28. März 2008 19:53
China will die Hinterbliebenen der zivilen Todesopfer von Tibet finanziell
entschädigen. Jede Familie, die bei den Unruhen in der tibetischen
Hauptstadt Lhasa einen Angehörigen verloren habe, solle 200.000 Yuan (etwa
18.000 Euro) erhalten, meldete die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua am
späten Freitagabend unter Berufung auf die Regionalregierung. Verletzte
hätten das Recht auf eine kostenlose medizinische Behandlung. Den Menschen
werde außerdem geholfen, ihre während der Proteste beschädigten Häuser und
Geschäfte zu reparieren oder neu aufzubauen, hieß es weiter.
Nach offiziellen chinesischen Angaben starben bei den Protesten in Tibet 18
Zivilisten und ein Polizist. Die tibetische Exil-Regierung setzt die
Opferzahl weit höher an und spricht von schätzungsweise 140 Getöteten. Das
harte Durchgreifen der chinesischen Behörden gegen die Demonstranten in
Lhasa und die anschließende Abriegelung der Region war von den westlichen
Staaten heftig kritisiert worden. Es führte zudem zu einer Debatte über
einen Boykott der Olympischen Sommerspiele, die die Volksrepublik im August
ausrichtet.
Offener Brief des Dalai Lama
Das Exil-Oberhaupt der Tibeter, der
Dalai Lama, hat in einem Offenen Brief an das chinesische Volk sein
Gesprächsangebot an die Regierung in Peking erneuert und an die dortige
Führung appelliert, sich solchen Gesprächen nicht zu verschließen. Die
jüngsten Unruhen hätten gezeigt, dass eine friedliche und einvernehmliche
Lösung des Tibet-Problems nur im Dialog erzielt werde könne, erklärte der
14. Dalai Lama, Tenzin Gyatso, in dem am Freitag in Neu Delhi
veröffentlichen Schreiben.
Gleichzeitig bekräftigte der Dalai Lama, dass er nicht nach Unabhängigkeit
für Tibet strebe. "Mein einziges Anliegen ist es, das Überleben
der einzigartigen tibetischen Kultur, Sprache und Identität zu sichern."
Kritik an Berichterstattung
Vehement kritisierte der Dalai Lama
die Berichterstattung der staatlichen chinesischen Medien über die jüngsten
Ereignisse in Tibet. "Die trügerischen und verzerrten Bilder können den
Boden für ethnische Spannungen mit unvorhersehbaren Folgen bereiten",
warnte er. An Chinas Staatsführung appellierte er, Fakten sprechen zu lassen
und sich für "Stabilität und Harmonie" im Land
einzusetzen.
Gleichzeitig sprach sich der Dalai Lama erneut dafür aus, die Olympischen
Spiele in Peking zu veranstalten. Als bevölkerungsreichstes Land der Erde,
mit langer Geschichte und reicher Zivilisation sowie als aufstrebende
Wirtschaftsmacht verdiene China die Spiele, so das Exil-Oberhaupt der
Tibeter. Aber die Regierung der Volksrepublik müsse sich den Respekt der
internationalen Gemeinschaft durch die Einhaltung von Prinzipien wir
Freiheit und Rechtsstaatlichkeit im eigenen Land erst verdienen.
Bush und Rudd fordern China zu Treffen auf
US-Präsident George
W. Bush und der australische Ministerpräsident Kevin Rudd haben die
chinesische Führung wegen der Gewalt in Tibet und angrenzenden Provinzen zu
einem Treffen mit dem Dalai Lama aufgefordert. Ein Gespräch mit dem
Exil-Oberhaupt der Tibeter sei im Interesse Pekings, erklärte Bush nach
einem Treffen mit Rudd am Freitag im Weißen Haus. Er habe dies seinem
chinesischen Amtskollegen Hu Jintao bereits in den vergangenen Tagen
deutlich gemacht.
Rudd sagte, es sei "absolut eindeutig", dass es in Tibet
Menschenrechtsverstöße gebe. Der australische Regierungschef, der sich um
engere Wirtschaftsbeziehungen zu Peking bemüht, kündigte an, er werde den
Tibet-Konflikt bei seinem Besuch in China im April zur Sprache bringen. Nach
amtlichen chinesischen Angaben wurden bei Unruhen in Tibet jüngst 22
Menschen getötet, die tibetische Exilregierung in Indien spricht von fast
140 Todesopfern.