BAWAG-Prozess

Ruth Elsner attackiert Gerichts-Gutachter

13.09.2012

Ehefrau von Helmut Elsner: Steurer nimmt kardiologischen Zwischenfall in Kauf.

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Der im zweiten BAWAG-Strafprozess angeklagte Ex-BAWAG-Chef Helmut Elsner ist am vergangenen Dienstag erneut an der Lunge punktiert worden, sagte sein Anwalt Andreas Stranzinger bei der Verhandlung am Straflandesgericht Wien am heutigen Donnerstag. Dabei wurden ihm 1,5 Liter Wasser abgepumpt, neue Befunde legte Stranzinger nicht vor. Richter Christian Böhm vertagte die Verhandlung auf morgen, Freitag. In einer kurz danach stattfindenden Pressekonferenz attackierte die Elsner-Verteidigung das Gericht und den medizinischen Sachverständigen Günter Steurer. Ehefrau Ruth Elsner warf Steurer vor, einen kardiologischen Zwischenfall im Gerichtssaal in Kauf zu nehmen.

Hintergrund ist, dass Steurer Elsner in seinem jüngsten Gutachten datiert mit 9. September 2012 für verhandlungsfähig erklärt hat. "Nach den vorliegenden Befunden ist der Gesundheitszustand des Angeklagten als stabil zu beurteilen und es liegt keine krankheitsbedingte Pflegebedürftigkeit vor. Herr Helmut Elsner kann den täglichen Belastungen des Lebens normal ausgesetzt werden und es besteht, mit der in der Medizin möglichen Sicherheit, keine akute Gefahr für Leib und Leben des Angeklagten. Herr Helmut Elsner ist daher transport- und verhandlungsfähig", resümiert Steurer.

Privatgutachten
Ein Arzt alleine könnte bei einem kardiologischen Zwischenfall im Gericht gar nichts ausrichten, erklärte sie unter Hinweis, dass Steurer möglicherweise bei der Befragung anwesend sein könnte. Frau Elsner warf Steurer erneut Befangenheit vor. Außerdem kritisierte sie zum wiederholten Male, dass sich in dieser Republik niemand um das verschwundene Vermögen des mitangeklagten Spekulanten Wolfgang Flöttl kümmere. Dass man medizinische Privatgutachten in Auftrag gebe, erklärte sie damit, dass es keine so guten Gerichtssachverständigen gebe. Man sei gezwungen, diesen Weg zu gehen.

Bisher sei man mit allen Befangenheitsanträgen abgeblitzt, gestand Elsners Anwalt Jürgen Stephan Mertens ein, allerdings könnte man jederzeit wieder einen stellen. Die Elsner-Verteidigung vermutet, dass vom Richter erheblicher Druck auf den Sachverständigen ausgeübt werde, um Elsner Verhandlungsfähigkeit zu attestieren. Auf die Frage, ob es in Bad Reichenhall bessere Ärzte als im Wiener AKH gäbe, meinte Mertens, dass Bad Reichenhall ein spezieller Kurort für Lungenerkrankungen sei und Elsner schon mehrmals Wasser aus der Lunge abgepumpt wurde.

Herzchirurg kritisiert Gericht
Der ebenfalls bei der Pressekonferenz anwesende Herzchirurg Manfred Deutsch kritisierte vor allem das Vorgehen des Gerichts bzw. die Arbeit des Gutachters. Deutsch zufolge würden die drei Bypässe, die Elsner eingesetzt wurden, nicht mehr funktionieren. Er habe mit Erlaubnis von Richter Böhm mit dem Sachverständigen Steurer dreimal telefoniert. Danach habe Steurer im Gutachten im August seine Diagnose übernommen, dass die Bypässe nicht funktionierten. Zuvor hatte Steurer angeführt, dass ein Bypass verschlossen, die anderen zwei aber in Ordnung seien, schilderte Deutsch heute vor zahlreichen Journalisten das Misstrauen gegen den Gerichtsgutachter. Er habe sich gefragt, wie ein so gut ausgebildeter Kardiologe "zu dieser Fehldeutung der Befunde kommen kann". Für ihn sei die Antwort klar: Er (Steurer) habe die Befunde einfach nicht gesehen.

Dass Steurer Anfang dieser Woche Elsner dennoch Verhandlungsfähigkeit aus "einer sicheren Entfernung" von mehreren hundert Kilometern attestiert habe, kann Deutsch nicht nachvollziehen. Das Herauspumpen von 1,5 Liter Wasser aus der Lunge sei für Mediziner "ein Extremwert". Mit so viel Wasser in der Lunge könne jemand kaum gehen bzw-. Stiegen steigen. "Wenn die Justiz so weitergeht, dann wird sie derart blamable Flops weiter produzieren", ist sich Deutsch sicher.

Der behandelnde Arzt von Elsner in Bad Reichenhall will nun nach vier Wochen die Lunge wieder kontrollieren, bis dahin ist Elsner nach Ansicht von Deutsch verhandlungsunfähig. Er geht davon aus, dass es aber sechs bis acht Wochen dauern könnte, bis sich Elsners Gesundheit stabilisieren werde. "Dann könnte Elsner jenen Zustand erreichen, den ihm Steurer seit Wochen unterstellt", so Deutsch heute.

Elsner-Anwalt Stranzinger beklagte sich bei Journalisten, dass Steurer seinen herzkranken Mandanten bisher gar nicht persönlich untersucht hätte. In der Verhandlung am vergangenen Montag habe Steurer auf eine entsprechende Frage nicht geantwortet. Auf Nachfragen von Journalisten wich auch der Herzchirurg Deutsch der Frage aus, wann er Elsner klinisch untersucht hätte. Er habe sich ein persönliches Bild vom Patienten im Juni gemacht, als dieser in Tirol war. Dazu habe er auf die Befunde der behandelnden Ärzte zurückgegriffen und ein persönliches Gespräch mit Elsner geführt.


 
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