29. Juli 2008 17:25
Bei einer Protestkundgebung gegen die Auslieferung Radovan Karadzics an das
UNO-Kriegsverbrechertribunal ist es am Dienstagabend in Belgrad zu heftigen
Ausschreitungen gekommen. Dabei wurden laut Innenministerium 74 Menschen
verletzt: 51 Polizisten und 23 Demonstranten seien in die Notaufnahmen der
Stadt eingeliefert worden, wie ein Krankenhaus und die Polizei mitteilten.
Unter den Verletzten waren ein Kameramann des spanischen Fernsehsenders RTE
und ein Journalist der serbischen Nachrichtenagentur Beta. Ein Polizist und
ein Demonstrant mussten demnach stationär behandelt werden, alle weiteren
seien nur leicht verletzt worden.
15.000 auf der Straße
Rund 15.000 Menschen aus ganz Serbien
und dem benachbarten Bosnien waren dem Aufruf der Serbischen Radikalen
Partei (SRS) und anderer nationalistischen Gruppierungen zu der
Demonstration unter dem Motto "Freiheit für Serbien" im
Zentrum der serbischen Hauptstadt gefolgt. Dem ehemaligen
bosnisch-serbischen Präsidenten werden Kriegsverbrechen, Völkermord und
Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Bosnienkrieg 1992 bis 1995
vorgeworfen. Er war vergangene Woche nach 12 Jahren Flucht in Serbien
gefasst worden. Ihm soll in Den Haag der Prozess gemacht werden.
"Danke, dass ihr in so großer Zahl gekommen seid, um zu zeigen, dass
Serbien nicht tot ist", rief Alexander Vucic, Generalsekretär der
ultranationalistischen SRS, der Menge zu. Die Demonstranten forderten
Karadzics Freilassung und beschimpften den pro-westlichen Präsidenten Boris
Tadic in Sprechchören als "Verräter". Sie trugen
Fotografien von Karadzic, sowie vom ehemaligen jugoslawischen Präsidenten
Slobodan Milosevic und dem eigentlichen SRS-Chefs Vojislav Seselj, der sich
als Haager Angeklagter im Tribunalsgefängnis in Scheveningen befindet.
Seselj wandte sich an die Protestierenden mit einem Schreiben, das in
Belgrad verlesen wurde: Man wolle Karadzic jener Institution ausliefern, die
Milosevic ermordet habe, verkündete der Ultra-Nationalist aus seiner Zelle.
Radikale randalieren
Als der amtierende Chef der SRS, Tomislav
Nikolic, zu den Demonstranten sprach, begannen die Jugendlichen zu
randalieren. Nikolic versuchte, die jungen Leute zu beruhigen. "Tut das
nicht Kinder, dafür sind wir nicht hier, wir wollen nicht Belgrad, sondern
Tadic zerstören", rief er den Hooligans zu. Die als gewaltbereit
bekannten Fußballfans hatten ein riesiges Transparent mit Karadzics
Konterfei und Spruchbänder mit Aufschriften wie "Wir töten euch
alle" sowie "Boris Tadic, Serbien bereitet deine Beerdigung vor,
du bist am Ende" bei sich.
Rund hundert Hooligans bewarfen die anwesenden Polizisten mit Steinen,
Flaschen und Brandsätzen. Diese antworteten mit Tränengas und
Gummigeschoßen. Es kam zu heftigen Straßenschlachten. Wie serbische Medien
in der Nacht auf Mittwoch berichteten, hatten die Demonstranten zahlreiche
Geschäfte in der Innenstadt zerstört.SRS-Generalsekretär Vucic beschuldigte
die Polizei eines "übermäßigen Gewalteinsatzes".
Über eventuelle Festnahmen lagen keine Angaben vor. Gegen Mitternacht sei
die Situation unter Kontrolle gebracht worden, erklärte Polizeichef Milorad
Veljovic.
Brandanschlag auf US-Botschaft
Die Behörden hatten sich mit
einem massiven Aufgebot an Sicherheitskräften auf die Kundgebung
vorbereitet. Bereits in der vorigen Woche war es nach der Verhaftung des
mutmaßlichen Kriegsverbrechers Karadzic bei Protestaktionen zu
Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei gekommen. Bei der
letzten Großdemonstration der Nationalisten wegen der
Unabhängigkeitserklärung des Kosovos waren 150.000 Menschen in Belgrad
zusammengekommen. Nach der Kundgebung kam es zu gewaltsamen Ausschreitungen
und einem Brandanschlag auf die US-Botschaft.
Foto: (c) AP