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Was wir uns beim Sex nicht zu fragen trauen: 101 überraschende Antworten

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Was ist normal? Was darf man wünschen? Und was behält man lieber für sich? Die Sexualtherapeutin Ann-Marlene Henning beantwortet in ihrem Buch 101 Fragen rund um Sex – offen, klar und mit Humor.
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Seit "Fifty Shades of Grey" scheint es im Schlafzimmer keine Tabus mehr zu geben. Aber was ist mit den Fragen, über die man selbst mit dem Partner nicht spricht? Ann-Marlene Henning kennt viele davon. In ihrem neuen Buch "Warum hängt der Sack im Alter so tief? – 101 Fragen und Antworten rund um Sexualität" geht die Sexual- und Paartherapeutin den Dingen auf den Grund, die Menschen beschäftigen, aber oft nicht zu fragen wagen. Es geht um Scham und Fantasien, um ungewöhnliche Vorlieben, unerwartete Orgasmen und darum, was wir beim Sex lieber für uns behalten. Henning beantwortet die Fragen klar und mit Humor. Denn gerade da, wo Sexualität persönlich wird, endet die vermeintliche Offenheit schnell. Was ist normal? Was darf man sich wünschen? Und was sagt man besser nicht einmal dem Menschen, mit dem man schläft?

Ann-Marlene Henning 
ist Sexual- und Paartherapeutin und aus TV-Sendungen wie "Make Love" bekannt. © V&R Verlag

Was ist eigentlich normal?

Hinter vielen sexuellen Problemen steckt laut Ann-Marlene Henning die Frage: "Bin ich normal?" Ihre Antwort fällt zunächst schlicht aus: Die meisten Menschen sind es. Auch beim Sex gibt es nicht die eine richtige Anzahl, Dauer oder Variante. Sexuelle Aktivität kann kurz oder lang sein, mit oder ohne Orgasmus – oder auch nicht stattfinden. Ein Quickie kann genauso gut sein wie ausgedehnter Sex. Oft entscheidet die Tagesform: Nach einem stressigen Tag wirkt vielleicht schon der Gedanke an sexuelle Aktivität ermüdend. Aber auch grundsätzlich kann ein Leben ohne Sex in Ordnung sein. Für Singles gilt das ohnehin. In einer Paarbeziehung wird es komplizierter, wenn die Wünsche auseinandergehen. Denn häufig gibt es eine mehr wollende und eine weniger wollende Person. In diesem Fall kann Sex mit sich selbst eine Möglichkeit sein, mit unterschiedlichen Bedürfnissen umzugehen. Entscheidend ist, dass beide mit der Situation zufrieden sind.

Wenn Sex peinlich wird

Was wir über Sex wissen müssen, verrät das neue Buch von Ann-Marlene Henning. © Getty Images/Westend61

Scham gehört für Henning zum menschlichen Zusammenleben und zeigt uns, wenn wir anecken oder gegen Regeln verstoßen. Problematisch wird es dort, wo aus natürlicher Scham eine übertriebene und störende Hemmung wird. Dann beginnen Menschen, ihre eigentlichen Wünsche zu verstecken. Schon in Kindheit und Jugend lernen viele, dass das "Kribbeln da unten" etwas ist, über das man nicht spricht. Sex wird zum Geheimnis, Lust zum Tabuthema. Manche machen beim Sex keinen Laut, weil sie Stöhnen peinlich finden. Dabei ist guter Sex für Henning nicht zwangsläufig laut. Manche genießen Lustgeräusche, andere fühlen sich damit unwohl.

Kopfkino ohne Grenzen

Auch sexuelle Fantasien sind häufig ein Tabuthema. Viele Menschen empfinden ihr erotisches Kopfkino als unangenehm, weil die Vorstellungen nicht gesellschaftskonform sind oder nicht zur eigenen Moral passen. Henning sieht das entspannter: Nicht jede Fantasie muss in die Realität umgesetzt werden. Manche sind genau dort am besten aufgehoben – im Kopf. Andere können tatsächlich Wünsche sein, die sich erfüllen lassen. Wer seine Fantasien mit dem Partner teilen möchte, kann sie zunächst aufschreiben – möglichst konkret und detailreich, wie ein Drehbuch. Danach kann man entscheiden, ob man sie vorliest, austauscht oder nur für sich behält

“Technik wird in meiner Branche übersetzt mit erotischen Fähigkeiten – sie entwickeln sich ein Leben lang.”

Sexualtherapeutin und Autorin Ann-Marlene Henning über sexuelle Begegnung auf Augenhöhe

Was darf Lust alles sein?

