Deutlicher Anstieg
Fast jeder fünfte Österreicher ist armutsgefährdet
29.04.2026Im Vorjahr waren 1.699.000 Menschen (18,8 Prozent) armuts- oder ausgrenzungsgefährdet.
Das geht aus einer Erhebung der Statistik Austria hervor. Im Vergleich zu 2024 (16,9 Prozent) ist das ein Anstieg um 170.000 Personen. Als armuts- oder ausgrenzungsgefährdet gilt, wer entweder erheblich materiell und sozial benachteiligt ist, wessen Haushalt unter 60 Prozent des Medianeinkommens zur Verfügung hat oder wer nur in geringem Ausmaß ins Erwerbsleben eingebunden ist.
In Österreich verfügten Privathaushalte laut der aktuellen Erhebung im Mittel über 50.709 Euro Haushaltseinkommen pro Jahr. Dieses ist im Vorjahr auch gewachsen, allerdings nicht in allen Bevölkerungsgruppen gleich. "Der Anteil der Personen mit einem Haushaltseinkommen unter der EU-definierten Armutsgefährdungsschwelle von 60 % des Medianeinkommens nahm von 14,3 Prozent im Jahr 2024 auf 16 Prozent im Jahr 2025 zu", so Manuela Lenk, fachstatistische Generaldirektorin von Statistik Austria.
Anteilsmäßig häufiger unter den zehn Prozent mit den geringsten Haushaltseinkommen vertreten sind Menschen ohne österreichische Staatsbürgerschaft (20 Prozent der EU/EFTA- bzw. 36 Prozent der Drittstaatsangehörigen), Arbeitslose (34 Prozent) und Personen mit höchstens Pflichtschulabschluss (16 Prozent). Außerdem sind Alleinerziehende (25 Prozent), Familien mit drei oder mehr Kindern (18 Prozent) oder Alleinlebende (19 Prozent der Männer, 18 bei Frauen) häufiger von Armut betroffen.
16 Prozent nach EU-Definition armutsgefährdet
Unter die von der EU als Armutsschwelle festgelegten 60 Prozent des Medianeinkommens - 1806 Euro im Monat - fielen im Vorjahr 1.448.000 oder 16 Prozent der Bevölkerung. Auch das deutlich mehr als im Vorjahr: 2024 waren es noch 14,3 Prozent der Bevölkerung. 2,9 Prozent waren zudem "erheblich materiell und sozial benachteiligt". Dazu zählt, wer sich zentrale, EU-definierte Merkmale und Aktivitäten des täglichen Lebens nicht leisten kann. Sie reichen von unerwarteten Ausgaben in der Höhe von 1.570 Euro über einen Urlaub pro Jahr bis hin zu einer angemessen warmen Wohnung. Einen Urlaub pro Jahr zu unternehmen war beispielsweise für 17,8 Prozent der Bevölkerung finanziell nicht möglich. Erst, wenn es zu einer Verdichtung dieser Problemlage kommt und mindestens 7 der 13 Merkmale nicht leistbar sind, wird von erheblicher Benachteiligung ausgegangen.
Abschließend hält Statistik Austria fest: "Grundsätzlich ist nachweisbar, dass Einkommen und Lebensstandard stark zusammenhängen: Die Quote der materiellen und sozialen Benachteiligung beträgt insgesamt 2,9 Prozent, unter den Armutsgefährdeten liegt sie hingegen mit 10,1 Prozent mehr als 3-mal so hoch."
NGOs: Armut auf "inakzeptablem Niveau"
Besorgt reagierten am Mittwoch einige NGOs auf die EU-weiten Erhebungen zu Einkommen und Lebensbedingungen (EU-SILC). Rot-Kreuz-Präsident Gerald Schöpfer wertete diese als "Alarmsignal", die Armut habe sich auf inakzeptablem Niveau verfestigt. Er appellierte mit Blick auf die aktuell laufenden Budgetverhandlungen auch an die Bundesregierung, "dort zu sparen, wo es sinnvoll ist, und nicht auf Kosten der Armen".
Der Samariterbund machte indes auf die Situation von Studierenden aufmerksam. Immer häufiger müssten diese aufgrund der erhöhten Lebenserhaltungskosten Hilfsangebote in Anspruch nehmen. Gleichzeitig steigen die Kosten für Studentenheime.
Volkshilfe-Direktor Erich Fenninger erneuerte indes seine Forderung nach einer Kindergrundsicherung. 411.000 Kinder und Jugendliche sind armuts- oder ausgrenzungsgefährdet, 81.000 Kinder lebten laut Erhebung 2025 unter der Armutsgefährdungsschwelle. "Kinderarmut widerspricht den Kinderrechten und alle in der Politik sind nun angehalten, alle Hebel in Bewegung zu setzen, um Kinderarmut in Österreich zu bekämpfen", so Fenninger.