Die Polizei scheint nicht mehr Herr der Lage. Rund 4.000 Autonome haben
praktisch das Athener Stadtzentrum eingenommen, berichteten übereinstimmend
griechische Medien. An mehreren Stellen des Stadtzentrums wurden Brände
gelegt.
Zahlreiche Verletzte Dutzende Menschen wurden verletzt. "Hier
herrscht Krieg. Holt uns hier raus", riefen verzweifelte Bewohner aus
dem Zentrum Athens telefonisch um Hilfe.
Weihnachtsbaum brennt Die gewaltbereite Demonstranten
zerstörten, was ihnen in den Weg kam, zündeten zahllose Geschäfte an und
verwandelten das Stadtinnere in ein Flammenmeer, wie ein Reporter der dpa
Deutsche Presse-Agentur vor Ort beobachtete. Selbst der 20 Meter hohe
Weihnachtsbaum der Athener Stadtverwaltung brannte lichterloh.
Alle Bilder der Krawalle:
Einkaufsstraßen und Kolonaki-Platz zerstört Entlang
der drei großen Einkaufsstraßen Panepistimiou, Stadiou und Skoufa sowie rund
um den zentralen Syntagmaplatz brannten nahezu alle Geschäfte. Gewalttätige
Demonstranten erreichten am Abend auch den eleganten Kolonaki-Platz, wo
viele Politiker des Landes wohnen und zerstörten auch dort alle Geschäfte.
Passanten flohen in Panik in alle Richtungen. Die Polizei setzte massiv
Tränengas ein, was aber ohne merkbare Wirkung auf die Randalierer blieb. Die
Feuerwehren wurden an einem Eingreifen gehindert, weil Autonome ihre
Einsatzfahrzeuge mit Brandsätzen attackierten.
10.000 Demonstranten Zuvor hatten rund 10 000 Demonstranten in
der Innenstadt von Athen gegen Polizeigewalt protestiert. Die meist
jugendlichen Demonstranten bemalten große Teile der Panepistimiou-Straße im
Stadtzentrum mit roter Farbe.
"Vergossenes Blut" Die Farbe sollte das vergossene
Blut des jungen Mannes symbolisieren, der am Samstagabend durch eine
Polizeikugel ums Leben gekommen war. Zu der Demonstration hatte die kleine
griechische Partei Bündnis der Radikalen Linken (SYRIZA) aufgerufen.
Weitere Städte betroffen Außer der Hauptstadt und
Thessaloniki (Saloniki) wurden weitere Städte im Norden des Landes sowie die
Inseln Kreta und Rhodos von Krawallen erschüttert. In einer Rede an die
Nation verurteilte der griechische Ministerpräsident Kostas Karamanlis von
der konservativen Nea Dimokratia die Ausschreitungen, bei der bereits
zahlreiche Autos, Geschäfte und Banken demoliert wurden, als "nicht
hinnehmbar".
Zahlreiche Ausschreitungen Bereitschaftspolizisten gingen am
Montag in Athen und Saloniki gegen Demonstranten vor, die mit Steinen warfen
und Mülltonnen anzündeten. Ausschreitungen zwischen Jugendlichen und der
Polizei gab es auch in Veria westlich von Thessaloniki sowie in der
zentralen Stadt Trikala und in Chania auf Kreta.
Keine Beruhigung In Athen waren am Montag immer noch
Demonstranten in zwei Universitäten verbarrikadiert, andere Gruppen
blockierten Straßen und eine Bahnverbindung. In Trikala wurde ein Polizist
bei Auseinandersetzungen mit Demonstranten verletzt, auch dort wurde eine
Bahnlinie unterbrochen. Für Montagabend wurden in fünf Städten, darunter
Athen und Saloniki, weitere Proteste angekündigt.
Tod von 15-Jährigem als Anlass Anlass für die schwersten
Unruhen in Griechenland seit rund zwei Jahrzehnten war der Tod des
15-jährigen Alexandros Grigoropoulos am Samstagabend in Athen. Er gehörte
nach Polizeiangaben zu einer kleinen Gruppe von vermutlich anarchistischen
Jugendlichen, die gegen 21.00 Uhr einen Streifenwagen attackierten. Ein
Polizist gab daraufhin drei Schüsse ab und traf den Jugendlichen tödlich in
die Brust.
Handy-Video zeigt Schüsse Auf Youtube ist ein Handy-Video
aufgetaucht, bei dem man sieht, wie die drei Warnschüsse abgegeben wurden.
Notwehr? Die Beamten machten Notwehr geltend, doch einige
Augenzeugen erklärten griechischen Medien zufolge, die Polizei habe mit
voller Absicht auf die Jugendlichen geschossen. Die beiden in den Vorfall
verwickelten Beamten wurden festgenommen und des Mordes beziehungsweise der
Beihilfe zum Mord beschuldigt. Das letzte Mal wurde in Griechenland 1985 ein
Jugendlicher von der Polizei erschossen. Danach gab es wochenlange Unruhen.
Athens Bürgermeister Nikitas Kaklamanis kondolierte der Familie des Opfers.
Bis auf weiteres würden alle Weihnachts-Feierlichkeiten abgesagt. Auch die
Festbeleuchtung im Zentrum der griechischen Hauptstadt werde vorerst nicht
eingeschaltet, hieß es in einer Aussendung. Außerdem äußerte der Politiker
der Nea Dimokratia Besorgnis über die negativen Auswirkungen, welche die
Unruhen auf das Image der Stadt als Wirtschafts- und Handelsplatz haben
könnten.
37 Beamte verletzt Allein bis Sonntagabend wurden nach
Polizeiangaben 37 Beamte verletzt. Dutzende Banken, Geschäfte und Autos
wurden angezündet. 22 Personen kamen in Polizeigewahrsam oder wurden
festgenommen. Innenminister Prokopis Pavlopoulos und sein Stellvertreter
boten ihren Rücktritt an, Ministerpräsident Karamanlis lehnte dies jedoch
ab.
Karamanlis rief die Bevölkerung am Montag in einer Fernsehansprache zur Ruhe
auf. Es könne nicht geduldet werden, dass "der tragische Vorfall"
in Athen zu solchen gefährlichen Ausschreitungen führe. "Der
Staat wird die Gesellschaft schützen", betonte der Regierungschef.
Staatspräsident Karolos Papoulias schickte ein Beileidstelegramm an die
Eltern des getöteten Jugendlichen, die Polizeigewerkschaft entschuldigte
sich bei ihnen.
Proteste in Berlin Die Zwischenfälle zogen auch im Ausland
Kreise. Etwa 15 Demonstranten besetzten am Montag die konsularische
Abteilung der griechischen Botschaft in Berlin. Aus dem Gebäude am
Wittenbergplatz wurde nach Polizeiangaben ein Transparent gehängt, auf dem
der griechische Staat für den Tod des Jugendlichen verantwortlich gemacht
wird. In London rissen Demonstranten die griechische Fahne vor der dortigen
Botschaft herunter und zogen stattdessen die rot-schwarze Fahne der
Anarchistenbewegung auf.
Foto des erschossenen 15-Jährigen und der Konsulatsbesetzung: (C) Reuters