Interview

Dagmar Manzel: "Wir werden alle älter"

In Kinofilm "Alte Liebe" entdeckt Dagmar Manzel die Liebe zu ihrem Ehemann neu. Im Interview spricht sie über den neuen Kinofilm, das Älterwerden und verrät, warum der Ruhestand nichts für sie ist
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Die Ehe von Lore (Dagmar Manzel) und Harry (Joachim Król) hat vier Jahrzehnte überstanden. Mit allen Höhen und Tiefen, die dazugehören, mit Sticheleien, Streitereien und Eifersüchteleien. Jetzt befinden sie sich im letzten Drittel ihres Lebens. Während Harry bereits in Pension ist und sich ganz der Pflege seines Gartens hingibt, kann Lore sich nur schwer von ihrem Job als Bibliothekarin trennen. Als ihre Tochter zum dritten Mal heiraten will, bringt das alte Konflikte an die Oberfläche und in die Beziehung von Lore und Harry kommt Bewegung. Langsam nähern sie sich einander wieder an und begegnen sich noch einmal neu.

Außergewöhnliche Liebesgeschichte

"Alte Liebe" (neu im Kino) erzählt auf kluge Weise und fast kammerspielartig von einem Paar, das sich wortreich und mit viel Ironie durch seinen Alltag bewegt, das sich streitet, um am Ende doch noch sehr lieb hat. Die ehemalige "Tatort"-Ermittlerin Dagmar Manzel (68) musste nicht lange überlegen, ob sie diese "Paraderolle", wie sie sie im MADONNA-Talk nennt, annimmt. Sie sieht ein großes Bedürfnis für Filme wie diesen, die auch die Probleme von Menschen über 50 zeigen, und begrüßt, dass Filmschaffende diesen Generationen und den Fragen, mit denen sie sich beschäftigen in den letzten Jahren immer öfter Raum geben.

Das Interview

Was hat Sie an "Alte Liebe" interessiert?

Dagmar Manzel: Ich kannte das tolle Buch von Elke Heidenreich. Als ich das Drehbuch von Laila Stieler und Andreas Dresen gelesen habe, habe ich mich wahnsinnig gefreut. Vor allem ist es als doch schon in die Jahre gekommene Schauspielerin äußerst selten, dass einem so eine schöne Paraderolle angeboten wird.

Was mochten Sie an Ihrer Figur Lore?

Manzel: Lores Situation gleicht meiner: Sie ist im letzten Drittel des Lebens und fängt an, sich Gedanken zu machen. Ich habe das Glück, dass ich weiterarbeiten kann. Lore, die mit der Rente aufhört zu arbeiten, fragt sich: "War es das? War das mein ganzes Leben? Das kann doch nicht sein!" Sie fällt in ein Loch und kann sich gar nicht damit anfreunden, zu Hause zu bleiben. Ihr Mann wiederum hat seine Erfüllung gefunden. Sie schaffen es trotzdem, sich aufeinander zuzubewegen. Das hat mich sehr, sehr berührt.

Jetzt im Kino: "Alte Liebe" mit Dagmar Manzel und Joachim Król. © Filmladen Filmverleih

Haben Sie sich je mit dem Gedanken auseinandergesetzt, wie es wäre, in den Ruhestand zu gehen?

Manzel: Nein. Ich habe Kollegen, die sind mit über 90 noch auf der Bühne gesessen und haben Shakespeare-Sonette gesprochen. Ich habe das große Glück, dass ich in meiner Arbeit sehr vielfältig bin. Ich spiele Theater, vorwiegend Musiktheater in der Komischen Oper Berlin. Ich mache auch Regie und drehe, ich mache Lesungen und Konzerte. Dadurch ergeben sich immer wieder Projekte, die mich reizen. Dass ich knallhart sagte, ich gehe nie wieder auf die Bühne oder vor die Kamera, wird nicht eintreten, denke ich. (lacht)

Eine solche Rolle für eine reifere Frau ist immer noch selten. Haben Sie dennoch das Gefühl, es ist Bewegung in die Sache gekommen?

Manzel: Auf jeden Fall. Man sieht jetzt öfters mal Filme und Serien, in denen die Frau über 50 und ungeliftet auch mal sich selbst spielen darf. Das Publikum, das am schnellsten und am stärksten wächst, ist das der über 50-jährigen Männer und Frauen. Dafür gibt es noch nicht genügend Stoffe und Filme. Angeblich möchte das Publikum schöne, junge Körper sehen und schöne Probleme gelöst bekommen. Aber es gibt noch ein anderes Leben. Das Leben des Alters, des Sterbens, der Krankheiten, der Abschiede. Das sind Themen, mit denen man sich, wenn man sich im letzten Drittel befindet, immer mehr beschäftigt.

“Ich bin
 pragmatisch und gucke mich halt nicht so viel im Spiegel an.”

Dagmar Manzel sieht das Älterwerden entspannt.

Der Film blickt auf eine sehr lange Ehe und ihre Entwicklung. Was kann man daraus mitnehmen?

Manzel: Es gibt immer die Hoffnung, sich vielleicht wieder aufeinander zuzubewegen und sich auf das zu besinnen, was schön war und ist. Daraus entsteht für sie auf einmal wieder eine große Zuneigung füreinander. Das macht Mut. Ich bin manchmal sehr gerührt, wenn ich durch die Stadt gehe und ein wirklich altes Ehepaar Händchen haltend sehe. Dann finde ich das sehr anrührend.

Lore und Harry stehen durch die Hochzeit ihrer Tochter und Lores Pensionsantritt an einem Wendepunkt. Wo gab es bei Ihnen solche Punkte?

Manzel: Jedes Mal, wenn du ein Kind bekommst oder eines erwachsen wird und seine eigenen Wege geht, verändert das alles. Ich glaube, die Kinder gehen zu lassen, ist schwer. Du hast sie ständig um dich gehabt, dich gekümmert. Sie waren dein Ein und Alles. Auf einmal sagen sie: Dankeschön, das war’s jetzt, wir gehen unsere eigenen Wege. Das war so ein sehr schmerzhafter Wendepunkt. Man kann aber lernen, damit umzugehen, und wenn man die Kraft hat, sie gehen zu lassen, kommen sie auch wieder.

In "Alte Liebe" von Regisseur Andreas Dresen finden Dagmar Manzel und Joachim Król als langjähriges Ehepaar wieder zueinander. Der berührende Film wirft einen liebevollen Blick auf das gemeinsame Älterwerden. © Kordes und Kordes Film / Pandora Film

"Alte Liebe" behandelt auch das Älterwerden und die Frage, wie man dem begegnet. Wie gehen Sie damit um?

Manzel: Man muss lernen, sich auszuhalten, weil man sich oft ganz anders fühlt, als man sich im Spiegel sieht. Aber ich finde es schön, alt zu werden. Ich finde es schön, dass ich am Leben bin, dass ich gesund bin, dass ich noch arbeiten kann und dass ich meine Familie und Freunde habe. Ich versuche, das zu genießen. Alles andere bringt nichts. Wir werden alle älter und haben alle das gleiche Problem. Ob sie nun geliftet sind oder nicht, das Problem bleibt. Man stirbt irgendwann. Es kommt nur darauf an, wie weit du mit dir zufrieden bist. Ich versuche, mich ein bisschen mehr lieb zu haben. Ich bin pragmatisch und gucke mich halt nicht so viel im Spiegel an.