister. Der
Generalsekretär für Auswärtige Angelegenheiten, Johannes Kyrle, sei
beauftragt worden, den israelischen Botschafter umgehend einzubestellen und
auf Klarstellung der Situation zu dringen.
Faymann fordert Aufklärung
Bundeskanzler Werner Faymann hat
sich bestürzt gezeigt und die Weiterverfolgung des Friedensprozess
eingemahnt. "Darüber hinaus ist eine umfassende Untersuchung und eine
lückenlose Aufklärung der Vorfälle dringend notwendig",
so der österreichische Regierungschef in einer Aussendung.
Der Bundeskanzler sprach den Angehörigen der Opfer sein Mitgefühl aus. Nach
der gewaltsamen Erstürmung von Booten durch die israelische Armee vor der
Küste des Gaza-Streifens sei die Lage in der Region äußerst ernst. Nun müsse
allen Konfliktparteien daran liegen, die Situation wieder zu deeskalieren.
Österreich setze sich auch als Mitglied des Sicherheitsrates der Vereinten
Nationen in der am Montagabend stattfindenden Sitzung aktiv für ein Ende der
Gewalt ein, so der Bundeskanzler.
Bedauern
Auch in Spanien, Schweden, Frankreich und Griechenland
verlangten die Regierungen Aufklärung von den israelischen Botschaftern.
Italien bedauerte den "Tod von Zivilpersonen", Norwegen sprach von
einer vollkommen inakzeptablen Militärattacke gegen zivile Aktivisten. Der
finnische Außenminister Alexander Stubb zeigte sich "zutiefst
erschüttert". Der französische Präsident Nicolas Sarkozy sagte: "Die
Umstände dieser Tragödie, die die Dringlichkeit eines Neustarts des
Friedensprozesses unterstreicht, müssen vollständig aufgeklärt werden."
Der deutsche Außenminister Guido Westerwelle sagte nach einem Telefonat mit
seinem israelischen Amtskollegen Avigdor Lieberman: "Ich habe darauf
gedrungen, dass es eine umfassende, transparente und neutrale Untersuchung
geben muss über alle Umstände." Nach Angaben des Außenamtes
waren insgesamt sechs Deutsche mit der "Solidaritätsflotte"
unterwegs, darunter zwei Bundestagsabgeordnete der Linkspartei.