16. Juni 2010 06:56
Es war um 3 Uhr früh, als die Bewohner des Örtchens Braz in Vorarlberg den
Schock ihres Lebens erlitten.
Von der Bahnstrecke donnerte und grollte es, Metall knirschte ohrenbetäubend
laut. „Es machte einen riesigen Rumpler. Wir dachten zuerst an ein schweres
Erdbeben“, erzählt Walter Vonbank.
In Panik liefen die Menschen sofort aus ihren Häusern – Bilder wie aus einem
Katastrophenfilm: Überall verbogenes Metall, Autoteile, Rauch, Funkenflug.
Familie Vonbank realisierte erst jetzt, was für riesiges Glück sie hatte:
Drei Meter vor der Haustüre kam die 84 Tonnen schwere Lok zum Stehen. Sofort
rasten alle verfügbaren Einsatzkräfte der Region zum Unfallort.
Vonbank und Nachbar Christian Müller zögerten unterdessen keine Sekunde. Aus
dem demolierten Führerhaus zogen sie den Zugfahrer heraus. Müller: „Er war
ansprechbar, stand aber unter Schock.“ Die Rettung raste mit dem Verletzten
ins Spital Bludenz. Dort Entwarnung: Prellungen.
Bremsen funktionierten nicht, Zug raste mit 120 km/h
Im
Morgengrauen wurde dann minütlich das volle Ausmaß des Desasters sichtbar.
Der 584 Meter lange Pkw-Transportzug der ÖBB sollte rund 300 Autos von
Rumänien nach Valenton in Frankreich bringen. Bei Braz wurde der Zug immer
schneller, der Fahrer verlor die Kontrolle. Die letzten vier Waggons (von
insgesamt 16) schossen zuerst aus den Gleisen, Sekunden später bei der
nächsten Weiche entgleiste dann der gesamte restliche Zug.
„Menschliches Versagen ist auszuschließen“, gab ÖBB-Sprecher René Zumtobel
bekannt. Wahrscheinliche Ursache: Ein Bremsversagen. Zumtobel: „Dadurch fuhr
der Zug mit 120 km/h statt 70 km/h in den Bogen ein. Eine Unfallkommission
ermittelt.“
Klar ist: Der Schaden ist enorm. Viele der 300 Autos (die meisten der Marke
Opel und Dacia) sind komplett zerstört. Die Bahnstrecke wurde auf 800 Meter
völlig verwüstet. „Man muss mit mehreren Millionen Schaden rechnen“, so
Zumtobel. Sechs Millionen sind es nach ersten Schätzungen. Die ÖBB sind
versichert.
Auf der Strecke zwischen Bludenz und Landeck wurde ein Schienenersatzverkehr
eingerichtet. Frühestens Montag soll wieder Zugverkehr möglich sein.
Landeshauptmann Herbert Sausgruber sprach von einem „Wunder“, dass niemand
ums Leben kam.
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Augenzeuge Walter Vonbank (43) "Es war wie im
Horror-Film"
Knappe drei Meter vor dem Haus von
Walter Vonbank blieb die riesige Lok stehen. In ÖSTERREICH schildert
er die ersten Momente nach dem Mega-Crash.
ÖSTERREICH:
Herr Vonbank, direkt vor Ihrem Haus blieb die riesige Lok stehen. Wie
haben Sie den Unfall erlebt? WALTER VONBANK: Es hat
einen riesigen Rumpler gemacht, ich dachte zuerst an ein schweres
Erdbeben. Als ich aus dem Fenster sah und die Funken und den Rauch und
dann den Zug vor meiner Garage sah, dachte ich: Ich bin im Film, aber
in einem Horrorfilm.
ÖSTERREICH: Konnten Sie
eigentlich reagieren oder standen Sie unter Schock? Vonbank:
Ich stehe ja immer noch unter Schock, aber ich hab was getan. Meine
Nachbarn hatten schon Alarm geschlagen und ich hab dann noch
mitgeholfen, den Lokführer zu bergen. Aber eigentlich weiß ich nicht
mehr so viel, weil, es war wirklich wie im Film, ein echter Wahnsinn.
ÖSTERREICH:
Die Lok steht vor Ihrer Garage – drei Meter weiter und es wäre
Schlimmes passiert. Sie hatten großes Glück… Vonbank:
Das können Sie laut sagen, alle Anrainer hier hatten unheimliches
Glück.
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Augenzeuge Christian Müller (52) "Habe Lokführer befreit"
Im
Garten der Müllers stapeln sich kaputte Autos. Christian Müller hat
trotz Schock in der Nacht sofort reagiert – und rettete den verletzten
Lokführer.
ÖSTERREICH: Ihr Garten sieht nach
dem Zug-Crash etwas anders aus – voll von kaputten Autos. Wussten Sie
gleich, was da passiert ist? Christian Müller:
Ich bin bei der Feuerwehr und hab gewusst, dass der Zug entgleist ist,
aber ich wusste nicht, ob es Verletzte gibt. Ich hab die Kollegen
alarmiert und bin raus. Da waren Feuer, Funken und Rauch, dann hab ich
den Lokführer gesucht.
ÖSTERREICH: Konnte
der denn schon etwas zum Unglück sagen? Müller:
Ja, er war ansprechbar, aber im Schock, als ich ihm heraushalf. Und
ich war ja auch im Schock, bei dem ganzen Schlachtfeld rund um mich.
ÖSTERREICH:
Das Auto Ihrer Tochter wurde von den durch die Luft fliegenden Pkws
zerdrückt. Ist der Schaden groß? Müller:
Niemand wurde ernsthaft verletzt, das ist das wichtigste. Die Fassade
ist ein bisschen kaputt, aber das ist eigentlich egal.
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