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Kroatien: Land zwischen Tradition und Moderne

26.06.2013


Am Bahnhof von Zagreb werden Tickets noch mit der Hand ausgestellt.

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Der Manneken Pis in Brüssel trägt schon slawonische Tracht, die EU-Kommission heißt Kroatien mit einem Plakat auf dem Berlaymont-Gebäude willkommen, in Zagreb laufen die Vorbereitungen auf das EU-Fest am 30. Juni, bei dem die Spitzen der EU, der Mitglieds- und Kroatiens Nachbarländer geladen sind, auf Hochtouren. Am 1. Juli wird Kroatien offiziell das 28. Mitglied der Europäischen Union. Doch was für ein Land tritt bei?

Kroaten leben im Schnitt kürzer als übrige EU-Bürger
Das Statistikamt der Europäischen Union, Eurostat, veröffentlichte kurz vor dem Beitritt noch einige Kennzahlen zu Kroatien. So haben Kroaten eine kürzere Lebenserwartung als der Schnitt der EU-Bürger, (Männer leben vier Jahre kürzer, Frauen drei Jahre), die Jugendarbeitslosigkeit ist doppelt so hoch wie im Schnitt und der Lebensstandard ist um 39 Prozent geringer. Diese Zahlen schaffen es jedoch kaum, das statistische Bild der EU bedeutend zu verzerren, denn mit seinen 4,4 Millionen Einwohnern ist Kroatien nur ein Tropfen im Meer von insgesamt mehr als 500 Millionen EU-Bürgern.

Zwischen Aufbruch und Tradition
Kroatien ist auch ein Land, das die Beitrittsbedingungen erfüllt hat. In manchen Bereichen steckt es zwischen Fortschritt und Nostalgie, zwischen Demokratie und Transition, zwischen Eifer und Langsamkeit, was sich an zahlreichen Beispielen zeigt: So gibt es in den Zagreber Straßenbahnen schon längst elektronische Entwerter, während man in Wien noch zwicken muss. Dafür werden am internationalen Fahrkartenschalter am Hauptbahnhof die Tickets noch immer mit der Hand ausgefüllt.

Oder, obwohl Kroatien eine lange Tourismustradition hat, werden noch immer Absteigen als tolle Unterkünfte vermietet und die Speisekarten mit den obligatorischen Cevapcici sind von Varazdin im Norden bis Dubrovnik im Süden austauschbar und wohl nicht auszurotten. Dafür ziehen einzelne Regionen wie Istrien und Slawonien immer mehr Touristen und Einheimische mit hochwertigen kroatischen Produkten und Weinen an, abseits vom Strandurlaub.

In vielen Bereichen, wie etwa der Menschenrechte, passierten Veränderungen auf Druck der EU und der Medien. Weil Medien nach den Attacken auf Teilnehmer der Homosexuellen-Parade in Split im Jahr 2011 aufschrieen und Brüssel als Wachorgan anriefen, schaute man in den darauf folgenden Jahren mit Argusaugen auf die Paraden. Sie verliefen ohne Zwischenfälle.

Jüngst machte ein slowenisches Energieunternehmen, Gen-I, Schlagzeilen, weil es sich anschickte, den Strommarkt in Kroatien zu revolutionieren. Dem Beispiel folgte auch die deutsche RWE. Obwohl der Markt in Kroatien seit 2008 liberalisiert ist, traute sich niemand so richtig, dem staatlichen Monopolisten HEP Konkurrenz zu machen. Mittlerweile sind nicht nur einige Zagreber Stadtunternehmen auf Gen-I umgestiegen, sondern auch die kroatische Regierung.

Reformen angemahnt
Die EU hatte Kroatien im abschließenden Monitoring-Bericht bescheinigt, alle Aufgaben erfüllt zu haben, jedoch mahnte die Kommission weiterhin Reformen ein. Dringenden Handlungsbedarf sah sie noch immer im Justizwesen, wo Veränderungen nur schleppend vorankommen. Zwar wurde mit Ex-Premier Ivo Sanader ein hochrangiger Politiker nach Korruptionsvorwürfen wegen Amtsmissbrauchs nicht rechtskräftig zu zehn Jahren Haft verurteilt, auf regionaler und lokaler Ebene ist Korruption nach Erfahrung zahlreicher Privatpersonen und Unternehmer, noch immer gang und gäbe.

Dass Kroatiens Wirtschaft Investitionen braucht, um aus der Krise, die schon das fünfte Jahr in Folge andauert, zu kommen, hat die Regierung in Zagreb eingesehen und ein Gesetz für strategische Investitionen verabschiedet. Großinvestitionen sollen künftig auf Regierungsebene betreut werden und die Startphase deutlich verkürzen.

Als ebenfalls nützliches Gesetz gilt jenes für den „Vergleich vor dem Konkurs“. Gegen Unternehmen, die in groben Zahlungsschwierigkeiten waren und Lieferanten und Mitarbeitern nicht bezahlt haben, kann nun leichter ein Konkursverfahren eröffnet werden. „Bisher konnten Firmen mit negativem Eigenkapital und illiquide weiterarbeiten“, sagte Vladimir Preveden vom Consultingunternehmen Roland Berger. Seit das Gesetz seit Beginn des Jahres in Kraft ist, wurde die Zahl der insolventen Unternehmen von mehr als 37.500 auf 31.700 gesenkt.

Bevölkerung nicht ganz so euphorisch

Während in der Bevölkerung keine Euphorie aufkommen will, sind auf politischer Ebene die Zeichen noch immer stark pro EU, auch bei der langjährigen Ex-Regierungspartei HDZ (Kroatische Demokratische Gemeinschaft), die aufgrund einer Veränderung in der Führungsstruktur und der Wahlkämpfe um Sitze im EU-Parlament in Brüssel bei den EU-Wahlen im April, und um Bürgermeistersessel bei den Lokalwahlen im Mai, nach rechts driftete.

„Mit dem Beitritt in die EU verliert Kroatien nicht, es gewinnt nur“, hielt der ehemalige kroatische Präsident Stjepan Mesic in einem Zeitungs-Gastkommentar fest und sagte, dass Kroatien damit nicht an Staatlichkeit verliert. „Kroatien bleibt auch nach dem Beitritt Kroatien.“

 

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