25. Juli 2010 08:08
Die Massenpanik bei der Loveparade am Samstag im westdeutschen Duisburg hat
mindestens 19 Menschen das Leben gekostet. Diese Zahl nannte ein
Polizeisprecher in der Nacht auf Sonntag. Außerdem seien 342 Verletzte
gemeldet worden - wie schwer ihre Verletzungen waren, blieb zunächst unklar.
Viele tausende Besucher der Techno-Party gelangten in der Nacht ohne weitere
Zwischenfälle nach Hause. Die Katastrophe löste eine Welle von Trauer und
Entsetzen aus. Der deutsche Bundespräsident Christian Wulff forderte eine
rückhaltlose Aufklärung.
Hunderttausende hatten sich am Samstag zu Mittag auf den Weg zum alten
Duisburger Güterbahnhof gemacht. Sie wurden aus zwei Richtung dorthin
geleitet, die Menschenmassen trafen zwischen zwei Tunneln aufeinander, wo
ein gepflasterter Weg zum Güterbahnhof hinaufführt. Nach Zeugenaussagen
entstand dort eine unerträgliche Enge. Menschen versuchten, eine Mauer und
eine Treppe hinaufzuklettern. Als einige von ihnen aus mehreren Metern Höhe
in die Menschenmasse unter ihnen stürzten, brach nach Polizeiangaben Panik
aus. Der Duisburger Bürgermeister Adolf Sauerland (SPD) verteidigte das
Sicherheitskonzept für die Veranstaltung gegen die sofort aufbrandende
Kritik als "stichhaltig".
Party ging weiter
Feuerwehren und andere Rettungsdienste auch
aus dem weiteren Umland starteten einen gigantischen Einsatz. Die am
Partygelände vorbeiführende Autobahn 59, die aus Sicherheitsgründen ohnehin
gesperrt war, wurde zum Anlaufpunkt für Rettungsfahrzeuge und Hubschrauber.
In den Tunnels, in denen sich die Katastrophe abspielte, fuhren noch Stunden
später Notarztwagen mit Blaulicht. Leichtverletzte Loveparade-Besucher
wurden mit Bussen in Kliniken gefahren. Aus Sicherheitsgründen wurde die
Loveparade nicht abgebrochen, um eine weitere Massenpanik zu verhindern.
Später eintreffende Besucher wurden jedoch bereits am Hauptbahnhof
aufgehalten.
Bis nach Mitternacht verließen Leichenwagen den Unglücksort. Die Polizei
hatte das Gelände mit Zäunen und Sichtblenden weiträumig abgesperrt. In der
Nacht kamen erste Trauernde zu dem Tunnel, um ihr Mitgefühl mit den Opfern
zu bekunden. Einige zündeten Kerzen an.
"Lag nicht am Sicherheitskonzept"
Die deutsche
Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigte sich von der Tragödie in Duisburg
geschockt und sagte: "Zum Feiern waren die jungen Menschen gekommen,
stattdessen gibt es Tote und Verletzte." Der Präsident der Europäischen
Kommission, Manuel Barroso, kondolierte zum Tod so vieler Menschen.
Nordrhein-Westfalens neue Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) ließ
sich in der Einsatzleitstelle der Polizei über die Entwicklung unterrichten.
Sie äußerte sich "total betroffen" und sagte, sie fühle
mit den Angehörigen der Gestorbenen und sorge sich um die Verletzten.
Am Sonntag (12.00 Uhr) wollen die Veranstalter und die Stadt auf einer schon
vorher geplanten Pressekonferenz im Duisburger Rathaus über die Vorgänge
berichten. Dabei dürfte die Frage im Vordergrund stehen, ob es richtig war,
bei der Erwartung von mehr als einer Million Besuchern und einem Gelände für
maximal 250.000 Menschen nur einen Zugang anzubieten, der wiederum nur durch
Tunnels erreichbar war. Sauerland sagte bereits: Es "lag nicht am
Sicherheitskonzept, das nicht gegriffen hat, sondern wahrscheinlich an
individuellen Schwächen."
Manche konnten sich gerade noch retten
Der Erfinder der
Loveparade, Dr. Motte, gab den Veranstaltern die Schuld und sprach von einem "krassen
Management-Fehler". "Wie kann man denn Menschen nur durch einen
einzigen Zugang auf das Gelände lassen. Das ist ein Skandal",
sagte der DJ dem "Berliner Kurier". Auch Augenzeugen erhoben
schwere Vorwürfe. Der schmale Tunnel sei "das programmierte Chaos"
gewesen, sagte ein Loveparade-Teilnehmer. Ein Raver berichtete, dass er sich
eine halbe Stunde vor der Massenpanik mit seiner Freundin gerade noch aus
dem Gedränge im Tunnel retten konnte und die Polizei alarmiert habe.
Geschehen sei nichts.
Die Loveparade unter dem Motto "The Art Of Love" gilt als eine der
wichtigsten und größten Veranstaltungen zur "Ruhr.2010"
im Kulturhauptstadtjahr. Die Raver-Parade war 1989 in Berlin gegründet
worden und ist 2007 in Ruhrgebiet gezogen. 2009 hatte die Stadt Bochum kein
geeignetes Gelände gefunden. In Duisburg fand sie erstmals auf einem
abgeschlossenem alten Bahngelände mit nur 15 Wagen, den sogenannten Floats, statt. Dabei musste lange um die Finanzierung gekämpft werden. Die
hochverschuldete Stadt steht unter Haushaltsaufsicht und brauchte für ihre
Ausgaben die Zustimmung des Landes. Im Sommer 2011 soll die Loveparade in
Gelsenkirchen Station machen.
Wohl keine Österreicher unter Opfern
Bisher hat das
Außenministerium in Wien keine Hinweise auf Österreicher unter den Toten.
Das sagte Außenamtssprecher Peter Launsky-Tieffenthal am Sonntag. Auch habe
es bisher weder bei der österreichischen Botschaft in Berlin, noch beim
Außenministerium Anrufe besorgter Angehöriger gegeben.
Ebenfalls keine Hinweise gab es bisher auf betroffene Österreicher unter den
schwerer Verletzten der Tragödie. Die Polizei bzw. das Krankenhauspersonal
habe offenbar die diplomatischen Vertretungen zumindest der schwerer
Verletzten bereits informiert, die österreichische Botschaft sei nicht
darunter gewesen. Allerdings: "Es ist wohl noch ein bisschen zu früh,
Entwarnung zu geben", räumte Launsky-Tieffenthal ein.