Es gibt sexuelle Vorlieben, die für viele Menschen weit außerhalb dessen liegen, was sie sich unter alltäglichem Sex vorstellen. "Rimming" etwa bezeichnet das Spiel mit der Zunge am Analeingang, "Fisting" das Einführen einer Hand vaginal oder anal. Beides gehört laut der Sexualtherapeutin für die meisten Menschen nicht zum alltäglichen Sex. Entscheidend ist für Henning die Grenze zwischen ungewöhnlichen Vorlieben und echten No-Gos. "Es braucht beim Sex in jedem Fall Augenhöhe", schreibt sie. Zustimmung ist für sie ebenso entscheidend wie die Frage, ob jemand dabei in Gefahr gerät. Auch Status- und Machtunterschiede oder emotionale Abhängigkeiten können eine Rolle spielen. Beim Rough Sex stellt sich deshalb ebenfalls die Frage nach den Grenzen. Was für die einen erregend sein kann, ist für andere eine Grenzverletzung.

Das Buch von Ann-Marlene Henning ist um 22 Euro bei V&R erschienen. © V&R Verlag

Die Sache mit der Technik

Wie macht man es eigentlich richtig? Für Henning gibt es beim Sex nicht die eine Methode, die alle immer beherrschen sollten: "Technik wird in meiner Branche übersetzt mit "erotischen Fähigkeiten". Sie sind nicht angeboren, sondern erweitern und entwickeln sich mit jeder neuen sexuellen Begegnung – ein Leben lang." Entscheidend ist, in der sexuellen Begegnung herauszufinden, was beiden gefällt. Das zeigt sich schon beim Küssen. Henning beschreibt Menschen, die beim Küssen einfach ihre eigene Technik einsetzen – etwa als "Kuss-Propeller", bei dem die Zunge unablässig kreist. Das kann gefallen, muss aber nicht. Gutes Küssen bedeutet dagegen Spüren und Sich-Herantasten: mal zuhören, mal antworten, mal die Initiative übernehmen. Auch beim Sex braucht es Kommunikation.

Unerwartete Höhepunkte

Sexuelle Erregung folgt nicht immer den Erwartungen. Manchmal reagiert der Körper auf Bewegungen oder Situationen, die zunächst gar nichts Sexuelles an sich haben. So kann es etwa bei bestimmten Dehnübungen oder beim Yoga zu einem unerwarteten Orgasmus kommen. Henning bezeichnet solche unerwarteten Höhepunkte als Spontanorgasmen. Sie können auftreten, ohne dass jemand bewusst sexuelle Erregung gesucht oder sich gezielt stimuliert hat. Der Körper reagiert dabei offenbar aus eigener Dynamik – und manchmal völlig überraschend.

Die Wahrheit im Bett

Besonders heikel wird es, wenn das, was der Körper tatsächlich erlebt, nicht mit dem übereinstimmt, was der Partner glaubt. Etwa beim vorgetäuschten Orgasmus. Ob das gut oder schlecht ist, hängt für Henning davon ab, was man damit erreichen will. Bekannt ist die Szene aus "Harry und Sally", in der Meg Ryan im Restaurant einen Orgasmus vorspielt. Henning erzählt dazu eine eigene Geschichte aus der Entwicklung ihres Gesellschaftsspiels "Ach, was?!". Bei einem Probespiel wurde die Aussage gezogen: "Ich habe schon einen Orgasmus vorgespielt." Die Antworten lagen anonym vor: zweimal Ja, zweimal Nein. Eine Mitspielerin war überzeugt, natürlich müssten die beiden Frauen Ja gesagt haben.

Doch dann stellte sich heraus: Auch ein Mann hatte einmal einen Orgasmus vorgespielt. Seine Erklärung: Er sei betrunken gewesen und habe gewollt, dass der schlechte Sex aufhört. Das Vorspielen kann allerdings zur Sackgasse werden. Ist einmal vorgespielt worden, wird es schwierig, später zuzugeben, dass die bisherige Reaktion nur eine Performance war. In ihrer Beratung wird genau das manchmal zum Thema. Dann kann die Chance entstehen, aus dem eingeübten Spiel auszusteigen und herauszufinden, was tatsächlich gefällt. Eventuell hat "Fifty Shades of Grey" die Schlafzimmer tatsächlich tabuloser gemacht. Nur: Über das, was uns wirklich beschäftigt, können wir offenbar noch immer nicht so offen sprechen. Gut, dass wir dann wenigstens bei einer Sexualtherapeutin nachlesen können.