Mentale Gesundheit

Supervision und Fortbildung für Lehrer gefordert

03.05.2026

Mental-Health-Days-Initiator Marboe und ÖBPV-Präsidentin Haid für Präventionsmaßnahmen - Social-Media-Verbot für Unter-14-Jährige "sinnvoll" - Kreativität statt "digitalem Schnuller"

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Linz/Wien. Lehrer sollten einmal jährlich eine verpflichtende Weiterbildung zum Thema psychische Gesundheit machen und ein Angebot zur Supervision bekommen, sagte Golli Marboe, Initiator der Mental Health Days, im APA-Gespräch. Barbara Haid, Präsidentin des Österreichischen Bundesverbands für Psychotherapie (ÖBVP) begrüßt ein Social-Media-Verbot für Unter-14-Jährige. Beide machen darauf aufmerksam, dass Endless Reels problematischer sind als Textnachrichten und Ängste diffuser werden.

Marboe will Lehrerinnen und Lehrer stärker in die Pflicht nehmen bzw. unterstützen: "Gut wäre, wenn es verpflichtend für alle Pädagoginnen und Pädagogen einmal im Jahr eine Weiterbildungsveranstaltung zu einem Thema rund um das psychische Wohlbefinden geben würde" und Lehrpersonen würden das Angebot einer regelmäßigen Supervision brauchen. "Es ist der einzige Sozialberuf, der das nicht hat."

Social-Media-Verbot "sinnvoll"

Wichtig sei auch, dass Kinder und Jugendliche einen moderaten Umgang mit Social Media erlernen, betonte Haid. Sie hält ein Social-Media-Verbot für Unter-14-Jährige für "sinnvoll. Kinder brauchen keine sozialen Medien". Der Umgang damit müsse altersgerecht und schrittweise an die Jugendlichen herangebracht werden - "wie beim Autofahren. Einen Führerschein muss man auch machen und dafür lernen".

Dass sich Lehrpersonen im Bereich Social Media oft nicht so gut auskennen wie ihre Schüler sehen die beiden nicht als Problem. "Meines Erachtens muss man nicht jede Droge ausprobieren, um darüber reden zu können, dass Drogen schlecht sind", meinte Marboe. Und Haid verwies auf Beispiele, wo Lehrende sich von ihren Schulklassen das erklären lassen. "Das ist unglaublich beziehungsfördernd, weil da hat man auf einmal die Rollenumkehr. Plötzlich sind die Schülerinnen die Expertinnen, und die Lehrerin ist die Schülerin, was den Schülerinnen unglaublich taugt."

Jugendliche mit sinkendem Handy-Konsum

Beim Social-Media-Konsum von Jugendlichen sieht Marboe bereits den Peak überschritten, denn laut der letzten Mental Health Days Studie - gemeinsam mit der Universität Wien, der Uni Zürich und der MedUni - sei "der Handykonsum der Kinder vom Jahr 2024 aufs Jahr 2025 um 31 Minuten gesunken". Das sei eine eindeutige Trendwende. "Ich bin gespannt, ob wir auch 70.000 Erwachsene auftreiben könnten in Österreich, die drei Wochen aufs Handy verzichten", meint er in Anspielung auf ein entsprechendes Projekt mit Jugendlichen. "Ich bin mir gar nicht so sicher."

Problematische "Endless Reels"

Problematisch sehen beide vor allem den Konsum von "Endless Reels, von algorithmengesteuerten Angeboten, die in der Regel auf TikTok und auf Insta zur Verfügung stehen" und - so Marboe - "ganz eindeutig der Psyche schaden, weil sie fremdbestimmt sind". "Zum einen ist ein hohes Abhängigkeitspotenzial drinnen", sagte Haid, und "je weiter man in diese Reels reingeht, umso schlechter wird der psychische Zustand." Aber es sei auch belegt, "dass es, wenn zwei Kinder sich gegenseitig Nachrichten tippen, keinen negativen Einfluss auf die Psyche hat", berichtete Marboe, der das mit dem guten alten Briefeschreiben vergleicht.

Man müsse Jugendlichen einfach attraktive Angebote machen, ergänzte Haid, "jedes Kind greift normalerweise zum Buntstift und fängt an, irgendwas zu kritzeln". Kreativität sei "extrem hilfreich für die Psyche der Kinder", sie fördere Selbstwert und Resilienz. Aber leider würden das Tablet oder Handy oft als "digitale Schnuller" verwendet.

Ängste werden diffuser

Der ÖBVP veranstaltet gemeinsam mit VsUM - der Verein ist der Träger der österreichweiten Präventionsinitiative Mental Health Days - am 8. Mai in Linz ein Symposium zum Thema "Angst vor dem Leben? Wie Kinder und Jugendliche Mut, Sicherheit und Vertrauen entwickeln können". Kinder haben heute mehr Angst vor dem Leben als früher, bestätigte Haid, "weil es im Vergleich zu früher so viele verschiedene Möglichkeiten und Lebenskonzepte gibt".

Angst werde von vielen jungen Erwachsenen immer noch als etwas verstanden, was man sich abgewöhnen sollte, ergänzte Marboe. "Aber das ist grundsätzlich nicht so. Wenn die Generationen vor uns keine Angst gehabt hätten und immer mit dem Säbelzahntiger gekämpft hätten, dann wären wir jetzt nicht auf der Welt." Wie man mit solchen Situationen umgeht, soll auch auf dem Symposium vermittelt werden, wobei Haid eine ganz einfache Grundregel für die Akutphase aufstellt: "Es reicht, da zu sein, verfügbar zu sein."

Pandemie als "Brennglas"

An konkreten Ängsten - etwa vor Prüfungen - könne man gezielt arbeiten. Aber die Ängste der Jugendlichen seien heute oft viel diffuser. "Die Kinder kommen in die Praxis, und wenn ich sie frage: 'Ja, wovor hast du denn Angst?', dann ist ganz oft die Antwort: 'Ich weiß nicht genau, wovor'", schilderte Haid. Darüber hinaus habe auch die Pandemie wie ein "Brennglas" gewirkt. Kinder und Jugendliche seien von Freunden, Schule und anderen Begegnungsräumen abgeschnitten gewesen. "Mit 25 ist man halbwegs ausgereift und wenn man da einmal ein paar Monate Stillstand hat, dann macht das nicht so viel wie bei einem Sechsjährigen."

Dabei sind auch die Eltern gefragt: "Wir veranstalten Elternabende in ganz Österreich, bei denen besorgte Eltern oft sagen: 'Mein Kind ist so verschlossen, und ich mach mir Sorgen'", schilderte Marboe. Wenn man dann aber frage, ob es etwa täglich ein gemeinsames Essen in der Familie gebe, "dann schauen die gleichen Eltern auf die Seite". Bei solch einfachen Dingen könne jede und jeder im eigenen Umfeld etwas weiterentwickeln.

"Wenn die Pandemie etwas Gutes hatte, dann, dass wir heute mehr über psychische Fragen sprechen", sagte Marboe. Nun solle man "an einer Gesellschaft arbeiten, in der in Zukunft weniger Menschen krank werden und weniger Menschen belastet sind". Das betreffe Verteilungsgerechtigkeit - "Armut macht einfach krank" - ebenso wie nonverbale Kommunikation, die Frage "Wie können wir Burschen mehr Worte geben, um Gefühle zu beschreiben?" oder wie man regelmäßige Psychotherapie ermöglichen könne, "auch ohne dass es einen Anlass dafür gibt. Zum Zahnarzt gehen wir ja auch, damit wir uns eine Wurzelbehandlung ersparen".