Mexiko-Geste

Spanien-König sorgt für Mega-Aufreger

25.03.2026

Nach der Entführung von Venezuelas Präsidenten Nicolás Maduro durch die USA und Donald Trumps jüngsten Drohungen gegenüber Kuba rückt Lateinamerika wieder ins Zentrum geopolitischer Spannungen. 

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Genau in diesem Moment meldet sich Spanien mit einem ungewöhnlichen Schritt zu Wort.

Es waren Worte, mit denen niemand gerechnet hatte. Vergangene Woche gestand König Felipe VI. beim Besuch einer Ausstellung über indigene Frauen in Mexiko im Madrider Nationalmuseum für Archäologie ein, es sei bei der Eroberung Mexikos im 15. und 16. Jahrhundert durch die spanische Krone zu Verbrechen und Übergriffen gekommen.

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Spaniens Monarch gab gegenüber dem mexikanischen Botschafter beim Rundgang durch die Ausstellung zu, es habe bei der spanischen Eroberung Lateinamerikas "viel Missbrauch" und "ethische Kontroversen" gegeben. Er betonte jedoch, bestimmte Aspekte der Kolonialzeit seien aus heutiger Sicht kaum mit modernen Werten vereinbar, müssten aber historisch objektiv beurteilt werden, ohne sie aus heutiger Perspektive moralisch zu verurteilen.

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Seine vorsichtigen Worte waren zwar keine offizielle Rede und auch keine öffentliche Entschuldigung. Doch es war das erste Mal in der Geschichte, dass ein spanischer Monarch ein Fehlverhalten bei der Kolonisierung Mexikos zugab. Die Reaktionen ließen nicht auf sich warten und lösten in Spanien einen Aufschrei eigentlich sämtlicher politischen Parteien aus.

Konservative Opposition findet Entschuldigung "absurd"

Spaniens konservativer Oppositionsführer Alberto Núñez Feijóo (PP) urteilte, es sei absurd sich für Dinge zu entschuldigen, die vor mehr als 500 Jahren stattgefunden hätten. Zudem könnte Spanien "stolz auf das historische Erbe" seiner damaligen Kolonialpolitik sein, die Lateinamerika eine einheitliche Sprache, Kultur und Recht brachte. Spaniens Linksparteien Podemos und Sumar kritisierten die Worte des Königs als "nicht ausreichend" und "zu spät". Sie forderten eine offizielle Entschuldigung der Krone für ihre damaligen Verbrechen.

Selbst Pepa Millán, Sprecherin der rechtspopulistischen Partei Vox, war mit den Aussagen des Königs unzufrieden, aber aus genau dem gegenteiligen Grund. Spanien brauche sich nicht entschuldigen. Man könne die Conquista nicht primär durch die Missstände definieren, sondern müsse sie als das sehen, was sie in Wirklichkeit war - "die größte evangelisierende und zivilisatorische Leistung der Weltgeschichte und das hat die spanische Krone vollbracht".

Hinter den Worten des Königs vermute sie jedoch die "politische Instrumentalisierung der Krone" durch die sozialistische Regierung. Damit könnte sie gar nicht mal so falsch liegen. "Der König machte die Aussagen zwar in einem privaten Ambiente. Doch diese wurden bewusst gefilmt und verbreitet. Das geschah nicht zufällig und solche Dinge spricht der Palast stets mit der Regierung ab", erklärt der spanisch-österreichische Historiker José Manuel Sáenz Rotko von der Universität Pontificia Comillas in Madrid im Gespräch mit der APA.

Premier Sánchez will diplomatische Krise mit Mexiko beilegen

Tatsächlich könnten die versöhnlichen Worte des Königs Spaniens sozialistischem Regierungschef Pedro Sánchez (PSOE) bei seinen Versuchen helfen, die seit Jahren anhaltende diplomatische Krise mit Mexiko zu beenden. Selbst Mexikos Regierungschefin Claudia Sheinbaum lobte die Worte des Königs als eine "Geste der Annäherung".

