Der Mann hinter der Maske

Wurst: "In meiner Brust schlagen zwei Herzen"

15.09.2013

Auf der Bühne ist sie Conchita Wurst, daheim der ruhige Tom Neuwirth.

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© TZ Österreich / Singer
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Pechschwarzes langes Haar, Vollbart, Endlosbeine in High Heels: So eroberte Conchita Wurst vor zwei Jahren die heimische Showbühne. Mittlerweile ist „die Wurst“ längst Kult in Österreich. Ab Mai will sie in ganz Europa für Aufmerksamkeit sorgen: Der ORF hat sie fix als Starterin für den Song Contest 2014 nominiert.

Zweiter Anlauf
Für die „rassige Kolumbianerin“ geht damit ein Traum in Erfüllung – auch wenn es aufgrund ihres Engagements vor allem auf Facebook heftige Kritik hagelte. Conchita: „Hier plustern sich eben manche auf und spielen ihren Nationalstolz hoch.“ Ihrem Einsatz für mehr Toleranz (mehr dazu auf www.conchitawurst.com) werde das aber keinen Abbruch tun.

Realität und Fiktion
Fakt ist: Conchita wurde erst geboren, um dem Sänger hinter der Maske eine noch stärkere Stimme zu geben. Denn hinter der Kunstfigur Wurst steckt im realen Leben der 24-jährige Sänger Tom Neuwirth. 2006 trat er bei Starmania erstmals ins Rampenlicht und wurde Zweiter. Neuwirth zog sich daraufhin lange vollkommen aus der Öffentlichkeit zurück – um mit neuer Optik und neuem Namen 2011 in der ORF-Show Die große Chance über Nacht österreichweit zum Star zu werden. Tom Neuwirth kann hingegen vollkommen ungeschminkt und unerkannt durch Österreich laufen und erklärt: „Ich kann jedem nur ein Alter Ego empfehlen, weil man alles ausleben kann, was Spaß macht.“ Die Wurst in sich wird er dann am Dienstagabend (17. September) wieder auspacken: Da tritt Conchita in Willkommen Österreich (22 Uhr, ORF 1) an, um ihre Scharfzüngigkeit zu beweisen.

Die Wurst fährt zum Song Contest. Das finden nicht alle gut, kränken Sie die Attacken auf Facebook?
Conchita Wurst:
Schon als ich erstmals als Wurst auf der Bühne der Großen Chance stand, war mir das bewusst, dass ich polarisiere. Jetzt plustern sich manche Menschen auf und spielen ihren Nationalstolz hoch, obwohl sie der Song Contest doch eigentlich gar nicht interessiert. Aber meine Philosophie ist: Man muss sich seinem Schicksal beugen – alles im Leben hat eben seinen Sinn.

Haben Sie nicht Angst, der Contest könnte ein Sprungbrett in den Abgrund werden? Die Kritik, wenn man scheitert, ist enorm.
Wurst:
Aber wo soll ich denn hinspringen? Ich habe ja noch keine Platinplatten oder Grammys bei mir zu Hause. Ich kann nur gewinnen, denn es ist die Bühne, auf die ich schon mein Leben lang wollte.

War es der beste Moment in Ihrem Leben, als die Wurst geboren wurde?
Wurst:
Das kann man wohl so sagen! Aber es war eine lange Geburt, denn ich habe intensiv an der Figur gebastelt. Aber als sie dann erstmals auf der Bühne stand, war das die Vollendung. Seither hat sie die Berechtigung auf ein eigenes Leben, einen eigenen Lebenslauf und eine eigene Geschichte.

Wie ist die Wurst, wenn sie sich abgeschminkt hat, ohne Make-up?
Wurst:
Dann ist sie ruhiger, entspannter und trägt keine hohen Schuhe …

Und wird auf der Straße nicht erkannt?
Wurst:
Genau das liebe ich. Ich wollte ja schon immer in der Öffentlichkeit stehen. Aber 2007, als ich als Tom Neuwirth bei Starmania aufgetreten bin, konnte ich mit dieser Öffentlichkeit nicht umgehen. Ich konnte mich zwar als 18-Jähriger damals schon gut in der Glitzerwelt bewegen. Aber ich habe nicht verstanden, warum Menschen auf der Straße von mir Fotos machen wollten, mich angesprochen haben, so viele private Dinge von mir wissen wollten. Ich habe dann jahrelang nichts gemacht, um dem zu entkommen. Aber Tom hatte Blut geleckt: Wenn man einmal im Showbiz ist, kann man nie wieder zurück. Es ist wie eine Droge, von der man nie mehr loskommt. Aufgrund der Intoleranz, die ich damals erfahren habe, habe ich dann eine Figur, die Frau Wurst, erschaffen, die etwas zu sagen hat, das ich als Tom nie hätte sagen können. Seither schlagen in meiner Brust zwei Herzen: das von Tom und das von Conchy. Jedes Herz hat seine Berechtigung. Es geht so weit, dass auch Freunde und Familie, wenn ich geschminkt vor ihnen stehe, so wie ich eben jetzt bin, Frau Wurst zu mir sagen. Es geht um Respekt vor einem Menschen. Und ich fordere den Respekt, wenn ich als Frau Wurst auftrete, dass man mich als solche anspricht.

Endet das nicht in Schizophrenie?
Wurst:
Nein, denn wir verschmelzen ganz einfach. Und wir lernen voneinander. Wenn ein Wurst-Tag ist, dann sagen alle nur Frau Wurst zu mir. Ich, die Wurst, habe den jungen Mann, den Tom, auch noch nie gesehen. Er hat mir noch nie die Hand geschüttelt. Im Spiegel verpassen wir uns ständig – um Haaresbreite. Letztlich kann ich jedem ein Alter Ego empfehlen, weil es wahnsinnig viel Spaß macht und weil man alles ausleben kann, was man sich jemals gewünscht hat. Ich erzähle so oft von Kolumbien, wo Frau Wurst ja herkommt, dass ich selbst schon alles glaube, obwohl ich noch nie dort war.

Nervt Sie das langwierige Schminken?
Wurst:
Nein, ich freue mich darauf. Wenn ich mich längere Zeit nicht stylen kann, weil es keinen Grund gibt, die Wurst auszupacken, dann fehlt mir das.

Sie kommen aus einem kleinen Ort in Oberösterreich. Was hat Ihre Familie gesagt, als Sie erstmals als Frau Wurst aufgetreten sind?
Wurst:
Meine Eltern wussten vorher nicht, dass ich so auftrete, und als wir telefoniert haben, hat meine Mutter gesagt: Na, was hast du dir da wieder einfallen lassen. Sie hat das positiv gemeint, denn meine Eltern haben mich immer unterstützt. Meine Großmutter, sie ist 76 Jahre alt und sehr modern, liebt es, mit mir über Schuhe zu reden oder mir beim Schminken zuzusehen.

Sind Sie je im Gasthaus Ihres Vaters als Wurst aufgetreten?
Wurst:
Also nein, das wäre nicht passend. Zu Hause bin ich Tom.

Als Frau Wurst sind Sie verheiratet. Hat Tom denselben Partner?
Wurst:
Nein. Frau Wurst ist glücklich in einer Beziehung und Tom ist glücklicher Single.

Wie einsam wird Herr Wurst jetzt sein, immerhin wartet jede Menge Arbeit bis zum Song Contest?
Wurst:
Ja, meine Gesangstrainingsstunden werden sich verzehnfachen, ich werde trainieren und hart an mir arbeiten, um am Tag X beim Contest an nichts mehr denken zu müssen und nur noch genießen zu können.

© Reuters

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