August. Die Sonne glüht stundenlang vom blauen Himmel, die Tage sind lang, die Nächte tropenwarm, und die Hitze nimmt dem Alltag ein wenig das Tempo. Es ist der Monat des "dolce far niente" – jener italienischen Lebenskunst, die nicht Faulheit meint, sondern die Fähigkeit, einen Moment einfach zu genießen. Klingt verlockend, fällt aber nicht leicht, wenn man sich elf Monate des Jahres im Hamsterrad von Leistung, Terminen und Effizienz bewegt.
Ferragosto als Lebensweisheit
In Italien scheint man das ein wenig gelassener zu sehen. Dort gibt es ein schönes Gegenmodell: il dolce far niente, übersetzt die Süße des Nichtstuns. Das bedeutet nicht, den ganzen Tag untätig herumzusitzen. Es bedeutet vielmehr, Zeit nicht ständig rechtfertigen oder sinnvoll nutzen zu müssen. Einen Kaffee trinken, aufs Meer schauen, ein langes Mittagessen genießen, Siesta – einfach einen Gang zurückschalten. Schließlich ist Ferragosto – der etwas andere Monat. Offiziell ist Ferragosto, der 15. August, in Italien ein gesetzlicher Feiertag und zugleich das Fest Mariä Himmelfahrt. Doch gefeiert und vor allem Urlaub gemacht wird rund um diesen Tag deutlich länger: Für viele Italiener erstreckt sich die Ferragosto-Zeit über ein bis drei Wochen. In dieser Zeit schließen zahlreiche Geschäfte und Betriebe, und das Land gönnt sich eine Sommerpause. Hier ein paar Inspirationen für alle, die sonst nur schwer abschalten können, um die Süße des Nichtstuns zu genießen – auch wenn sie gerade keinen Urlaub haben.
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Dolce far niente für Einsteiger
Langsam in den Tag
Im italienischen Alltag hat er ohnehin seinen festen Platz, im August passt er besonders gut zum dolce far niente: der Espresso, der nicht einfach im Vorbeigehen getrunken wird. Dazu ein Cornetto, ein Glas Wasser und einige Worte mit der Barista. Erst danach beginnt der Tag. Das lässt sich auch hierzulande ausprobieren: Den ersten Kaffee des Tages nicht vor dem Laptop trinken. Für zehn Minuten das Handy liegen lassen. Auf den Balkon gehen, ans offene Fenster oder in den Garten. Den Morgen nicht sofort mit Nachrichten, Social Media, Mails und Aufgaben füllen. Es sind nur wenige Minuten. Aber sie verändern das Tempo des ganzen Tages.
Auf den Markt gehen
Italienisches Lebensgefühl beginnt oft beim Essen – aber nicht erst auf dem Teller. Ein Marktbesuch gehört im Sommer einfach dazu: Tomaten aussuchen, die nach Sonne riechen, Pfirsiche kaufen, die noch warm sind, frische Kräuter, ein Stück Käse, vielleicht eine schöne Pasta. Es geht nicht darum, möglichst schnell alles auf der Liste abzuhaken. Man schaut, riecht, probiert, lässt sich treiben und nimmt am Ende vielleicht etwas mit, das ursprünglich gar nicht geplant war. Zu Hause wird daraus Cucina Italiana: kein kompliziertes Menü, sondern gute Zutaten, die für sich sprechen. Kochen macht schließlich mehr Spaß, wenn es kein "Pflichtprogramm" ist.
Aber bitte mit Siesta
Aber bitte mit Siesta Eine der schönsten italienischen Gewohnheiten: Gegessen wird nicht einfach nebenbei. Und im August kann das Mittagessen ruhig noch einmal länger dauern. Eine große Schüssel Pasta, Salat, Brot und Oliven – schlicht, sommerlich und unkompliziert. Das Handy liegt außer Reichweite, niemand schaut nach zwanzig Minuten auf die Uhr. Ein Mittagessen ist schließlich nicht nur eine Mahlzeit, sondern auch eine Gelegenheit, zusammenzusitzen. Danach eine kurze Siesta, und sei es nur für 20 Minuten. Oder ein Spaziergang ohne Ziel. Der Nachmittag im August hat schließlich noch ein paar Stunden.
Aperitivo statt Programm
Wenn die größte Hitze nachlässt, beginnt in Italien die schönste Zeit des Tages. Die Straßen werden lebendiger, auf den Plätzen sitzen Menschen zusammen, Gläser klirren, irgendwo läuft Musik. Das Prinzip lässt sich auch zu Hause übernehmen: Aperitivo statt großem Abendprogramm. Ein paar kleine Teller auf den Tisch, Oliven, Käse, Prosciutto, gegrilltes Gemüse oder Bruschetta. Dazu ein alkoholfreier Spritz, ein Glas Wein oder Mineralwasser mit Zitrone und Eis. Freunde einladen, ohne Drei-Gänge-Menü und ohne den Anspruch, dass alles perfekt aussehen muss. Der wichtigste Bestandteil steht ohnehin nicht auf dem Tisch: Zeit.
Den Abend verlängern
Warum muss ein Sommerabend eigentlich um 20 Uhr vorbei sein? In Italien beginnt der Abend oft erst dann richtig, wenn die Temperaturen angenehmer werden. Man geht noch eine Runde spazieren, setzt sich auf eine Piazza, holt sich ein Gelato oder trifft Freunde. Auch hierzulande lässt sich der Abend nach hinten verschieben: nach dem Essen noch die Füße vertreten, durch die Stadt schlendern, auf einer Bank sitzen oder in den Nachthimmel schauen. Oder einfach auf dem Balkon sitzen und reden. Ohne Ziel, ohne Schrittzähler, ohne Podcast im Ohr. Und wenn aus zehn Minuten eine Stunde wird, ist das eben so.
Die Magie des Einfachen
Das italienische Lebensgefühl steckt ohnehin weniger in der großen Inszenierung als in den kleinen Dingen: frische Blumen auf dem Tisch, eine weiße Tischdecke, obwohl kein Besuch kommt, gute Musik, barfuß auf der Terrasse sitzen, eine Kerze anzünden. Den Pfirsich mit den Händen essen, auch wenn dabei Saft über die Finger läuft. Und manchmal einfach nichts tun. Ein Buch lesen und nach drei Seiten einschlafen. Den Nachbarn beim Blumengießen zusehen. Eine Stunde lang reden oder gar nichts sagen. „Auch kleine Ärgernisse müssen nicht gleich zum großen Drama werden. Man kann sich fragen, wie diese Szene in einer Commedia dell’arte aussehen würde – und sie damit für einen Moment etwas kleiner machen. Il dolce far niente ist keine Faulheit. Es ist die ziemlich angenehme Idee, dass nicht jede freie Stunde gefüllt werden muss. Für den August, auch wenn er zu Hause und ohne Urlaub verbracht wird, reicht es manchmal schon, länger sitzen zu bleiben, langsamer zu essen und noch einen Espresso zu bestellen.