Angst vor hartem Brexit

"Flash Crash": Pfund stürzt binnen Minuten ab

07.10.2016

Die Bank of England untersucht den Kursverfall.

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© Symbolbild/Getty Images
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Massenhafte Verkäufe beim Pfund Sterling haben in der Nacht zum Freitag zu einem dramatischen Einbruch von knapp zehn Prozent bei der britischen Währung geführt. Börsianer sprechen von einem "Flash Crash", einem durch den automatischen Computerhandel ausgelösten Absturz. Ein Sprecher der Bank of England kündigte an, die Kursbewegung überprüfen zu wollen.

Die Angst vor einem sogenannten harten Brexit, also ein EU-Austritt ohne freien Zugang zum europäischen Binnenmarkt, könnte Experten zufolge das Pfund in nächster Zeit weiter drücken.

Angespannte Stimmung

Kurz nach Beginn des asiatischen Geschäfts rauschte der Kurs innerhalb weniger Minuten auf einigen Handelsplattformen um mehr zehn Prozent von 1,2600 Dollar auf knapp unter 1,14 Dollar. Wenig später hatte die Währung den Verlust zur Hälfte wieder wettgemacht und erholte sich im Handelsverlauf weiter. Doch die Stimmung blieb angespannt. Gegen Mittag lag das Pfund 2,5 Prozent im Minus bei 1,2300 Dollar.

"Es gab gar keinen unmittelbaren Grund für das Pfund Sterling, eine solch dramatische Bewegung zu machen", sagte ein Händler. "Das war sogar größer als das, was wir unmittelbar nach dem Brexit gesehen haben."

"Opfer der digitalen Welt"

Als das Pfund nach unten wegbrach, könnten weitere technische Algotrader mitgezogen haben, was zu dem schnellen und scharfen Kursverfall geführt hat, sagten Analysten. "Das Pfund ist ein Opfer unserer digitalen, von Schlagzeilen beherrschten Welt geworden", sagte Kathleen Brooks von Forex.Com. "Für das Pfund sind die Algotrades die moderne Version eines George Soros geworden." Der Milliardär Soros wurde in den 90er Jahren mit millionenschweren Wetten gegen die britische Währung bekannt.

Von Computern gesteuerte Handelsprogramme gewinnen an den Märkten immer mehr an Einfluss. Die sogenannten Algotrades reagieren mit atemberaubender Geschwindigkeit auf Schlagzeilen und Daten und bringen mit ihren Orders die Kurse von Unternehmen, Branchen und Märkten ins Rollen. Basierend auf einer oft sehr komplexen Anlagestrategie entscheiden die Programme quasi per Autopilot über den Verkauf und Kauf von Aktien.

Devise stark unter Druck

Ohnehin ist das Pfund Sterling angeschlagen: Seit Juni, als die Briten für den Ausstieg aus der Europäischen Union (EU) gestimmt hatten, steht die Devise stark unter Druck. Die Angst vor verhärteten Fronten zwischen den Verhandlungspartnern über die Ausgestaltung des Brexit schürte die britische Premierministerin Theresa May vergangenes Wochenende mit ihrer Ankündigung, den Brexit-Antrag bis spätestens Ende März zu stellen. "Ich glaube, wir haben unterschätzt, wie viele Marktteilnehmer sich für einen weichen Brexit positioniert hatten oder gar keinen", sagte Stratege Sean Callow von Westpac. "May könnte die Marktbereinigung gerade erst gestartet haben." Die Analysten von HSBC sehen das Pfund bis Ende 2017 auf 1,10 Dollar fallen und auf Parität zum Euro.

"Harter Brexit"

Für Unruhe sorgten am Donnerstagabend Kommentare des französischen Präsidenten Francois Holland, der ebenfalls für einen harten Kurs der EU in den Verhandlungen mit den Briten warb. "Die Briten wollen raus, aber sie wollen nicht zahlen. Das ist nicht möglich", sagte Hollande in einer Rede in Paris. Die Briten hätten sich für den Austritt entschieden, "tatsächlich - wie ich glaube - einen harten Brexit." Die EU müsse nun hart bleiben, um ihre Prinzipien nicht infrage zu stellen.

Viele Experten fürchten ein Abgleiten der britischen Wirtschaft in eine Rezession. Die britische Industrie hatte nach dem ersten Brexit-Schock dank des schwächeren Pfunds zuletzt aber viel Boden gutgemacht. Um die Folgen für die britische Wirtschaft abzufedern, müsste das Pfund noch weiter deutlich abwerten, sagte Devisen-Analyst Jeffrey Halley vom Broker Oanda.

 

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