30. Oktober 2008 16:59
Der Vatikan hat am Donnerstag neue Richtlinien für die Aufnahme ins
Priesterseminar veröffentlicht. Nach den Sex- und Missbrauchsskandalen der
jüngeren Vergangenheit gehe es darum, Kandidaten mit "psychopathischen
Störungen" vom Priesteramt fernzuhalten, erklärte Monsignore Jean-Louis
Bruguès. "Viele tragische Erfahrungen wären vermieden worden, wenn Defekte
früher erkannt worden wären", sagte der Sekretär der Kongregation für das
katholische Bildungswesen, die in der römischen Kurie die Aufsicht über die
Priesterseminare führt.
Die Richtlinien sehen vor, dass bei der Prüfung von Bewerbern für das
Priesterseminar Probleme wie eine "verwirrte oder noch nicht gut definierte"
sexuelle Identität angesprochen werden. Wenn ein angehender Priester
"tiefsitzende homosexuelle Neigungen" zeige, solle seine Seminarausbildung
abgebrochen werden. Kandidaten müssten ein "positives und stabiles Gefühl
der eigenen männlichen Identität" haben und in der Lage sein, ihre
Sexualität mit der Verpflichtung zum Zölibat in Einklang zu bringen.
Die Tests sollen nach Angaben des Vatikans nicht zur generellen Pflicht,
sondern im Einzelfall angeordnet werden, um sicherzugehen, dass der Kandidat
für das Priesteramt qualifiziert ist. Dazu gehöre eine reife und ausgewogene
Persönlichkeit. Allerdings dürften die Kandidaten nicht zu psychologischen
Tests gezwungen werden, bevor sie in ein Priesterseminar einträten. Zudem
müssten die Psychologen von einem christlichen Menschenbild geleitet sein -
vor allem, was die Sexualität und den Zölibat betreffe. Sollte eine Therapie
notwendig sein, dann solle diese vor der Aufnahme ins Priesterseminar
erfolgen, hieß es weiter.
Die Bildungskongregation hatte bereits im Jahr 2005 eine "Instruktion über
Kriterien zur Berufungsklärung von Personen mit homosexuellen Tendenzen im
Hinblick auf ihre Zulassung für das Priesteramt und zu den heiligen Weihen"
erlassen. Darin war festgehalten worden, dass jene Personen nicht für das
Priesterseminar und zur Weihe zugelassen werden können, "die Homosexualität
praktizieren, tiefsitzende homosexuelle Tendenzen haben oder eine sogenannte
homosexuelle Kultur unterstützen".
In den vergangenen Jahren hatten immer wieder Sex-Skandale die katholische
Kirche erschüttert, dabei wurden Hunderte Fälle des Missbrauchs von Buben
durch Priester bekannt. In Österreich erregte besonders der Fall des
Priesterseminars der Diözese Sankt Pölten 2004 großes Aufsehen. Dort waren
auf Computern 40.000 teils pädophile Pornobilder gefunden worden, außerdem
gelangten Fotos von sexuellen Kontakten zwischen Seminarmitgliedern und
Lehrenden an die Öffentlichkeit.
Die katholische Kirche leidet insbesondere in Europa unter Priestermangel.
Papst Benedikt XVI. hat aber erklärt, es sei wichtiger, gute Priester zu
haben als viele.