In ganz Europa
"Single Bahnticket": EU will Zugfahren revolutionieren
13.05.2026Reisende sollen nach Vorschlägen mit einem einzigen Ticket mehrere Bahnbetreiber nutzen können
Die EU-Kommission will das europaweite Bahnfahren einfacher machen: Am Mittwoch in Brüssel präsentierte Vorschläge sollen Planung und Buchung von Fern- und grenzüberschreitenden Reisen, insbesondere mit der Bahn, vereinfachen. Denn trotz EU-Binnenmarkt klagen viele Reisende immer noch über Hindernisse, und können nicht mit einem einzigen Ticket ohne komplizierte Buchungen durch ganz Europa reisen. Dieses "Single Ticketing" soll mit den Vorschlägen Wirklichkeit werden.
Die Buchung von Zugreisen mit mehreren Etappen und Fahrkarten verschiedener Unternehmen könne sich als komplex erweisen, was vor allem auf die uneinheitlichen Buchungssysteme und die sehr starke Marktpräsenz bestimmter Bahnunternehmen zurückzuführen sei, so die EU-Kommission in einer Aussendung. Auch der Fahrgastschutz sei bei Zugreisen, bei denen mit Tickets verschiedener Bahnunternehmen gefahren wird, begrenzt. Darum will die Brüsseler Behörde den EU-Bahnmarkt transparenter und zugänglicher machen.
Eurobarometer: Ein Viertel hat Probleme bei Buchungen
In einer Eurobarometer-Umfrage gab Anfang April ein Viertel der Befragten an, Schwierigkeiten bei der Buchung von Tickets mit mehreren Anbietern zu haben, und 43 Prozent buchen diese Reisen demnach überhaupt nicht. In Zukunft sollen Reisende auch mit mehreren Bahnen wie ÖBB, Deutsche Bahn oder Trenitalia mit einem einzigen Ticket durchgehend fahren können. Das Ticket sollen sie beim Bahnunternehmen selbst oder einer Ticketplattform erwerben können, wo sie die Leistungen der verschiedenen Beförderer auch vergleichen und kombinieren können.
Die Kommission will alle Online-Ticketplattformen verpflichten, Angebote neutral und transparent darzustellen. Bahnunternehmen müssen ihre Tickets Online-Plattformen zur Verfügung stellen, die diese verkaufen möchten. Sie müssen wiederum Fahrscheine für Verbindungen anbieten, die von anderen Eisenbahnunternehmen betrieben werden. Die Kommission erhofft sich davon auch günstigere Bahntickets und eine Ankurbelung des Bahnverkehrs. Denn bisher gehörten die größten Online-Ticketdienste den Bahnunternehmen selbst, und diese hätten ein Interesse daran, die Sichtbarkeit ihrer Konkurrenten einzuschränken.
Voller Anspruch auf Fahrgastrechte
Auch bei Problemen soll den Passagieren besser geholfen werden: Bei verpassten Anschlüssen auf Bahnstrecken, die von mehreren Betreibern bedient werden, sollen mit einem Single Ticket reisende Fahrgäste auch vollen Anspruch auf ihre Fahrgastrechte haben, wie Anspruch auf Entschädigung, Umbuchung auf andere Züge und, wenn das nicht möglich ist, auch auf Übernachtung und Verpflegung. Auch bisher sei dies zwar schon in Vereinbarungen zwischen Bahnunternehmen geregelt, aber nicht verpflichtend, so ein Kommissionsbeamter. Die entstandenen Kosten übernehmen müsste dann der für die Verspätung oder den Ausfall verantwortliche Beförderer.
Die Kommission sieht in ihrem Paket aber nicht nur Vorteile für Kundinnen und Kunden, sondern auch für Bahnunternehmen: Kleinere Anbieter sollten in Zukunft faire Vereinbarungen mit führenden Online-Plattformen treffen können, die klare Regeln in ihren Geschäftsvereinbarungen einhalten müssen. Billigere Bahnfahrkarten und bessere Fahrgastrechte sollten die Bahn zu einem attraktiveren Verkehrsmittel machen. Dies würde den Bahnunternehmen mehr Fahrgäste bringen, so die Kommission.
Damit die Vorschläge der Kommission umgesetzt werden, müssen die EU-Länder und das EU-Parlament zustimmen. Der zuständige Kommissionsbeamte sagte, er erwarte sich, dass die Vorschläge rasch in Kraft treten könnten, da es keiner langwierigen Vorarbeiten und Vorbereitungen bedürfe. Unabhängig von etwaigen Vereinbarungen müssen innerhalb von 12 Monaten nach Inkrafttreten der Verordnung alle Online-Fahrkartendienste für den Schienenverkehr alle verfügbaren Schienenverkehrsdienste anzeigen, die in ihrem Land betrieben werden, und diese in ihre Suchergebnisse integrieren.
EU-Abgeordnete Kircher und Westbahn begrüßen Initiative
"Single Ticketing ist für Reisende, was der Wegfall der Roaming-Gebühren beim Mobilfunk war. Es bringt unmittelbar spürbare Vorteile für die Menschen in Europa. Beim Bahnfahren in Europa wird es bald heißen: Ein Klick, ein Ticket, ein Europa. Das bringt mehr Nachfrage, mehr Angebot, günstigere Preise für Zugtickets und damit einen Boom für internationale Zugreisen in Europa. Die Zahl der Bahnreisenden auf der Langstrecke könnte um mehr als 40 Prozent steigen", sagt Sophia Kircher, ÖVP-Verkehrssprecherin im Europaparlament und stv. Vorsitzende des Verkehrsausschusses.
"Bahntickets zu buchen muss so einfach werden wie Musikstreaming: eine Plattform, alle Anbieter, volle Flexibilität. Ein anbieterübergreifendes Ticketing wäre ein Meilenstein für Reisende in ganz Europa", begrüßt Westbahn-Geschäftsführer Thomas Posch die Ankündigung in einer Aussendung. "Es braucht eine rasche Umsetzung, damit bestehende Hürden beim Ticketing endlich verschwinden. Mehr Transparenz, einfachere Buchungen und faire Wettbewerbsbedingungen stärken Innovation, Qualität und die Attraktivität der Schiene."