21. Oktober 2009 12:59
Einen Tag nach der Verhandlung des deutschen Verfassungsgerichts ist der Streit
um Hartz IV am Mittwoch neu entbrannt. Sozialminister mehrerer deutscher
Bundesländer setzten sich über Parteigrenzen hinweg für höhere Sätze bei
Kindern ein. Dagegen wurden aus der Wirtschaft Rufe nach weiteren
Einsparungen laut.
Die Karlsruher Richter hatten am Dienstag vor allem über die Frage
verhandelt, ob die niedrigen Hartz-IV-Bezüge für Kinder ausreichen, um das
Existenzminimum abzudecken. Sozialministerinnen von CDU, CSU und SPD setzten
sich nunmehr für eine Anhebung dieser Sätze ein.
Alkohl muss eingerechnet werden
Die Ressortchefin von
Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schwesig (SPD), sagte der "Rheinischen
Post": "Ich gehe davon aus, dass eine gezielte Bedarfsermittlung dazu führt,
dass die Regelsätze für Kinder erhöht werden müssen." Ihr Bedarf müsse
gesondert ermittelt und dürfe nicht länger nur prozentual vom Regelsatz für
Erwachsene abgeleitet werden, in den beispielsweise auch Alkohol
eingerechnet sei.
Auch die bayrische Sozialministerin Christine Haderthauer (CSU) sagte im
Gespräch mit den "Ruhr Nachrichten", Kinder seien keine kleinen Erwachsenen.
Die rein prozentuale Berechnung werde ihrer Lebenssituation nicht gerecht.
Kinder hätten einen flexiblen Bedarf, der in bestimmten Lebensphasen
durchaus deutlich höher liegen könne als der von Erwachsenen, fügte die
derzeitige Vorsitzende der Sozialministerkonferenz der Länder hinzu. Ihre
baden-württembergische Amtskollegin Monika Stolz (CDU) sagte der Zeitung:
"Angesichts der Bedeutung, die der Bekämpfung von Kinderarmut zukommt,
müssen jetzt konkrete Entscheidungen getroffen werden und Taten folgen."
Arbeit lohnt sich nicht mehr
Dagegen warnte das arbeitgebernahe
Institut der deutschen Wirtschaft (IW) vor negativen Folgen für den
Arbeitsmarkt und die öffentlichen Kassen bei einer Anhebung der Sätze. Sein
Arbeitsmarktexperte Holger Schäfer sagte der "Bild"-Zeitung: "Höhere
Hartz-IV-Sätze für Kinder könnten dazu führen, dass sich Arbeit für einige
Familien vergleichsweise weniger lohnt." Der eine oder andere werde seinen
Job aufgeben, weil für ihn die "Stütze" ausreichend sei. Das führe wiederum
zu höheren Kosten für die öffentliche Hand.
Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt rief die künftige deutsche Regierung aus
CDU/CSU und FDP auf, Milliardenbeträge beim Arbeitslosengeld II einzusparen.
Dies ginge ohne Probleme "durch einen wirtschaftlichen Mitteleinsatz", sagte
er gegenüber der "Leipziger Volkszeitung". Dazu bedürfe es aber einer
Effizienzsteigerung bei der Hartz-IV-Verwaltung nach dem Vorbild der Reform
bei der Arbeitslosenversicherung. Einsparungen seien möglich, wenn
konsequent nach Wirkung und Wirtschaftlichkeit gefördert, unwirksame
Maßnahmen abgeschafft und das Instrumentarium insgesamt wesentlich
vereinfacht würden.