Besondere Beziehung

Besondere Beziehung

Liebes-Rätsel um verschwundene Julia

Tamara K. (27) wirkt wie eine „toughe“ Frau: obwohl arbeitslos, betrachtet sie ihre Welt als „cool“, sie ist autonom, freiheitsliebend. Einfach anders. Wie anders genau, deklariert sie sogar auf der Internet-Plattform MySpace. Hier postet sie in ihrem Beziehungsprofil: bi. Also bisexuell.

Das alles, ihre Nähe zu Drogen und dass sie eine von drei gewesen sein soll, die Julia als Letztes gesehen hatten, machte sie bis zu ihrer gestrigen Enthaftung zu einer zentralen Figur für die Ermittler. Wie im Bericht der Staatsanwaltschaft nachzulesen, fühlte sich Julia offenbar „gleichsam hingezogen“ zu Tamara K. Konkret: „Zwischen den beiden baute sich im Jahr 2006 rasch ein Vertrauensverhältnis auf.“

Könnte Julias Verschwinden also vielleicht gar ein Liebesdrama sein?
„Um zu verstehen, wie es in Julias Seele aussah, und warum es gut vorstellbar ist, dass sie zu dieser Frau eine Beziehung aufbaute, muss man das Mädchen kennenlernen. Und zwar ehe sie verschwand“, erklärt Rainer König-Hollerwöger, der engste Vertraute der Familie Kührer und Sozialforscher, der sich seit Juli 2006 mit dem mysteriösen Fall beschäftigt.

Liebes-Sehnsüchte
Julia hat zwei Brüder. „Doch die Beziehung war schwierig, beide Brüder sind viel älter. Sie hat sehr darunter gelitten, dass diese Beziehung nicht verwirklichbar war, das ist auch mehrfach dokumentiert“, so der Experte. König-Hollerwöger hat als einer der wenigen Menschen auch Julias Tagebuch gelesen, wo sie zwei Jahre lang ihre Probleme und Sehnsüchte ausgedrückt hat. „Sie entwickelte sich danach in eine eher burschikose Richtung, hat auch mehrfach erwähnt, dass sie auf die Männerwelt ,pfeife‘“, so König-Hollerwöger.

Doch es waren nicht nur die Burschen, die ihr zu schaffen machten. Es war auch Pulkau. Der kleine Ort im nördlichen Weinviertel mit nur 1.500 Menschen. Die Jugend teilt sich in jene, die sich in der Kirche engagieren, und die anderen, die über die Stadtgemeinde zusammengehören.

Versuchung
„Für ein Mädchen wie Julia, die im Kopf sehr viel weiter war, ein zu enger Horizont“, analysiert der Psychologe. Und dann blitzte diese Versuchung am Horizont: Tamara lebte in Horn, weg von Pulkau – war eine emanzipierte Frau und älter wie auch freier. „Und es ist gut vorstellbar, dass diese Beziehung auch körperlich wurde“, resümiert der Experte.

Denn Julia, die in ihrem Tagebuch auch darüber philosophierte, wie eng ihr Lebenskonzept sei, fand in Tamara – mit all ihren Schwächen und ihrer gefährlichen Nähe zu Drogen – offenbar das Stück eines Menschen, der sie selbst gerne gewesen wäre.

Drei Monate nach Julias Verschwinden erlebten zwei „Aida“-Kellnerinnen in Wien Seltsames.
Wien. Nachdem sich die Festnahme von drei Verdächtigen als Schlag ins Wasser erwiesen hat, konzentriert sich die „Soko Cold Case“ im Fall Julia Kührer jetzt auf weitere Hinweise. Und zu den spannendsten zählt da eine Beobachtung von zwei Mitarbeiterinnen der Konditorei Aida in der Wiener Mariahilfer Straße.
Davongelaufen. Im Juni 2006 ist die damals 16-Jährige aus Pulkau verschwunden. In den Wochen danach wurden auch in Wien Hunderte Steckbriefe mit Julias Bild affichiert – einer davon im Geschäftslokal von Aida. Im September zuckte Kellnerin Madeleine M. bei der Aufnahme einer Bestellung zusammen. Denn eines der beiden Mädchen vor ihr glich Julia Kührer auf dem „Gesucht“-Plakat aufs Haar.
Madeleine M. zog ihre Kollegin Dilek A. zu Rate, die derselben Meinung war. Doch als die beobachteten Mädchen die Blicke und das Geflüster der Kellnerinnen bemerkten, sprangen sie auf und liefen weg.

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