Exekutionen von Kurden:

Wie Erdogans Komplizen weiter In Syrien wüten

22.10.2019

Islamistische Milizen, die Erdogans Armee unterstützen, filmten Hinrichtungen und Köpfungen in den ersten Tagen der Syrien-Offensive. 

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© Twitter/Fotomontage
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Wenige Stunden vor dem Auslaufen der Waffenruhe hat der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan mit der Fortsetzung der Offensive in Nordsyrien gedroht. "Wenn die Versprechen der Amerikaner nicht eingehalten werden, wird die Operation mit noch größerer Entschlossenheit wiederaufgenommen", sagte Erdogan am Dienstag vor dem Abflug zu einem Treffen mit Russlands Staatschef Wladimir Putin in Sotschi.
 
Nach langen Verhandlungen mit Erdogan hatte US-Vizepräsident Mike Pence am Donnerstag eine Vereinbarung über eine fünftägige Waffenruhe für Nordsyrien verkündet, die an diesem Dienstag um 21.00 Uhr (MESZ) ausläuft. Die Waffenruhe sollte es den kurdischen Milizen in der Region ermöglichen, sich vor dem Vormarsch der türkischen Armee zurückzuziehen.
 
Die Türkei hatte am 9. Oktober ihre seit langem angekündigte Militäroffensive gegen die Kurdenmiliz YPG in Nordsyrien begonnen. Zuvor hatten die USA den Weg für die Offensive mit einem überraschenden Truppenabzug freigemacht.
 

Angst vor weiteren Kriegsverbrechen steigt

In Nordsyrien herrscht noch bis Dienstagabend Feuerpause. Nun steigt die Angst vor weiteren Kriegsverbrechen vor einer bevorstehenden neuen Offensive der Türkei. Im Netz tauchten bereits vor Tagen Videos von islamistischen Milizen auf – die Erdogans-Armee beim Vormarsch unterstützen – in denen unbewaffnete Zivilisten hingerichtet werden. 

 

 

Vor zwei Wochen startete Präsident Recep Tayyip Erdogan die Operation "Peace Spring", nachdem Donald Trump angekündigt hatte, dass die USA nicht im Weg stehen würden.

In dem daraus resultierenden Chaos entstanden schockierende Videos von Kämpfern, die wehrlose Gefangene erschossen, als türkische Truppen viel weiter in die vermeintliche "sichere Zone" auf syrischem Territorium vordrangen.
 
Vier Tage nach dem Start der Offensive am 9. Oktober wurden Aufnahmen von der Hinrichtung von neun anscheinend unbewaffneten Personen auf der M4, der Hauptstraße Syriens, veröffentlicht.
 
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Personen die später getötet worden sind, fuhren in diesem Konvoi an der M4  entlang. Sie mussten anhalten. Ihnen wurde befohlen auszusteigen, bevor sie dann hingerichtet wurden.
 
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Hier wird der Fahrer aus dem Fahrzeug gezogen, bevor er von den Milizsoldaten am Straßenrand in Nordsyrien hingerichtet wird.
 
Außerdem wurde auch die kurdische Politikerin Hevrin Khalaf ermordet. Etwa 176.000 Menschen sind alleine in Nordsyrien auf der Flucht und die Videos über getötete Zivilisten, vergrößert die Angst um eine ethnische Säuberung durch die türkische Armee. 
 
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Angehörige der von der Türkei unterstützten Miliz ziehen eine Reihe von unbewaffneten Zivilisten aus dem Auto, das offensichtlich von einer Flut von Kugeln getroffen wurde.
 
Humanitäre Helfer zeichneten weiter ein dramatisches Bild von der Lage der betroffenen Menschen. "Die vergangene Woche war ein totales Chaos für Hunderttausende Syrer", sagte Karl Schembri, Sprecher vom Norwegischen Flüchtlingsrat (NRC), dem TV-Sender CNN International. "Sie leben in Angst und Unsicherheit, ohne zu wissen, wo die nächste Bombe explodieren wird", sagte Schembri.
 
In gut einer Woche sind nach jüngsten Angaben des UN-Nothilfebüros Ocha mindestens 165.000 Menschen durch die Kämpfe vertrieben worden, darunter schätzungsweise 70.000 Kinder. "Mehr und mehr von ihnen werden in den benachbarten Irak und in andere Gegenden flüchten, die nicht darauf vorbereitet sind, vertriebene Familien aufzunehmen", sagte Schembri. Etwa 2.400 Menschen hätten bereits die Grenze zum Irak überquert. Die Situation in syrischen Lagern sei dabei "extrem besorgniserregend", hatte Ocha am Freitag mitgeteilt.
 
Vor Beginn der türkischen Angriffe hätten bereits mehr als 100.000 Vertriebene in Lagern in der Region gelebt, sagte Schembri. Mit der Unterstützung humanitärer Helfer hätten sie überlebt. "All das wurde im Lauf der vergangenen Woche gefährdet, weil die meisten Helfer selbst flüchten mussten." Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (ICRC) twitterte am Sonntag, eine der letzten noch verbleibenden internationalen Hilfsorganisationen in Nordsyrien zu sein.
 

Kremlchef Putin empfängt Erdogan zu Syrien-Gesprächen in Sotschi

Knapp zwei Wochen nach dem Einmarsch türkischer Truppen in Syrien empfängt der russische Präsident Wladimir Putin an diesem Dienstag seinen Amtskollegen Recep Tayyip Erdogan zu Gesprächen. Bei den Verhandlungen in Sotschi am Schwarzen Meer soll es nach Kreml-Angaben um eine Normalisierung der Lage im Nordosten des Landes gehen.
 
Dort gilt noch bis Dienstagabend eine Feuerpause, die der von den Türken bekämpften Kurdenmiliz YPG den Rückzug ermöglichen soll. Russland hatte nach dem vom Westen verurteilten Einmarsch wiederholt Verständnis gezeigt für die Sicherheitsinteressen der Türkei.
 
Zugleich äußerte sich Moskau besorgt darüber, dass im Zuge der Kämpfe in den Kurdengebieten die dort in Lagern gefangenen islamistischen Terroristen freikämen. Auch über diese Gefahr sollen Erdogan und Putin bei ihrem Arbeitstreffen beraten, wie der Kreml mitteilte. Dem Vernehmen nach kommen die beiden Staatschefs am Nachmittag zusammen.
 
Ziel sei es, den Prozess für eine politische Lösung des Konflikts weiter voranzubringen. Dazu soll in der kommenden Woche in Genf (30. Oktober) erstmals auch der neue Verfassungsausschuss für Reformen in Syrien tagen. Das Komitee besteht aus Vertretern der syrischen Regierung um Machthaber Bashar al-Assad und der Opposition.
 
Russland und die Türkei organisieren gemeinsam mit dem Iran seit 2017 im so bezeichneten Astana-Format Friedensgespräche für eine Lösung des Syrien-Konflikts. Benannt ist das Format nach Astana, der Hauptstadt der Ex-Sowjetrepublik Kasachstan. Die Stadt in Zentralasien heißt inzwischen Nur-Sultan. Im Syrien-Konflikt steht Russland auf der Seite der Regierung von Assad und tritt zugleich als Vermittler für alle Gruppen auf. Die Türkei dagegen unterstützt die syrische Opposition.
 
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