11. Juni 2008 14:20
54,7 Prozent der Iren (nach Auszählung von 19 Wahlkreisen) stimmten mit Nein
- wie unter dem frenetischen Jubel der Vertragsgegner im Regierungssitz
Dublin Castle verkündet wurde. Die Stimmbeteiligung betrug 53,1 Prozent. Der
Vertrag, der die jahrelange institutionelle Krise der Union beenden sollte,
kann nur in Kraft treten, wenn alle 27 EU-Staaten ihm zugestimmt haben. 18
EU-Staaten, darunter Österreich, haben in bereits durch ihre Parlamente
ratifizieren lassen.
Barroso: EU soll Ratifizierung fortsetzen
EU-Kommissionspräsident
Jose Manuel Barroso hat sich für die Fortsetzung der Ratifizierung des
Lissabonner Vertrags ausgesprochen. "Die Kommission ist der Auffassung,
dass die verbleibenden Ratifizierungen fortgesetzt werden sollen",
sagte Barroso in Brüssel. Er versucht jetzt das ganze Wochenende lang und
bis zum EU-Gipfel am Donnerstag nächste Woche über Auswege aus der Krise zu
beraten.
Sarkozy fürchtet schwierige Ratspräsidentschaft
Auch
Merkel und Sarkozy sprachen sich für die Fortsetzung des
Ratifizierungsprozesses aus. Sarkozy nannte die Ablehnung durch die Iren
"eine zusätzliche Schwierigkeit". Das Abstimmungsergebnis sei allerdings
eine "politische Realität", sagte der Präsident. "Das irische Volk hat
gesprochen, das müssen wir akzeptieren."
Deutscher Außenminister fordert Irland-Ausstieg
Als mögliche
Option nannte Deutschlands Außenminister Frank-Walter Steinmeier einen
vorübergehenden Ausstieg Irlands aus dem europäischen Integrationsprozess.
Es müsse nun über einen Ausweg aus einer rechtlich nicht einfachen Situation
diskutiert werden, sagte Steinmeier. Dazu könnte gehören, dass Irland einen
Weg für sich findet, "für eine Zeit lang" aus der europäischen Integration
auszusteigen und den Weg freizumachen für das Inkrafttreten des Vertrages
unter den übrigen 26 EU-Mitgliedsländern. Das Nein der Iren bezeichnete
Steinmeier als "herben Rückschlag" für Europa und die Integration Europas
insgesamt.
Lesen Sie hier mehr zu
den internationalen Reaktionen.
EU-Gipfel soll Ergebnis anaylsieren
Es gebe eine "gemeinsame
Verantwortung" aller 27 EU-Staaten. Er erwarte, dass der irische
Premier Brian Cowen das Ergebnis beim EU-Gipfel nächste Woche analysieren
werde. Auch der slowenische Ratspräsident Jansa kündigte an, dass über die
Konsequenzen nächste Woche gesprochen wird.
Irland soll Lösungsvorschläge bringen
Irland soll nach
Ansicht von Barroso selbst Lösungsvorschläge bringen. "Wie
die Lösung aussehen wird, kann ich ihnen jetzt nicht sagen", sagte
Barroso. "Wir dürfen jetzt nicht in eine tiefe Depression verfallen,
wir haben viele andere Problem, die möglicherweise wichtiger für die Bürger
sind."
Der Kommissionspräsident wies Vorwürfe zurück, die EU-Kommission habe die
Vorteile des Lissaboner Vertrags nicht ausreichend beworben. "Wenn es
ein Problem nicht gegeben hat, dann war das ein Informationsproblem",
sagte Barroso. Von den Gegnern seien aber die Befürchtungen der Menschen
ausgenutzt worden.
EU-Ratsvorsitz hält an Vertrag fest
Der slowenische
EU-Ratsvorsitz hat das Nein der Iren zum Vertrag von Lissabon "mit
tiefstem Bedauern" zur Kenntnis genommen. "Trotzdem respektieren
wir den demokratischen Willen der irischen Wähler", teilte
EU-Ratspräsident Janez Jansa am Freitagnachmittag in einer Aussendung mit.
Der EU-Reformvertrag sei aber "unbedingt nötig", damit Europa
effizienter, demokratischer und transparenter werden kann, betonte der
slowenische Premier.
