11. März 2010 16:44
Mit der Wahl eines engen Vertrauten zum neuen Regierungschef hat Präsident
Viktor Janukowitsch den Machtwechsel in der Ukraine endgültig vollzogen. Das
Parlament in Kiew wählte am Donnerstag den ehemaligen Finanzminister Mikola
Asarow zum Ministerpräsidenten, nachdem die Janukowitsch-Anhänger mit zwei
kleineren Parteien und unabhängigen Abgeordneten eine neue
Regierungskoalition geschmiedet hatten.
Bei der Abstimmung votierten 242 Abgeordnete für Asarow. Der 62-jährige
frühere Finanzminister folgt auf die Julia Timoschenko, die Janukowitsch bei
der Präsidentschaftwahl Anfang Februar unterlegen war und vergangene Woche
nach dem Bruch ihrer Koalition auch als Regierungschefin zurücktrat. In
einer Rede vor dem Parlament versprach Asarow, die Ukraine zu reformieren
und die im vergangenen Jahr um 15 Prozent geschrumpfte Wirtschaft wieder
anzukurbeln. Die Ukraine werde ihre Verpflichtungen gegenüber dem Ausland
erfüllen, und er wolle den Internationalen Währungsfonds sobald wie möglich
zur Wiederaufnahme der Verhandlungen über Finanzhilfen einladen. Ende 2009
waren die Verhandlungen über ein 16,4 Milliarden Dollar (12 Mrd. Euro)
schweres Hilfspaket des IWF ausgesetzt worden.
Er setze darauf, dass der Währungsfonds seinem Land wieder Geld geben werde,
sagte Asarow. Er hoffe aber auch, dass der Fonds dabei die Realitäten der
Ukraine berücksichtige. So müsse das Land bis zum Jahresende umgerechnet 5,5
Milliarden Dollar an Inlandsschulden tilgen, was eine gewaltige
Herausforderung sei.
Seiner Vorgängerin warf Asarow vor, die Ukraine heruntergewirtschaftet zu
haben. Timoschenko wehrte sich in einer Pressekonferenz gegen die Vorwürfe
ihres Nachfolgers. Sie übergebe das Land "ohne eine einzige Kopeke sozialer
Schulden", betonte sie. Nach Ex-Präsident Viktor Juschtschenko ist
Timoschenko die zweite pro-westliche Führungsfigur der Orangenen Revolution
von 2004, die nun die Macht verloren hat.
Russlands Präsident Wladimir Putin gratulierte Asarow zur Wahl und sagte, er
erwarte eine enge Zusammenarbeit und eine Verbesserung der Beziehungen
zwischen beiden Ländern. Unter Timoschenko und Juschtschenko, die eine
Mitgliedschaft in der NATO und der EU angestrebt hatten, hatten sich das
Verhältnis zu Moskau stark verschlechtert.
Kurz vor der Wahl Asarows hatte die im russischsprachigen Osten der Ukraine
verankerte Partei der Regionen von Janukowitsch mit den Kommunisten und dem
Block von Parlamentspräsident Wolodimir Litwin eine neue Koalition gebildet.
Litwin teilte am Donnerstag mit, das Bündnis Stabilität und Reform habe eine
Mehrheit von 235 der 450 Abgeordneten. Für diese Mehrheit war die Koalition
allerdings auf abtrünnige Parlamentarier anderer Fraktionen angewiesen, die
dem Bündnis auf Grundlage eines am Dienstag beschlossenen Gesetzes als
einzelne Abgeordnete beitreten konnten.
Asarow ist gebürtiger Russe und lebt erst seit 1984 in der Ukraine, als
diese noch Teil der Sowjetunion war. Der 62-Jährige leitete das
Finanzministerium während Janukowitschs Amtszeit als Regierungschef und
führte auch dessen Präsidentschaftswahlkampf. Seine mangelnden
Ukrainisch-Kenntnisse machten ihn immer wieder zur Zielscheibe von Kritik
aus dem nationalistischen Lager, allerdings gilt er als gewissenhafter
Wirtschaftsfachmann.
Der neuen Regierungsmannschaft gehört unter anderen der Geschäftsmann Sergej
Tigipko an, der bei der ersten Runde der Präsidentschaftswahl im Januar
hinter Janukowitsch und Timoschenko auf dem dritten Platz gelandet war.
Tigipko soll als Vize-Ministerpräsident für die Wirtschaftspolitik
verantwortlich sein. Zum neuen Außenminister machte Asarow überraschend den
ukrainischen Botschafter in Russland, Kostiantin Grischtschenko, der als
westlich orientierter Politiker gilt. Dies dürfte ein Zeichen an die
Europäische Union sein, dass die unter der Vorgängerregierung begonnene
Annäherung an den Westen nicht durch eine einseitig gen Moskau ausgerichtete
Politik ersetzt werden soll.