Sáenz Rotko sieht eine gewisse Koordination zwischen der Regierung und der Krone. Er verweist dabei auch auf den wichtigen Iberoamerikanischen Gipfel, der dieses Jahr im November in Madrid stattfinden wird und den Spanien nutzen will, um seine geopolitischen Interessen in Lateinamerika auszubauen. Die Länder dieser Region suchen gerade in Zeiten von Donald Trumps Unilateralismus und Diktaten politische Alternativen auf Augenhöhe als klares Gegenmodell zur Rolle der USA in Lateinamerika.

Hier sieht Spanien als alte Kolonialmacht mit seiner sprachlichen, kulturellen und historischen Nähe seine Chance. Im November 2025 sprach Regierungschef Sánchez ähnlich wie nun der König von "Licht und Schatten" in der gemeinsamen Geschichte Spaniens und Mexikos und dem Wunsch, die Beziehungen zu Mexiko wieder zu verbessern und zu normalisieren. Noch deutlicher wurde Spaniens Außenminister José Manuel Albares, der ausdrücklich das Leid der indigenen Bevölkerung von damals erwähnte und sagte, es sei "gerecht, dies heute anzuerkennen und zu bedauern". Dennoch lehnt die spanische Regierung eine offizielle Entschuldigung für eventuelles Fehlverhalten während der Kolonisierung Mexikos im 16. Jahrhundert ab.

Aufarbeitung der Kolonialgeschichte 

Bereits seit Jahren befeuert die Aufarbeitung der Kolonialgeschichte die diplomatischen Spannungen zwischen Spanien und Mexiko. 2019 forderte der linksgerichtete mexikanische Präsident Andrés Manuel López Obrador schriftlich von Spanien und dem Vatikan eine formelle Entschuldigung für Gräueltaten und Unterdrückung, die während der Eroberung und Kolonialzeit, insbesondere im Gebiet des heutigen Mexiko, begangen worden seien. Er sprach von "abscheulichen Gräueltaten", die Anerkennung und Buße erforderten.

Nach Obrador hatte auch dessen Parteikollegin und Amtsnachfolgerin Sheinbaum den spanischen König nicht zu ihrer Amtseinführung eingeladen, weil eine offizielle Entschuldigung aus Madrid fehlte - ein diplomatischer Affront, der bis heute nachwirkt. Die gewaltsame Eroberung des Aztekenreichs (1519-1521) führte zur Vernichtung großer Teile der indigenen Bevölkerung durch Kriege, Krankheiten und Zwangsarbeit. Von Spanien und der Kirche verlangt auch Mexikos aktuelle Präsidentin, sich ausdrücklich für diese historischen Verfehlungen zu entschuldigen und die Verantwortung anzuerkennen.

"Viele und schwere Sünden"  

"Im Namen Gottes" seien "viele und schwere Sünden" gegen die indigenen Völker Amerikas begangen worden, gab bereits der aus Argentinien stammende Papst Franziskus (2013-2025) zu. König Felipe folgte nun dem verstorbenen Papst in dieser Linie: "Wir wissen mittlerweile Dinge, auf die wir mit unseren heutigen ethischen Maßstäben nicht stolz sein können, denn es gab viel Missbrauch." Er sprach aber nicht nur von Schuld: "Die katholischen Könige erließen Gesetze, mit denen die indigene Bevölkerung geschützt werden sollte. Doch sie wurden oft nicht beachtet", fuhr Felipe VI. fort.

Das war keine Entschuldigung, wie sie der ehemalige mexikanische Präsident López Obrador gefordert hatte. Aber eine Anerkennung von Übergriffen, die in Mexiko heute vielfach als Völkermord bezeichnet werden. Mexikos Staatspräsidentin Sheinbaum regierte mit Wohlwollen. Es sei ein neuer Schritt, den Dialog zu suchen, meinte sie und erklärte, König Felipe sei herzlichst im kommenden Juni zur Fußball-Weltmeisterschaft in ihrem Land eingeladen. Andererseits hofft Spaniens Regierungschef Sánchez, dass Sheinbaum im November auch zum Iberoamerikanischen Gipfeltreffen nach Madrid kommen werden. Denn bisher hat sie noch nicht zugesagt.