Reformpläne

Wiederkehr: Keine Vorschule mehr, längere Volksschule

21.04.2026

Ende 2025 hat Bildungsminister Christoph Wiederkehr (NEOS) unter dem Titel "Plan Z" einen Umbau des Bildungssystems "ohne Tabus" angekündigt. 

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© APA/TOBIAS STEINMAURER
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Das Ziel: "Eine Schule, die auf das echte Leben vorbereitet." Seither wurden Ergebnisse einer großen Umfrage und aus Bürgerforen eingearbeitet, am Dienstag hat Wiederkehr den Startschuss zur Umsetzung des "Plan Zukunft" gegeben. Er sieht u.a. einen Fokus auf Kindergärten, sechs Jahre Volksschule, neue Fächer und eine Mittlere Reife vor.

Derzeit würden zu viele Jugendliche die Schule verlassen, ohne ausreichend lesen, schreiben und rechnen zu können. Gleichzeitig hinke sie den rasanten Entwicklungen der Welt, etwa beim kritischen und informierten Umgang mit der KI, hinterher, so Wiederkehr. Seine Vision: Ein Schulsystem, an dessen Ende die Kinder und Jugendlichen sich in einer sich permanent wandelnden Welt zurechtfinden, relevante Zusammenhänge erkennen und auch gerne zur Schule gehen. Die Maßnahmen in seinem "Plan Zukunft" reichen dabei ganz bewusst teilweise über den nächsten Wahltag hinaus. Dabei sind viele Punkte in dem über 140 Seiten langen Papier bekannte NEOS-Positionen, ein Teil findet sich bereits im Regierungsprogramm, einiges ist schon in Vorbereitung bzw. Umsetzung.

Keine Vorschule, sechs Jahre Volksschule

Ein Schwerpunkt sollen die Kindergärten als erste Stufe des Bildungssystems sein. "Wenn die nicht funktioniert, kommt man nicht weiter hinauf", betonte Wiederkehr und plädierte für eine bessere Ausstattung und Ausbildung. Die einheitlichen bundesweiten Qualitätsstandards in den Kindergärten für Gruppengrößen oder Qualifikation des Personals, die im "Plan Zukunft" vorgesehen sind, werden schon seit Mitte des Vorjahrs in der "Reformpartnerschaft" von Bund, Ländern und Gemeinden verhandelt. Ebenfalls in Arbeit ist die erste Erneuerung des Kindergarten-Bildungsrahmenplans nach 17 Jahren, darin sollen etwa eine Stärkung der Basiskompetenzen oder eine stärkere Einbindung der Eltern als bundesweite Bildungsziele festgeschrieben werden. Darüber hinaus will Wiederkehr die Sprachstandserhebung bei den Jüngsten vereinheitlichen und den Übergang vom Kindergarten zur Schule verbessern. Integrierte Sprachförderung soll künftig ab dem Kindergarten ein durchgängiges Prinzip sein.

Für die Schule sieht der "Plan Zukunft" neue Strukturen vor: Vorschulklassen soll es nicht mehr geben. Stattdessen sollen Kinder mit Förderbedarf entweder ein Jahr länger im Kindergarten bleiben können oder in einer ersten Klasse mit einer zusätzlichen Lehrkraft einsteigen. Die Dauer der Volksschulzeit soll - wie in einem bereits mit der Stadt Wien geplanten Pilotprojekt - von vier auf sechs Jahre verlängert werden, anstelle der im internationalen Vergleich frühen Trennung sind "temporäre Leistungsgruppen mit hoher Durchlässigkeit" vorgesehen.

In den ersten drei Volksschulklassen sollen die Standorte außerdem selbst entscheiden können, ob es Ziffernnoten oder eine andere Art der Beurteilung gibt. Gleichzeitig soll es zur Absicherung der Grundkompetenzen ab der Volksschule für alle, die bei den regelmäßigen Kompetenzerhebungen iKMPLUS schlecht abschneiden, gezielte Förderung geben. Auch andere Daten (Feedback von Eltern und Schülern, Evaluationsergebnisse) sollen mithelfen, den Unterricht "lernförderlicher und gerechter" zu gestalten bzw. genutzt werden, um die Treffsicherheit von Maßnahmen - etwa den unterschiedlichen Formen der Deutschförderung - zu überprüfen.

