12. März 2010 21:41
Hinter den dicken Mauern des Vatikans rumort es. Papst Benedikt XVI. zeigte
sich gestern „erschüttert" über die täglich enthüllten Missbrauchsfälle in
Österreich und Deutschland. Jetzt wird in höchsten Kreisen im Umfeld des
Papstes an einem Grundpfeiler der römisch-katholischen Kirche gerüttelt: Dem
Zölibat.
Seit dem Zweiten Laterankonzil im Jahr 1139 sind katholische Priester zur
„Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen" verpflichtet. Der
brasilianische Kardinal Cláudio Hummes hat jetzt einen streng geheimen
Auftrag bekommen: Er soll einen Plan erarbeiten, wie die Kirche diese
jahrhundertealte Tradition abschaffen kann. Das berichtet die italienische
Tageszeitung La Repubblica.
„Könnte sich als wahre Revolution erweisen"
„Der
Heilige Stuhl hat begonnen, sich über etwas Gedanken zu machen, was sich als
wahre Revolution erweisen und die Katholiken den Protestanten annähern
könnte, deren Geistliche Familien haben können. (...) Der Samen scheint
gesät worden zu sein", schrieb „La Repubblica".
Hummes hatte schon bei seiner Ankunft in Rom im Jahr 2006 gemeint, der
Zölibat sei „kein Dogma". Aber: Die Kirche will sich Zeit
lassen. Insider des Vatikans sprechen von einer Abschaffung „in den nächsten
50 Jahren". Der Geheimplan des Vatikans flog auf, während auch in Österreich
die Diskussion über die Ehelosigkeit von Priestern voll entbrannt ist.
Jetzt spricht sich auch der Salzburger Erzbischof Alois Kothgasser für eine
Diskussion über den Zölibat aus. „Die Kirche muss sich überlegen, wie sie
diese Lebensform weiterpflegen kann oder was sie verändern muss (siehe
Kasten)." Der Wiener Dompfarrer Toni Faber sagt zu ÖSTERREICH: „Eine
Diskussion darüber wäre sicher zu begrüßen."
Schönborn: Missbrauch nicht durch den Zölibat
Aber:
Richtig offensiv wird das Thema Zölibat in Österreich nicht angegangen.
Kardinal Christoph Schönborn wies gestern zurück, dass zölibatär Lebende
eher zum Missbrauch neigen würden als andere. Die Probleme würden „tiefer
liegen".
Allerdings: Mit dem Überdenken des Zölibats könnte die Kirche einer neuen
Flut an Austritten entgegensteuern. In Österreich gab es im Vorjahr mit
53.216 Austritten einen absoluten Rekordwert. Ähnlich viele Unzufriedene gab
es zuvor nur im Jahr 2004, als aus dem Priesterseminar in St. Pölten
homoerotische Fotos und Kussfotos aufgetaucht waren. Damals kehrten 52.177
Katholiken ihrer Kirche den Rücken.
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Erzbischof ganz offen: "Es ist zum Schämen"
Offen wie kein Kirchen-Mann zuvor spricht der Salzburger Erzbischof
Alois Kothgasser über den Zölibat. Immer mehr hohe Würdenträger der
Kirche sind dafür, dass die Ehelosigkeit der Priester überdacht wird.
„In der heutigen Lage der Kirche muss überlegt werden, ob der Zölibat
eine angemessene Lebensform für den priesterlichen Dienst und für die
Ordensleute ist. Die Zeiten und die Gesellschaft haben sich geändert.
Deshalb wird die Kirche überlegen müssen, wie sie diese Lebensform
weiterpflegen kann oder was sie verändern muss.“, sagte Kothgasser im
ORF.
Auf die Frage, ob er sich für die Missbrauchs-Fälle schäme, sagt
Kothgasser: „Ich schäme mich sehr. Ich erfahre immer mehr, wie viel
Leid verursacht worden ist – an Leib und Geist und Seele. Und wie
diese Handlungen schwerwiegend auf die Kinder und Jugendlichen wirken.“
Bei der sehr persönlichen Frage nach seiner eigenen Sexualität
antwortet Kothgasser offen: „Wir hatten eine gute Ausbildung in den
Fragen eines möglichen zu engen Kontaktes mit Jugendlichen. Da hat man
uns immer wieder vorgehalten, daran zu denken, dass man die Kinder
nicht anrühren darf und sich nicht anrühren lassen darf. Dass ab und
zu die Sehnsucht auftaucht, eine Familie zu haben, das ist wohl klar –
auch wenn man ab und zu schönen Menschen begegnet, dann erwacht sicher
etwas, was zu uns Menschen gehört. Das ist doch ganz natürlich.“
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