Das sind die
Reaktionen auf das Ergebnis aus Österreich.
Irland ist das einzige EU-Land, das das Volk über den Vertrag von Lissabon
abstimmen ließ. Der Vertrag von Lissabon folgt dem EU-Verfassungsentwurf,
der 2005 an Referenden in Frankreich und den Niederlangen gescheitert war.
Die Iren hatten bereits 2001 den Vertrag von Nizza abgelehnt.
Lesen Sie hier weiter: Dies sind die Konsequenzen aus dem Nein
Damit der EU Vertrag wie geplant Anfang 2009 in Kraft treten kann, müssen
alle 27 EU-Staaten zustimmen. Irland stimmte per Referendum ab - und die
Iren lehnten ab. Daher kann das Regelwerk in der vorgesehenen Form nicht in
Kraft treten. Einen "Plan B" gibt es offiziell zwar nicht, aber
mehrere Optionen liegen auf dem Tisch:
- ZWEITES REFERENDUM IN IRLAND:
Denkbar wäre eine zweite
Volksabstimmung in Irland. Dafür gibt es ein Vorbild: Als der Vertrag
von Nizza 2001 am Nein der Iren scheiterte, legte ihn die Regierung in
Dublin 2002 noch einmal zur Abstimmung vor, diesmal mit Erfolg. Dafür
müsste der Lissabon-Vertrag abgeändert werden, um EU-Skeptikern
entgegenzukommen. Das zum 1. Jänner 2009 geplante Inkrafttreten des
Vertrags würde sich damit voraussichtlich verzögern. Diese Option kann
nur dann greifen, wenn andere europaskeptische Länder wie
Großbritannien und Polen ihre Ratifikation nach dem irischen Nein nicht
auf Eis legen. Ist der Vertrag von allen Staaten ratifiziert, steht
Irland unter Druck, einen Ausweg aus der Krise zu finden. Allerdings
könnten die irischen Vertragsgegner diesmal argumentieren, dass die
EU-Verfassung nach dem Nein in Frankreich und den Niederlanden
ebenfalls fallengelassen wurde.
- EIN NEUER EU-VERTRAG:
Als unwahrscheinlich gilt ein dritter
Anlauf für einen komplett neuen EU-Vertrag. Schon der deutschen
Kanzlerin Angela Merkel gelang es nur unter größten Mühen, den
Lissabon-Vertrag unter deutschem EU-Vorsitz im Juni 2007 gegen Briten
und Polen durchzusetzen. Allerdings galt auch nach dem Scheitern der
EU-Verfassung 2005 ein neuer Reformvertrag zunächst als ausgeschlossen.
- WEITER MIT DEM NIZZA-VERTRAG:
Mangels neuer Grundlage muss
die EU zunächst mit dem Nizza-Vertrag weiterarbeiten, der seit Februar
2003 in Kraft ist. Das Problem: Der Vertrag sieht noch viele nationale
Vetomöglichkeiten vor, was die Arbeit mit 27 EU-Mitgliedern erschwert.
Zudem ist der Einfluss des Europaparlaments begrenzt. Bei jeder neuen
EU-Erweiterung - Kroatien könnte schon 2010 beitreten - müssen die
Stimmrechte der EU-Staaten zudem aufwendig neu ausgehandelt werden. Der
Lissabon-Vertrag sollte in allen Punkten Abhilfe schaffen.
- EUROPA DER ZWEI GESCHWINDIGKEITEN:
Da einstimmige
Entscheidungen im wachsenden Europa schwieriger werden, sehen bereits
die geltenden EU-Verträge die Möglichkeit einer "verstärkten
Zusammenarbeit" vor. Damit können einige Mitgliedstaaten die
Integration vorantreiben, auch wenn sich andere nicht beteiligen
wollen. Dieses "Europa der zwei Geschwindigkeiten" ist
umstritten. Ein Beispiel ist der Schengen-Raum ohne Grenzkontrollen,
dem Großbritannien und Irland nicht angehören, oder auch die gemeinsame
Währungspolitik. Neben Großbritannien verweigern sich auch Dänemark und
Schweden dem Euro, nachdem ihre Bürger in Volksabstimmungen (2000 und
2003) gegen eine Aufgabe ihrer Landeswährungen gestimmt hatten.