Minen-Drama in Chile

Minen-Drama in Chile

Kumpel "könnten Hoffnung verlieren"

Die in 700 Meter Tiefe eingeschlossenen chilenischen Bergleute können nach Expertenansicht lernen, mit ihrer Angst zu leben. "Die Situation ist für die Betroffenen natürlich zunächst maximaler Stress. Aber der Mensch ist glücklicherweise in der Lage, sich nach einiger Zeit an die Angst anzupassen. Sie wird nicht ständig größer, obwohl die Gefahr weiterbesteht", sagte der Angstforscher Borwin Bandelow, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Göttingen, im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa.

"Lügen oft besser"
Auch Panikattacken, zu denen es laut Bandelow bei den Eingeschlossenen immer wieder kommen könne, seien in den Griff zu bekommen. "Notfalls muss man die Menschen durch den Schacht mit Medikamenten versorgen. Benzodiazepine wirken schnell." Zwar könnten diese Mittel abhängig machen, aber das Risiko sei in dieser Extremsituation wohl in Kauf zu nehmen, sagte der Angstforscher.

Allerdings ist es nach Ansicht Bandelows problematisch, dass die Eingeschlossenen erfahren haben, dass es bis zu ihrer Rettung noch Monate dauern wird. "Es könnte passieren, dass sie die Hoffnung verlieren. Aber genau wie bei einigen schwer krebskranken Patienten ist es manchmal besser, nicht die komplette Wahrheit zu sagen, sondern vor allem Positives, Ermutigendes - auch wenn man Gefahr läuft, als Lügner da zu stehen."

"Keine sofortige Traumtherapie"
Wichtig nennt Bandelow die Tatsache, dass die Gruppe offenbar eine Struktur gefunden und einen von allen respektierten Anführer aus der Runde bestimmt habe. "Sonst könnte es zu Konflikten und Meutereien kommen." Nun gelte es für die Eingeschlossenen, den eintönigen, dunklen Alltag zu strukturieren. "Am besten durch Spiele, vielleicht sogar durch Glücksspiele", sagte der Psychiater. Auf diese Weise würden die Stresshormone zumindest phasenweise durch positive Endorphine, Glückshormone, abgelöst. "Diese Schwankungen sind wichtig, sonst kann man auch körperlich krank werden."

Sollten die Bergleute in einigen Monaten wohlbehalten geborgen sein, drohen nach Ansicht des Experten keineswegs jedem anhaltende Probleme. "Nur etwa 15 Prozent sämtlicher Traumata münden in eine sogenannte posttraumatische Belastungsstörung", erläuterte Bandelow. Ausschlaggebend sei die Persönlichkeitsstruktur und auch die Unterstützung durch Familie und Freunde. "Auf keinen Fall sollte man jeden Betroffenen automatisch sofort zur Traumatherapie schicken. Das hat sich in Studien sogar als kontraproduktiv erwiesen." Vielmehr gebe es oft eine Art Programmierung, um Traumata effektiv zu verdrängen. "Die meisten überstehen das extrem gut."

Bohrungen beginnen am Montag
Am Montag soll im Morgengrauen mit den Bohrungen für einen Rettungsschacht begonnen werden. Das Bohrgerät werde derzeit in Position gebracht, sagte der mit der Leitung der Rettungsarbeiten betraute Chefingenieur Andres Sougarret. Er sagte erneut, dass es drei oder vier Monate dauern könnte, um zu den festsitzenden Kumpeln vorzudringen.

Die chilenische Regierung arbeitet nach Angaben von Gesundheitsminister Jaime Manalich derzeit an einem alternativen Rettungsplan, um die Kumpel schneller ans Tageslicht zu holen. Das Vorhaben werde in Kürze vorgestellt, sagte Manalich am Samstag, ohne Einzelheiten zu nennen. Chilenische Medien berichteten, Staatschef Sebastián Pinera dringe darauf, die Bergleute vor dem 18. September zu retten - dann feiert Chile den 200. Jahrestag seiner Unabhängigkeit von Spanien.

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