Die Pflichtschulzeit soll künftig erst dann enden, wenn die Jugendlichen nachweislich die zentralen Grundkompetenzen für die Mittlere Reife erreichen bzw. mit 18 die Ausbildungspflicht beendet ist. Auch dieses Projekt will Wiederkehr noch in dieser Legislaturperiode umsetzen. Immerhin schade es nicht nur den persönlichen Chancen, wenn man nicht lesen könne. Diese Menschen seien auch empfänglicher für Populismus und Extremismus, und das sei eine Gefahr für die Demokratie.

Lebende Lehrpläne, Fächerbündel, Pflicht und Kür

Auch bei den Lehrinhalten sieht der "Plan Zukunft" umfangreichere Änderungen vor: Lehrpläne sollen grundsätzlich kontinuierlich angepasst und dabei auch Rückmeldungen von Schulen, Eltern und Kindern berücksichtigt werden. Neben der AHS-Oberstufe sind auch in Mittelschulen und AHS-Unterstufen noch in dieser Legislaturperiode die neuen Fächer "Demokratie, Kommunikation und Konfliktlösung" sowie Wirtschaftsbildung in Kombination mit Berufsorientierung geplant. Schülerinnen und Schüler, die keinen konfessionellen Religionsunterricht besuchen, sollen künftig wie in der Oberstufe den Ethikunterricht besuchen müssen. Im Gegenzug sollen - nach Diskussion mit den Schulpartnern - bisherige Inhalte wegfallen und mehr Unterricht in Fächerbündeln (etwa Naturwissenschaften) stattfinden. Eine Expertenkommission soll hier Vorschläge ausarbeiten.

Geht es nach der "Vision" im "Plan Zukunft", sollten allerdings künftig grundsätzlich nur noch Inhalte wie Lesen, Schreiben und Rechnen zum Pflichtprogramm der Schülerinnen und Schüler gehören. "Fast alles andere" fiele dann unter "Kür-Inhalte", aus denen die Kinder und Jugendlichen je nach Interesse ihre modulare Stundentafel zusammenstellen können. Dadurch könnte man sich - ähnlich wie bei der Modularen Oberstufe - in einzelnen Fächern unterschiedlich stark vertiefen. Wer etwa Probleme in Mathematik hat, müsste dann nicht mehr das ganze Schuljahr wiederholen.

Schulleitung soll Personal kündigen dürfen

Einmal mehr verspricht Wiederkehr den Schulen "mehr Freiheit und weniger Bürokratie", damit ihnen mehr Zeit für die pädagogische Arbeit bleibt. Sie sollen bei der Organisation, pädagogischen Schwerpunkten und Budget mehr Flexibilität bekommen. Schulleitungen sollen ihre Mitarbeiter - Lehrkräfte und Personal aus anderen Professionen wie Schulsozialarbeit und -psychologie vor - außerdem selbst auswählen und sich auch wieder von ihnen trennen können.

Neu aufgesetzt wird im "Plan Zukunft" außerdem die Ausbildung der Pädagoginnen und Pädagogen: Die Pädagogischen Hochschulen (PH) und Lehramtsbereiche der Unis sollen zu einer "School of Education" zusammengeführt werden. Durch gemeinsame Kernmodule soll es bei der Ausbildung mehr Durchlässigkeit zwischen Kindergarten, Volksschule und den anschließenden Schularten geben, ein berufsbegleitendes Erweiterungsstudium soll für den Wechsel reichen.

Reaktionen

Für die FPÖ ist Wiederkehrs Plan ein "realitätsfernes Konzept ohne konkrete Lösungen für die drängenden Probleme im österreichischen Bildungssystem" bzw. eine "PR-Show", so der blaue Bildungssprecher Hermann Brückl in einer Aussendung. Die Kirche wiederum begrüßt vor allem das Vorhaben, jene Schüler, die keinen Religionsunterricht besuchen, zum Ethikunterricht zu verpflichten. Die Industriellenvereinigung will Priorität für Wiederkehrs Pläne für die Elementar- sowie die Wirtschaftsbildung und verlangt die Einführung einer "Bildungspflicht" zur Sicherung der Grundkompetenzen - ähnlich äußerte sich auch die WIrtschaftskammer.

"Gute Ansätze" sieht Arbeiterkammer-Präsidentin Renate Anderl. Schwerpunkte sollten ihrer Ansicht nach auf der Elementarbildung sowie der Demokratie- und Wirtschaftsbildung liegen. Skeptisch zeigte sich die Grüne Bildungssprecherin Sigrid Maurer. Vom Ankündigen alleine werde nichts im Klassenzimmer ankommen.