Ukraine-Krieg

8 Grad im Wohnzimmer: Menschen in Kiew kämpfen ums Überleben

28.01.2026

"Nur 1942 war es noch schlimmer"

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"Nur 1942 war es noch schlimmer", sagt Lidia Teletschuk, während sie vor Kälte zittert. Seit dem Zweiten Weltkrieg hat die 91-jährige Ukrainerin nicht mehr so gefroren. Nicht nur draußen bei bis zu minus 20 Grad in der Hauptstadt Kiew, sondern auch in ihrer Wohnung. Durch die russischen Angriffe gibt es weder Heizung, Strom noch warmes Wasser. Besonders für alte Menschen ist es ein Kampf ums Überleben.

"Es ist schrecklich. Es wird schwer für uns, das zu überstehen", fürchtet Teletschuk. Die Temperatur in ihrer Wohnung liegt zwischen acht und elf Grad. Zum Glück gibt es den Gasherd. Dort macht sie sich an den eisigen Morgen Wasser warm, um sich zu waschen. Den Rest füllt sie in kleine Plastikflaschen. "Aber das reicht nicht aus, meine lieben Kinder", sagt die alte Frau mit dem weißen Haar. "Es reicht gerade einmal, um mich ein wenig aufzuwärmen."

Russland hat in den vergangenen Wochen seine Angriffe auf die Strom- und Heizungsinfrastruktur der Ukraine verstärkt und die Einwohner der Hauptstadt in Dunkelheit und Kälte gestürzt. Um nicht zu erfrieren, müssen sie improvisieren. Und zusammenhalten.

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Freiwillige versorgen mit Lebensmitteln

Freiwillige der Stiftung Starenki kümmern sich um die Alten, versorgen sie mit Lebensmitteln und anderen überlebenswichtigen Dingen. An diesem Tag schenkt Alina Diaschenko, die Leiterin des Stiftungsprogramms, Teletschuk eine batteriebetriebene Lichterkette. Die alte Frau strahlt. "Die Freiwilligen bringen auch Zeit für einen kleinen Plausch mit", sagt Diaschenko. "Das ist sehr wichtig - nicht nur die Lebensmittel, sondern auch die Zuwendung."

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Jewgenia Jeromina hört zwar nicht mehr, trotzdem freut sie sich über die Besucher von der Stiftung. Die 89-Jährige führt sie in die Küche und zeigt ihnen, wie sie ihre Hände über der Gasflamme am Herd wärmt. "Meine Hände, meine Finger, sie werden taub", sagt sie und öffnet langsam ihre Fäuste.

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Reparaturteams arbeiten mit Hochdruck daran, die Häuser wieder mit Strom und Wärme zu versorgen. Aber die extreme Kälte und immer wieder neue Luftangriffe erschweren die Instandsetzung. Zehntausende Haushalte waren im Jänner immer wieder von der Stromversorgung abgeschnitten, in 6.000 Wohnblöcken - der Hälfte aller in der Stadt - funktionierte die Heizung nicht mehr. Mehr als 900 Gebäude waren Anfang der Woche noch immer ohne Fernwärme, wie Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte. Einige der 3,6 Millionen verbliebenen Einwohner Kiews sind vor der Kälte zu Verwandten geflüchtet oder in ihre Sommerhäuser mit Holzöfen.

Kleiderschichten zum Wärmen

Jeromina fasst an die Heizungsrohre in ihrer Wohnung. Sie sind wieder kalt. "Es gab ein bisschen Wärme und dann - bumm - haben sie wieder bombardiert und jetzt funktioniert nichts mehr", sagt sie. Dann lüpft sie den Zipfel ihres langen Mantels und zeigt die vielen Schichten an Kleidern, mit denen sie sich warm zu halten versucht.

Ein paar Straßen weiter, in ihrer Wohnung im 6. Stock, macht es Esfir Rudminska genauso: "Ich ziehe mich richtig warm an, wie ein Kohlkopf mit zwei oder drei Pullovern!", sagt die 88-Jährige. Um die Haare hat sie sich einen weißen Seidenschal gewickelt.

Rudminska sitzt in ihrem Bett im dunklen Zimmer, nur eine kleine Leselampe spendet ein wenig Licht. Unter die Bettdecken hat sie ein paar Flaschen mit heißem Wasser gepackt, eine Powerbank versorgt das Handy mit Strom, auf dem sie Kreuzworträtsel löst. Die ständigen Bombenangriffe machen ihr Angst.

"Man kann alles überstehen, ein Stück Brot mit Tee essen und schon geht es einem besser. Aber meine Nerven halten das nicht aus", sagt Rudminska. "Manchmal, wenn niemand zu Hause ist, dann weine ich, obwohl ich eigentlich keine Heulsuse bin", sagt sie und umklammert eine flauschige weiße Wärmflasche. "Das scheint zu helfen."