Interview
Krebs trifft die ganze Familie: "Auch eigene Gefühle dürfen Platz haben"
Eine Krebsdiagnose verändert nicht nur das Leben der erkrankten Person. Auch für Partner, Kinder, Eltern, Geschwister und enge Freunde beginnt eine belastende Zeit, geprägt von Angst, Unsicherheit und der Frage, wie man den geliebten Menschen am besten unterstützen kann. Dabei geraten die eigenen Gefühle und Bedürfnisse der Angehörigen schnell in den Hintergrund.
Doris Kiefhaber, Geschäftsführerin der Österreichischen Krebshilfe, spricht im Interview darüber, warum Angehörige ihre eigene Belastung ernst nehmen sollten, wann Unterstützung wichtig wird und weshalb niemand versuchen muss, in dieser Situation immer stark zu sein.
Wenn ein Mensch an Krebs erkrankt, richtet sich die Aufmerksamkeit meist auf die Patientin oder den Patienten. Wie sehr sind auch Angehörige von der Diagnose betroffen?
DORIS KIEFHABER: Sehr stark. Eine Krebsdiagnose betrifft meist auch das gesamte familiäre und soziale Umfeld. Angehörige erleben ebenfalls Angst, Unsicherheit und Hilflosigkeit. Gleichzeitig versuchen sie häufig, stark zu sein und die erkrankte Person zu unterstützen. Dabei stellen sie ihre eigenen Bedürfnisse schnell hinten an, was früher oder später zur Überforderung führt. Gerade deshalb ist es wichtig, die Belastung von Angehörigen ernst zu nehmen und ihnen zu vermitteln: Auch die eigenen Gefühle und Grenzen dürfen Platz haben.
Was kann Angehörigen helfen, wenn die Belastung zu groß wird?
KIEFHABER: Zunächst einmal die Erlaubnis, nicht immer funktionieren zu müssen. Angehörige dürfen Angst, Trauer, Wut oder Überforderung empfinden. Es hilft, diese Gefühle nicht wegzuschieben, sondern mit vertrauten Menschen darüber zu sprechen. Ebenso wichtig ist es, konkrete Unterstützung anzunehmen – etwa bei Haushalt, Kinderbetreuung, organisatorischen Aufgaben und vor allem psychoonkologisch.
Können sich auch Angehörige an die Krebshilfe wenden?
KIEFHABER: Selbstverständlich. Angehörige können sich alles, was belastet und Angst macht, von der Seele reden und erhalten konkrete Tipps und Hilfestellungen. Beruflich und privat weiß ich, was es bedeutet, Angehörige zu sein, und auch aus persönlicher Erfahrung appelliere ich an Angehörige: Bitte nicht warten, bis die Überforderung zu groß wird. Kontaktieren Sie uns besser früher als spät: Wer auf die eigenen Kräfte achtet, kann langfristig auch besser für einen geliebten Menschen da sein.